Am Trockenrasen: Zwischen Zwergen und Gezwitscher

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Adonisröschen, Kuhschellen, Smaragdeidechsen und zahlreiche andere Organismen sind im frühjahrlichen Trockenrasengebiet des Naturparks Neusiedler See-Leithagebirge keine Seltenheit.

Der Weg, der von der Straße wegführt, ist schmal und unscheinbar, die gute Laune jedoch vielversprechend. Wir, eine Gruppe von 30 Leuten, haben uns vorbildlich früh am Sonntag versammelt und folgen Naturpark-Guide Inge Czasny vom Naturpark Neusiedler See – Leithagebirge ins Grüne. Unser Ziel: Der perfekte Ausblickspunkt für die fünf Landschaftselemente des Naturparks, vom Leithagebirge bis zum Neusiedler See. Die Höhe des Aussichtspunkts birgt aber – zumindest für diejenigen, die wie ich aus dem Westen Österreichs kommen – trotzdem keine Gefahr für Anfälle von Höhenkrankheit. Zuvor geht es noch vorbei an Robinien, die Czasny als Sorgenbäume des Burgenlands bezeichnet, weil sie eingeschleppt wurden und viele andere Arten überwuchern. Und auch die ersten Frühjahrsboten finden sich unter den Bäumen: Weiß und lila sprießt der Hohle Lerchensporn, violett die Veilchen.

Der Titel der Exkursion „Im Zwergenland der Botanik“ wird schnell geklärt: Da die Substratschicht auf Trockenrasen relativ dünn ist, wachsen die Pflanzen nicht auf dieselbe Größe wie an anderen Standorten. Czasny bittet uns, die Köpfe nach rechts zu drehen. „Prägt euch das, was ihr hier seht, gut ein. Ich erzähle euch später wieso.“ Rechts von uns zeigt sich ein recht steiler, trockener Hang mit vielen Büschen und vereinzelten, kleinen Bäumen. Anfängliches Grübeln, leicht zu entlarven durch zusammengezogene Augenbrauen, legt sich bald. Zu viel gibt es zu sehen und zu verstehen. Hier, im Naturschutzgebiet Thenau in der Nähe des burgenländischen Breitenbrunn, treffen mehrere Habitatsformen direkt aufeinander: Ein Feuchtgebiet, das durch Weiden, Erlen und einen dichten Unterbewuchs leicht erkenntlich ist; vis-a-vis der trockene Magerrasen, auf dem wir nun unseren kleinen Aufstieg beginnen.

Mit der Zeit wird auch die Smaragdeidechse neugierig und kommt näher

Giftige Hundertfüßer, neugierige Eidechsen

Der Temperaturunterschied ist sogleich spürbar – nicht nur wegen der vereinzelt zurückgelegten Höhenmeter. Während Pullover um die Hüfte gebunden werden, entdeckt einer der Teilnehmer bereits ein Tier, das die Hitze zu schätzen weiß: Eine Äskulapnatter schlängelt sich durch das Gras und verschwindet gleich wieder unter einem Holzstoß. Zeit für eine kurze zoologische Einführung. Neben dieser ungiftigen Schlange findet man in der Gegend auch die Ringelnatter. Dazu kommt die bedrohte Smaragdeidechse, sowie Zaun- und Mauereidechsen. „Der Steinbruch hinter uns ist außerdem eine von zwei Stellen in Österreich, an denen Gürtelskolopender nachgewiesen wurden“, sagt die Exkursionsleiterin. Mit bis zu 15 Zentimetern gehören sie zu den größten Hundertfüßern Europas. Ihr Gift, das über einen Biss übertragen wird, kann selbst für Menschen etwas gefährlich, zumindest jedoch sehr schmerzhaft werden. Mit etwas Geduld und Entfernung von der Gruppe, bekommt man auch die eine oder andere Smaragdeidechse zu sehen, die – gar nicht scheu – neugierig näherkommt, um einen zu beobachten. Auch Ölkäfer, Grillen, Zaunkönige, Eichelhäher, Zitronenfalter und Schwalbenschwänze begegnen uns auf unserem Weg.

An der Abbruchleiste des Steinbruchs kann man genau erkennen, was einen Trockenrasen (der eine Art von Magerrasen ist) ausmacht: Eine dünne Humusschicht und einen spärlichen Bewuchs. „Jetzt müsst ihr eure Augen umstellen“ sagt Czasny und verweist auf die ersten Frühjahrsblüher, die hier am Trockenrasen aus dem Boden zu sprießen beginnen. Da sind die gefährdeten Adonisröschen, die als Vertreter der Hahnenfußgewächse kräftig dottergelb den Rasen bedecken. Mit bis zu sieben Zentimetern Durchmesser sind sie ein perfekter Landeplatz für Insekten. Selbst die ersten Kuhschellen sind bereits zu sehen: die zartlila Große Kuhschelle, auch Küchenschelle genannt, sieht man heute am häufigsten. Vereinzelt erblicken wir zudem die eine oder andere Wiesen-Kuhschelle (auch Schwarz-Küchenschelle genannt), gekennzeichnet durch ihre kräftig schwarz-violetten Blütenblätter. Wer die Kuhschelle hier am Trockenrasen betrachten will, muss schnell sein: Sie ist eine der ersten, die im Frühling aufblüht und dementsprechend schnell wieder verblüht. Ihr Bestand ist am Abnehmen: Die Große Kuhschelle ist laut roter Liste stark gefährdet, die schwarze „nur“ gefährdet. Ein weiterer Grund, wieso hier bei jedem Schritt Vorsicht gilt.

Fehlende Pflegemaßnahmen

Die Besonderheit der Kuhschellen ist, so Czasny, dass ihre Samen mit dem Wind verbreitet werden. Selbst wenn sie abgeblüht sind, wächst der Samenstand noch weiter, damit die Samen mit ihren Härchen leichter weggetragen werden können, um dann mit Widerhaken versehen an einem neuen Ort hängenzubleiben. Aber nicht nur die Vielzahl an Blumen macht diesen Ort besonders. „Ihr steht hier auf einer geografischen Trennlinie, die es sonst fast nirgends so gibt“, meint sie. Im Westen sehe man die letzten Ausläufer der Ostalpen, auf der anderen Seite gebe es noch einen Steppeneinfluss aus dem ungarischen Gebiet. Der Kern des Leithagebirges ist Urgestein, also Quartz, Gneiss und Glimmerschiefer. Darüber ein Kalkmantel. Selbst wenn sich Flora und Fauna nicht immer an diese Trennlinien halten, kann man an diesem Ort viele Dinge beobachten, die es sonst so nicht zu sehen gibt.

Und dann wird endlich das Rätsel von Beginn des Tages aufgelöst: „Erinnert ihr euch, dass ich gesagt habe, ihr sollt euch den Hang fest einprägen?“ fragt Czasny in die Runde und deutet auf die weiten, freien Flächen. „So würde es auch hier aussehen, wenn wir keine Pflegemaßnahmen hätten.“ Das, was wir hier sehen, ist ein sekundärer Trockenrasen, also ein in den letzten Jahrtausenden durch menschliche Nutzung in Form von Beweidung erhaltener Lebensraum. Wird er nicht beweidet und händisch von Hölzern befreit (meist in Form des sogenannten Schwendens), würde die Fläche innerhalb von 40 oder 50 Jahren verbuschen, irgendwann vielleicht sogar ein Eichenwald zurückkommen. Das führe immer wieder zu Problemen für die Naturschützer: Eine durchgehende Landwirtschaft mit Großvieh könne kaum bewerkstelligt werden, weil das Geld fehle. Für das Schwenden brauche man spezielle Geräte, da man den nicht allzu tief verwurzelten Pflanzen sonst schaden würde. Immer seltener werden Trockenrasen beweidet oder gepflegt und bieten so weniger Lebensraum für Adonisröschen, Küchenschelle, Smaragdeidechse und Co. „Seitdem ich in diesem Gebiet arbeite, reden wir davon, dass wir mehr Pflegemaßnahmen brauchen“ sagt Czasny „aber bei manchen Sachen stehen wir einfach an.“ (Autorin: Katharina Kropshofer)

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