Kaum ein Schmetterling ist in Österreich so hochgradig gefährdet wie das Moor-Wiesenvögelchen. Risiken aber auch Chancen für diese Art wollen wir daher heute näher beleuchten.

Der sprichwörtlich “oberflächlich betrachtet” unscheinbar braun gefärbte Falter (Coenonympha oedippus) mit knapp 4 Zentimeter Flügelspannweite zeigt seine vollendete Schönheit auf den Flügelunterseiten. Eine orangebraun abgegrenzte metallisch-silberne Randlinie, gelb umrandete Augenflecken, besonders am Hinterflügel, der vorderste deutlich nach innen gerückt, sowie eine höchstens schmale weiße Binde machen die Art unverwechselbar. 

Die Chance sie anzutreffen ist allerdings sehr gering! 

Aktuell sind nur zwei winzige Fundorte im Bundesgebiet bekannt, ganz im Osten und ganz im Westen. Weshalb die Art in unseren Regionen schon früher sehr lokal war, ist nicht bekannt. Der bevorzugte Lebensraum sind Niedermoore mit Pfeifengraswiesen, ein noch vor einigen Jahrzehnten relativ weit verbreiteter Wiesentyp. Auch die Raupenfutterpflanzen, verschiedene Gräser wie Pfeifengras oder Sauergräser, liefern keine Erklärung für die Seltenheit der Art. 

Darüber hinaus gibt es in den Südalpen auch Populationen in ausgeprägten Trockenrasen, allerdings auch hier mit einem feuchtwarmen Mikroklima in Bodennähe. Sicher ist jedoch, dass viele frühere Populationen durch Intensivierung von Feuchtwiesen verschwunden sind.

Augenzeugenberichte aus dem Westen

Ein Blick zurück in die 1970er Jahre, die Jugendzeit des Verfassers dieser Zeilen. Eine Fahrradtour in die Feuchtgebiete bei Bangs, der westlichsten Ortschaft Österreichs. Das Moor-Wiesenvögelchen nennt zwischen Ende Juni und Ende Juli die feuchten Streuwiesen im gesamten Gebiet als sein Zuhause. Entdeckt wurde es hier bereits 1925 durch den Amateurschmetterlingsforscher Prof. Franz Gradl. 

Wenn auch die Art bereits damals als absolute Besonderheit galt, so konnte sie doch im mittleren Rheintal an insgesamt 6 sumpfigen Flugstellen lokal nachgewiesen werden. Die Feuchtwiesen verdienten vor knapp 100 Jahren wohl auch diese Bezeichnung. So schreibt Gradl (1933):

„Daß C. oedipus hier … solange nicht aufgefunden wurde, ist wohl in erster Linie dem Umstande zuzuschreiben, daß das Vorkommen als sehr lokal bezeichnet werden muß und daß die Sumpfniederungen eine weite Ausdehnung besitzen und in nassen Jahren schwer zugänglich sind.“ 

Und heute? Die Streuwiesen sind durch die Rheinregulierung und den damit einhergehenden markanten Rückgang des Grundwasserpegels um mehrere Meter weitgehend trocken gefallen. Vielerorts treten Neophyten wie Goldruten auf. Hinzu kommt die großflächige Umwandlung in intensiv landwirtschaftlich genutzte Flächen. 

Gerade unmittelbar vor der Unterschutzstellung der Streuwiesen im Vorarlberger Rheintal und Walgau wurden etwa 40% der damaligen Gebiete wissentlich zerstört. 

Die treibende Kraft? Profit vor Naturschutz!

Schließlich wurde die ehemals im Winter stattfindende Mahd stetig vorverlegt, aktuell bereits auf den 1. September. Die Folgen dieser gravierenden Eingriffe sind für alle Feuchtgebietsarten dramatisch. So konnte der Autor in einer Studie nicht nur das weitgehende Verschwinden des Moor-Wiesenvögelchens, sondern von etwa 90 % aller ehemals bekannten Feuchtgebietsschmetterlinge nachweisen.

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Ein letztes Hoffnungsgebiet existiert jedoch noch:

Image
Niedermoor Bangser Unterried

Aktuelle Bestandssituation

An der unmittelbaren Grenze zum Fürstentum Liechtenstein flattert er bis heute, der seltenste Tagfalter Österreichs. Eine Lehmschicht im Boden und die dadurch verursachte Staunässe nach Regenfällen haben das Aussterben des Moor-Wiesenvögelchens bisher verhindert.

Ähnliches gilt für die im angrenzenden Liechtenstein nachgewiesenen und eng mit den Vorarlberger Tieren in Zusammenhang stehenden Populationen. Auch der zweite noch bekannte österreichische Standort bei Moosbrunn in Niederösterreich ist ein besonders feuchtes Quellmoor. Beide Vorkommen sind streng geschützt. Speziell auf die Art angepasste Maßnahmen sind aber dringend nötig, um das langfristige Überleben zu sichern.


Ein Blick über die Grenzen

In den Nachbarländern Schweiz und Deutschland ist die Situation für die Art ähnlich prekär wie hierzulande. Nur ganz wenige kleinste Vorkommen sind aus dem St. Galler Rheintal bekannt. Die Populationen im Südtessin sind trotz Ankaufs der letzten Vorkommensfläche durch einen frühen Naturschützer verschwunden. Die wertvolle Wiese wurde versehentlich von einem Nachbarn gemäht und schon war die Art ausgestorben! 


In Deutschland galt der Falter seit 1952 als ausgestorben und wurde sogar als „Verschollenes Wiesenvögelchen“ bezeichnet. Die Wiederentdeckung im Jahr 1996 an einer früher bekannten Fundstelle war daher eine kleine Sensation. Zwar wurde seither mit erheblichem Aufwand versucht den Lebensraum zu verbessern, trotzdem können auch heute maximal ein paar Dutzend Falter auf etwa 1 Hektar gezählt werden. 


Es gibt aber eine gute Nachricht.

Das Moor-Wiesenvögelchen ist in einem schmalen Streifen zwischen dem 43. und 48. Breitengrad von den Pyrenäen bis zum Ural verbreitet. Darüber hinaus zieht sich das Verbreitungsgebiet in anderen Unterarten bis in den Fernen Osten und nach Japan. So zählt die Art beispielsweise im Altai-Gebirge zu den häufigen, ungefährdeten Arten. Insgesamt gesehen ist die Art daher nach IUCN nahe gefährdet „near threatened“. Aber hilft das, wenn wir solch wertvolle Reliktarten bei uns endgültig verlieren? 

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