Gamsbrunft: Wenn das Hüpfen zu heiß wird

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Im Nationalpark Gesäuse kann man jeden November beobachten, wie sich Gamsböcke durch die Felsen jagen, um die Weibchen zu beeindrucken. Doch die warmen Temperaturen machen den Tieren zu schaffen. Unterwegs im Hochgebirge.

 

Es ist früh, zumindest für meine Verhältnisse, als wir umzogen von Nebelschwaden in einem kleinen Trupp von vier Leuten aufbrechen. Doch das gilt nicht für Hubert Koidl. Er ist Berufsjäger der Steiermärkischen Landesforste und normalerweise schon bei Sonnenaufgang unterwegs. Ein zweites Mal zieht es ihm am Abend raus – und das jeden Tag. Koidl kennt sein Revier sehr gut. Sicher führt er uns einen Pfad, der fern vom normalen Weg verläuft, durch engen Fels und Waldstücke hinauf Richtung Hesshütte im Nationalpark Gesäuse.

Jäger Koidl (c) Katharina Kropshofer

Unser Ziel ist es Wildtiere in freier Natur zu beobachten. Aber nicht nur irgendwelche Tiere: Wir sind auf den Spuren der Gämsen, die zu ihrer Brunftzeit im November, für gewöhnlich in den schroffen Felsen der Kalkalpen zu finden sind. Gämse sind Hochgebirgsarten und leben das ganze Jahr über in verschieden großen Gruppen. Meist handelt es sich dabei um Weibchen mit ihren Jungtieren. Die Böcke leben einzelgängerisch, jedoch gibt es sogenannte Platzböcke, die sich mit den meisten Gaisen paaren, erzählt der Berufsjäger auf dem Weg. Um die Rangordnung zu bestimmen, warten auch andere Böcke ein wenig abseits der Gruppen auf ihre Chance. Um einer Gais zu imponieren, die meist nur einen Tag der Brunftzeit fruchtbar ist, konkurrieren die Böcke untereinander. „Es geht um Ausdauer und sie posieren richtig“, sagt Koidl. Anders wie bei Hirschen, die richtige Kämpfe abhalten, jagen sich die Gamsböcke wild durch die Gegend und machen Geräusche – das sogenannte „bledern“, bei dem der Bock wie wild die Zunge rausstreckt  – die eher an das Glucksen eines Schneehuhns erinnern, als an Brunftschreie eines ziegenartigen Säugetiers.

„Wer am meisten stinkt, gewinnt“

Wer am meisten Aufmerksamkeit erregt und sich besonders imposant aufbläst, hat die besseren Chancen. „Und wer am meisten stinkt“, so Koidl. Dafür reiben sich die Böcke für den bestimmten „Duft“ mit ihrem eigenen Urin und Sperma ein. Auch der bekannte Gamsbart – bei dem nicht wirklich ein „Bart“ sondern die Rückenhaare der Tiere gemeint sind – wachsen zur Brunftzeit stark, damit die Männchen größer wirken. Oft kann man sehen, wie sie scheinbar absichtlich auf einem besonders hohen Felsblock stehen, in König der Löwen-Manier in die Ferne blicken und dabei ihren Körper präsentieren.

Steigende Temperaturen

Auch wenn der Weg steil und anstrengend ist, bringt uns nicht nur die Anstrengung zum Schwitzen. Die Temperaturen wirken beinahe Frühlingshaft, als wir bei Gezwitscher der Stieglitze und kurzärmlig durch den Wald spazieren. Alexander Maringer, Biologe und Leiter des Fachbereichs Naturschutz im Nationalpark Gesäuse merkt an, dass es mitunter sogar vorkommt, dass die Vögel ein zweites Mal brüten. Und auch die Gämsen sind von den hohen Temperaturen beeinträchtigt: Bei normalem Brunftverhalten jagen sich die Gämsen sehr schnell durch die Gegend. Doch bei dieser Hitze ist den Tieren beim Laufen schlicht zu warm, was nicht nur an dem beträchtlichen Bauchspeck liegt, den sie sich im Sommer angefressen haben.  

Durch den Fön ist es am Berg aber sogar noch eher wärmer als im Tal. Es bringe den Gämsen deshalb auch nicht wirklich etwas, wie viele Alpenpflanzen durch den Klimawandel nach oben auszuweichen. Vermehrt blicken wir deshalb in Richtung der Ränder der Latschengrenze und auf die Schattenhängen, um zu sehen, ob wir durch das Fernglas ein paar braune, hüpfende Flecken entdecken.

Es ist jedoch nicht sicher, ob wir überhaupt etwas sehen werden. Will man Wildtiere beobachten, muss man genügsam bleiben und keine falschen Erwartungshaltungen zeigen. „Viele Touristen und Besucher erwarten sich eine regelrechte Show, bei der sich die Gämsen waghalsig über die Felsen jagen“, sagt Andreas Hollinger, Fachbereichsleiter für Kommunikation im Nationalpark. Er nennt das den Universums-Effekt.

„Wir sind aber nicht im Zoo, deshalb weiß man nie, was man sieht.“

 

Ein Blick ins fremde Schlafzimmer

Doch anscheinend gehören wir zu den Glücklichen: Schon kurz nach dem ersten Aufstieg erblicken wir auf dem gegenüberliegenden Hang zwei Gämsen, die sich von der Gruppe entfernt haben. Sofort erkennt der Jäger, dass es sich um einen Bock und eine Gais handelt. Die Männchen haben einen eher quadratischen Körperbau und ihre Hörner, auch Krickerl genannt, sind stärker nach hinten gebogen. Wir alle haben nun unsere Ferngläser und Spektive gezückt und fühlen uns beinah voyeuristisch, als wir über den Graben hinweg in ein fremdes „Schlafzimmer“ blicken. „Wir sind Männer – und Frauen – die auf Ziegen starren“ sagt Maringer scherzhaft.

Aber auch am Verhalten erkennt man die Tiere sehr gut auseinander: Der Bock folgt der Gams, immer wieder bewegen sie sich im Kreis. Jetzt heißt es dranbleiben. Kurz wirkt es so, als hätte sich unsere Geduld gelohnt: Behutsam legt der Bock seinen Kopf über ihren Nacken. „Das ist ein gutes Zeichen, wahrscheinlich bespringt er sie gleich“, sagt Koidl, der plötzlich euphorischer klingt – ungewohnt bei seiner sonst eher stoischen Art. Also warten wir weiter.

Die Experten aus dem Nationalpark erzählen währenddessen von genetischen Analysen, die ergeben haben, dass die Weibchen definitiv nicht nur vom Platzbock befruchtet werden. Sie lebe auch nur scheinbar monogam. Von Mai bis Juni werden dann die Kitze geboren. Bis in den Frühling des darauffolgenden Jahres dürfen sie noch mit der Gruppe mitziehen, bevor sie sich selbst ein neues Revier oder eine neue Gruppe suchen müssen. Manche Jungböcke ziehen dabei sogar übers Tal – vermutlich instinktiv, um genetische Durchmischung zu garantieren.

(Bei dieser Fotogalerie braucht man „noch“ den Feldstecher:)

Veränderte Bedingungen, veränderte Populationen

Nach einer Stunde ist unsere Geduld am Ende und wir beschließen, die Liebenden alleine zu lassen. Es zieht uns weiter Richtung Gipfel. Jedes Jahr im September werden die Gämse in einer Fläche von 30.000 Hektar simultan gezählt. So weiß man, dass der Bestand bei etwa 370 Stück liegt, jedoch in der ganzen Region stagniert. „Die Abschusszahlen sind in den letzten 20 Jahren deutlich gesunken, das heißt, die Population sollte sich eigentlich erhöhen“, sagt Alexander Maringer. Doch das tut sie nicht. Den Grund sieht er in einer Kombination aus Faktoren: Das wärmere Wetter lässt die Gämsen nicht nur „schwitzen“, es begünstigt auch Parasiten wie den Lungenwurm. Auch Koidl erblickt durch sein Fernrohr einige Tiere, die schwach und krank wirken. Man erkenne das, weil die Tiere husten und sich ihr Fell entweder gar nicht oder zu spät verfärbt. Außerdem ist da noch der Faktor Mensch: Während wir heute die einzigen auf dem Berg sind, ist der Sommer- und Wintertourismus in der Gegend sehr stark. Viele Störungen bedeuten auch viel Stress für die Tiere.

„Die Abschusszahlen sind in den letzten 20 Jahren deutlich gesunken, das heißt, die Population sollte sich eigentlich erhöhen – tut sie aber nicht“

Die veränderten Bedingungen führen auch zu einer Änderung in der Populationsstruktur. Die Folge sind viele Jungtiere, jedoch nur wenige ältere, erfahrene Tiere. „Das führt dann dazu, dass sich die Tiere zum Beispiel öfter in gefährlichen Lawinenhängen aufhalten, weil sie es einfach nicht besser wissen“, erklärt Koidl. Eingreifen wird der Berufsjäger heute jedoch nicht, denn im Nationalpark herrscht Prozessschutz. Das heißt, dass natürliche Abläufe zugelassen werden.

Kurz vor dem Gipfel erblicken wir plötzlich Gämse in allen Richtungen. Acht Tiere kommen von links, auf einem Hang rechts von uns jagen sich bereits zwei Böcke über den Fels, und oben an der Felskante ragt immer wieder ein neugieriger Kopf hervor, der auf uns zu blicken scheint. Kurz bevor wir umdrehen erspähen wir noch ein zufriedenstellendes Bild: eine ältere, schon grau melierte Gams beobachtet uns stolz vom obersten Felsgipfel. Sie hat dieses Jahr keine Verehrer mehr und wird vermutlich auch kein Kitz mehr bekommen. Doch das macht nichts: Glücklich beobachten wir, wie ein Jungtier – vermutlich aus dem Vorjahr – seiner Mutter zärtlich übers Gesicht schleckt. Es ist Zeit, wieder ins Tal zurückzukehren. (Autorin: Katharina Kropshofer)

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