Am Gänsestrich: Raststätte für Weitreisende

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Was bewegt Wildgänse dazu in Scharen und in eigenartigen Formationen am Himmel über dem Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel zu fliegen? Der Gänsestrich natürlich. Wir haben uns rund um ihre Raststätte umgesehen und wollten herausfinden, was dieser Gänsestrich überhaupt ist.

 

Insofern man kein Experte ist, lässt einen der Titel der heutigen Veranstaltung etwas ratlos zurück. „Der Gänsestrich“, steht hier und insbesondere der zweite Teil des Titels löst bei mir viele Fragen aus: Heißt das, dass die Gänse in einer Linie schwimmen werden? Oder, dass sie in ihren Formationen den Himmel füllen und schwarz erscheinen lassen?

Etwa 50 Interessierte jeden Alters haben sich heute, ein paar Tage vor dem ersten Schnee des Jahres (jedoch schon mit entsprechendem Temperaturen), vor dem Infozentrum des Nationalparks Neusiedler See Seewinkel versammelt. Der Gänsestrich, so erfahren wir noch vor unserem Aufbruch, bezeichnet ein Phänomen, bei dem Gänse, die im Nationalpark leben oder aus dem hohen Norden gekommen sind, in Linien am Himmel zu sehen sind. Über größere Distanzen, fliegen sie in der typischen V-artigen Formation.

Im Rahmen eines Projektes werden die Gänse dabei auch jährlich gezählt. Heute soll das auch bestimmen, wo wir genau hinfahren. Es heißt also flexibel sein.

Generell befinden wir uns beim zweitgrößten Schilfgürtels Europas in einer flachen, steppenartigen Zone. Diese ist jedoch zum Teil nur sekundär, also durch menschlichen Einfluss entstanden.  Hier, fernab der nicht-begehbaren Bewahrungszone und am Rande einer Salzlacke, versuchen wir heute unser Glück.

 

Exkursionsleiter Josef (c) Katharina Kropshofer

Schnattern in der Ferne

Während die Exkursionsleiter Josef und Flora noch die ersten allgemeinen Informationen zu Nationalpark und Gänsen preisgeben, hört man in der Ferne schon das Schnattern der Protagonisten des heutigen Nachmittags. Ihr Aufenthalt im Nationalpark hat verschiedene Motivationen: Da sind einerseits die Graugänse mit ihrem rosa Schnabel, von denen 1200 Brutpaare meist das ganze Jahr im Nationalpark bleiben. Anders sieht es um die Blässgänse aus, die ihre charakteristische weiße Blässe im Gesicht tragen. Die Art, die man zu dieser Jahreszeit am häufigsten hier antrifft. Sie sind mehrheitlich aus Sibirien angeflogen und nützen Wasserflächen im Schilfgürtel als Rastplatz und Schutz vor Füchsen oder Adlern. In Glücksfällen kann man auch Zwerggänse oder Rothalsgänse beobachten. Ebenfalls Gäste aus dem hohen Norden. Insgesamt ergibt sich so eine gewaltige Zahl: Bis zu 40.000 bis 50.000 Gänse werden hier, auf der Raststation ihrer Zugstrecke, jedes Jahr gezählt.

Doch wieso tun sie sich das überhaupt an? Blickt man in die bibbernden Gesichter der Besucher, liegt die Antwort nahe. Jedoch ist es nicht primär die Kälte, die sie das winterliche Weite suchen lässt. Denn durch ihre Füße und einer speziellen Struktur der Blutgefäße sind sie eigentlich an die Kälte gut angepasst. Die Arterien bilden mit den aus den Füßen aufsteigenden Venen eine Art Gegenstrom-Wärmeaustausch. Das Blut in den Venen übernimmt die Wärme des absteigenden, arteriellen Bluts und wir sozusagen vorgewärmt, bevor es in den Körper zurückfließt, erklären die Exkursionsleiter. Eine notwendige Anpassung, um nicht zu erfrieren.

Endlich wird uns auch die Definition des Gänsestrichs klarer!

Vielmehr sind es die Nahrungsquellen, die den Vögeln im hohen Norden fehlen. Endlich wird uns auch die Definition des Gänsestrichs klarer: Bei Sonnenaufgang fliegt der Gänsetrupp auf umliegende Felder, um gewohnt vegetarisch Gras, Körner oder übrig gebliebene Feldfrüchte mit ihrem mit Lamellen versehrten Schnabel zu picken. Beim sich jetzt schon nähernden Sonnenuntergang geht es wieder zurück. Geflogen wird in Gruppen aus verschiedenen Arten, bei längeren Strecken sind aber Familienverbände unterwegs.

Striche am Himmel

Immer wieder sieht man nun solche „Striche“ in der Ferne. Ein Trupp zieht am Himmel vorbei, oft auch in V-Formation. „Das hilft um Energie zu sparen“, sagt Josef. Auch kommt einem sofort das Phänomen der Schwarmintelligenz in den Kopf, welches bis heute noch nicht ausreichend erklärbar ist. In der Welt der Ornithologie bleibt es weiter ein Mysterium und eine der ungelösten Fragen der Vogelwelt – ebenso wie die genauen Mechanismen der Navigation während des Vogelzugs, wie Josef anmerkt.

Um dem weiter auf den Grund zu gehen, hat man dieses Jahr zum ersten Mal auch 16 der Gänse mit einem Sender versehen. Mit Hilfe einer App namens animal tracker kann jeder und jede so den Weg der Tiere genau nachverfolgen. So sehen wir, dass „Johanna“ (wie eine der Gänse getauft wurde) vor kurzem in den Norden Deutschlands und dann in den Seewinkel geflogen ist. „Viele der Gänse haben einen extra Mauserplatz und überwintern später bei uns“, erklärt Josef, „da kommt dann schon einiges an Kilometern zusammen.“

Eine andere Gans befindet sich gerade an der bosnisch-kroatischen Grenze.

Eine der Fragen, die die Besenderung beantworten soll, lautet auch, wie weit und ob die Gänse überhaupt noch ziehen. So bleiben viele Graugänse zum Beispiel auch vermehrt über den Winter im Nationalpark, manche ziehen weiter nach Süd- oder Osteuropa. Früher seien viele der Tiere bis nach Nordafrika weitergeflogen. Die Vermutung ist jedoch, dass es sich für die Vögel nicht mehr auszahlt, sich der Gefahr über dem Meer auszusetzen. Denn auch hier finden sie mittlerweile aufgrund von längeren Vegetationsperioden und geringerer Schneedecke genügend Nahrung. Durch höhere Temperaturen und weniger frostige Tage bleiben die Gewässer oft eisfrei – ein weiterer Vorteil.

Durch das Spektiv, das in die andere Richtung gerichtet ist, erkennt man nun auch gut einen Trupp an Blässgänsen, auch wenn sie sich – für Kenner – schon vor dem Blick durch das Fernglas mit ihrem Geschnatter verraten haben. Der Nachwuchs ist mittlerweile schon groß und nur schwer von den anderen Tieren zu unterscheiden. Blässgänse brüten nicht hier, zeigen aber ein ähnlich interessantes Sozialverhalten wie die Graugänse.

(c) Katharina Kropshofer

„Hauptsache nicht single“

So war schon Konrad Lorenz, der Begründer der Verhaltensbiologie auf die markanten „Familienaufstellungen“ der Gänse – vor allem der Graugänse – aufmerksam geworden. Prinzipiell leben diese in einer monogamen Dauerehe. Jedoch keineswegs zu 100 Prozent. Vater und Mutter Gans kümmern sich zwar beide um den Nachwuchs, jedoch sind sie nur während deren Aufzucht strikt monogam. Der Grundsatz? „Hauptsache nicht single“, sagt Josef grinsend. Einzelgänger werden nämlich vom Rest der Gruppe weggebissen.

Während wir auf weitere vorbeiziehende Striche warten, erklären die beiden Exkursionsleiter auch die verschiedenen Gesten der Gänse. Hals im rechten Winkel, Schnabel geradeaus, aufrechter Stand? Das heißt Aufmerksamkeit. „Entweder lauert Gefahr, oder es stimmt was innerhalb der Gruppe nicht“, so Josef.  Auch kann der Hals nach vorne gerichtet sein. Ist das von aufgeregtem Schnattern begleitet, will die Gans einfach nur grüßen. Pfaucht sie jedoch, kann man sich denken, dass das nicht das beste Zeichen ist. Auch stolz und Verliebt-sein drücken die Gänse durch ihre Körperhaltung aus.

Vielsagende Blicke werden in der Runde ausgetauscht: So komplex haben sich viele das Leben der Gänse vermutlich nicht vorgestellt. Auch wenn wir das Verhalten heute nicht im Detail beobachten können, reichen die Bilder, die sie erzeugen, wenn sie beinahe kitschig im Sonnenuntergang über das Wasser fliegen. (Autorin: Katharina Kropshofer)


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