Anleitung zum Veredeln: Apfelbäume selber machen

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Wer glaubt, dass aus einem Apfelkern ein Baum wächst, der wieder dieselbe Apfelsorte trägt, irrt gewaltig. Im Allgemeinen fällt der Baum in seine Wildform zurück und aus einem knackigen Kronprinz Rudolph wird wieder ein – meist ungenießbarer – Wildapfel. Um altbewährten Sorten selbst zu vermehren, musst du etwas Fingerspitzengefühl an den Tag legen. Hier erfährst du, wie das Veredeln von Apfelbäumen per Kopulation funktioniert. Zauber dir mithilfe dieses Handwerks einen Ilzer Rosenapfel oder einen wohlklingenden und -schmeckenden Bellefleur in den eigenen Garten.

Altes Wissen verbreiten

Heute stammen die meisten Obstbäume aus Baumschulen, die die Kunst des Veredelns noch beherrschen. Früher war das anders. Wolfgang Weingerl, zertifizierter Obstbaumwärter und Leiter des „Streuobst-Veredelungskurses“ in Palfau in der idyllischen Obersteiermark macht darauf aufmerksam, dass die älteren Obstbäume in der Gegend wohl noch von der Bevölkerung selbst veredelt wurden. Denn auch Laien können die Technik des „Aufpelzens“ erlernen und im besten Fall auch an andere weitergeben, sodass dieses alte Wissen wieder verbreitet wird. Das ist auch deklariertes Ziel des Kurses.

„Veredeln zu können, ist eine Art der Selbstermächtigung.“

Aus zwei mach eins

Was passiert eigentlich beim Veredeln? Bei dieser alten Kulturtechnik werden zwei Pflanzen vereint. Einer widerstandsfähigen Unterlage wird ein sogenanntes Edelreis – ein wenige Zentimeter langer Teil einer Edelsorte – aufgesetzt. Der neue Baum profitiert dann von den Eigenschaften der Unterlage sowie jener Sorte, deren Früchte wir ernten wollen.

Grundsätzlich unterscheidet man je nach Zeitpunkt der Veredelung zwischen Winterveredelung (auch Holzveredelung genannt, da ganze Holzteile miteinander verbunden werden) und Sommerveredelung (Okulieren, weil nur ein Auge eingesetzt wird). Letztere wird erst nach dem 21. Juni durchgeführt, wenn die Pflanze ins Dickenwachstum geht.

Mehr zu den verschiedenen Veredelungstechniken kannst du hier nachlesen.

Heute geht es aber um die Winterveredelung, die vor allem bei Kernobst wie Apfel oder Birne angewandt wird.

Was brauchen wir zum Veredeln? Alle guten Dinge sind drei

Eine robuste Unterlage macht den Baum

 

Unterlage Apfelbaum (c) Stella Haller

Wir verwenden die robuste gezüchtete Sorte M25. (c) Stella Haller

Die Unterlage, also der Teil des Baumes, der Wurzeln schlägt, kann ein Sämling (aus einem Samen gewachsene junge Pflanze) oder gezüchtet sein. Sämlinge werden aber immer hohe Bäume, was für die Obsternte nicht unbedingt praktisch ist. Außerdem bringt die eigene Herstellung von Sämlingen oft kümmerliche Exemplare hervor. Eine gezüchtete Unterlage kann durchaus von Vorteil sein, wenn man bestimmte Eigenschaften erzielen will: etwa eine tiefere Krone oder eine Pflanze, die Trockenheit gut verträgt. Genau deshalb verwenden wir in unserem Kurs eine gezüchtete Unterlage mit dem vielversprechenden Namen “M25”.

Beim Veredeln von Sämlingen ist zu beachten, dass die Unterlage schon im Saft sein muss. Das ist in der freien Natur erst im Frühling der Fall. Im Winter würde das Edelreis auf der Unterlage vertrocknen. Außerdem muss der Baum noch wüchsig – also nicht zu alt – sein.

Jedem Apfel sein Edelreis

 

Edelreis alter Apfelsorten (c) Stella Haller

Zur Auswahl gibt es heute Edelreis folgender alter Apfelsorten: Ilzer Rosenapfel, Steirischer Passermaner, Oderlin und Bellefleur. (c) Stella Haller

Auf die Unterlage wird das Edelreis, das die Apfelsorte vorgibt, “aufgepelzt”. Das Edelreis – ein einjähriger Trieb, der beim Apfelbaum nur Blattknospen ausbildet – wird im Winter in der saftfreien Zeit zwischen Dezember und Jänner geschnitten. Dann müssen wir die Äste bis zum Zeitpunkt des Veredelns lagern.

Tipps zum Sammeln und Lagern von Edelreis:

  • Die Temperaturen sollten beim Schneiden unter 5 Grad liegen, dann ist der Ast in Winterruhe. Dass der Baum in den Saft geht, merkt man, wenn die Knospen zu schwellen beginnen.
  • Zu schwache Zweige eignen sich nicht zum Veredeln mittels Kopulation. Sie sollten in etwa stiftdick sein. Dünnere Zweige muss man anplatten oder als Geißfuß veredeln.
  • Alte Bäume bilden durch starken Anschnitt Wassertriebe aus, die als Edelreis dienen können.
  • Das Edelreis muss bis zum Zeitpunkt der Veredelung richtig gelagert werden – es darf nicht schimmeln, vertrocknen oder gefrieren. Dafür eignet sich ein offener Plastiksack, der unverschlossen in einem feuchten Keller aufbewahrt wird.

Nicht ohne mein Messer!

 

Veredelungsmesser (c) Stella Haller

Achtung, das Veredelungsmesser hat eine sehr scharfe einseitig geschliffene Klinge für einen planen Schnitt. (c) Stella Haller

Zum Veredeln braucht man nicht viel Werkzeug. Das richtige Messer ist jedoch entscheidend für den Erfolg des Unterfangens. Dafür reicht kein Jausenmesser. Ein einseitig angeschliffenes Veredelungsmesser ist ein Muss. Denn dieses Messer sorgt für einen ebenen Schnitt, damit eine perfekte Fläche entsteht, wo sich die Astpartner berühren.

Veredeln will gelernt sein

Das Handwerk des Veredelns braucht einiges an Fingerspitzengefühl und die richtige Technik, um zwei perfekte Schnitte zustande zu bringen. Denn die Flächen der Unterlage und des Edelreises, die wir per Kopulation vereinen, müssen passgleich sein. Nur so können die beiden Teile gut zusammenwachsen.

Jetzt geht’s los! In 9 Schritten zum fertigen Apfelbaum

1 Keimfrei arbeiten

Es ist wichtig, dass keine Keime auf die Schnittflächen kommen, sonst sterben die Zellen des Kambiums ab und das Veredeln funktioniert nicht. Daher auf keinen Fall auf die Schnittfläche greifen und zuerst das Messer mit einem Feuerzeug desinfizieren.

2 Übung macht den Meister-Schnitt

Der Schnitt muss einige Male mit einem weicheren Holz geübt werden, bevor wir die Hand an die härtere Unterlage und das Edelreis des Apfelbaums legen.

3 Daumen schützen

Das Messer ist sehr scharf und der flache Schnitt muss ziehend mit Schwung ausgeführt werden. Zudem schneidet man gegen den Daumen. Daher: Zur Sicherheit den Daumen mit einem Maler- oder Gafferband umwickeln.

4 Fläche gibt Kraft

Der Schnitt soll schräg sein, damit die sich berührende Fläche möglichst groß ist und das Kambium hier gut zusammenwachsen kann.

5 Das perfekte Doppel

Zuerst schneiden wir die Unterlage auf ein paar Knospen (ca. fünf bis zehn Zentimeter über dem Wurzelstock). Diesen Schnitt duplizieren wir dann beim Edelreis auf Höhe eines Auges, wobei das Auge nach außen zeigt. Passt der Schnitt, so schneiden wir den Rest des Edelreis auf zwei bis drei Augen zurück. Aus einem Edelreiser können etliche Bäume veredelt werden.

6 Zunge raus

Nun werden die beiden Äste deckungsgleich aufeinander gepresst. Hier gibt eine sogenannte Gegenzunge zusätzlich Halt.

7 Aufwärts wickeln

Mit einem Veredelungsbast oder -gummi wird die Schnittstelle von unten nach oben fest umwickelt. Dabei ist es wichtig, dass die Knospen frei bleiben.

8 Schnitt verarzten

Abschließend wird alles rund um die Veredelungsstelle mit Verstreichmittel oder Baumwachs eingeschmiert, damit die Wunde luftdicht abgeschlossen ist. Das obere Ende des Edelreises ebenfalls einstreichen, die Augen jedoch freilassen. Das Kambium der beide Äste wächst – wenn die Bedingungen gut sind – zusammen, sodass der Saft nach einigen Wochen wieder fließen kann und die Knospen des Edelreises austreiben.

9 Bäumchen, wachs!

Nun kann ich mein Mini-Bäumchen mit nach Hause nehmen. Raus in den Garten darf der junge Apfelbaum aber erst im Mai, wenn kein Frost mehr auftritt. Bis dahin heißt es: An einen kühlen Ort stellen und regelmäßig gießen. Ich hoffe, das Glück ist meinem edlen Bäumchen hold!

Autorin: Stella Haller

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