„Literatur & Wandern“: Auf ein Wort in der Natur mit Bodo Hell

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Bodo Hell. Grafenbergalm

(c) Norbert Mayr

Bei einer Veranstaltungsreihe „Literatur und Wandern“, die wir gemeinsam mit dem Literaturhaus NÖ organisieren, vereinbaren wir ein Gespräch mit Bodo Hell, seines Zeichens faktenorientierter Autor, mehrfacher Literaturpreisträger und vortragender Teilnehmer der Veranstaltung, die am 13. Mai 2017 am Hundsheimer Berg am Hof der Familie Zillner, einem Partnerbetrieb des Blühenden Österreichs* standfand. Treffpunkt seiner Wahl: Das Naturhistorische Museum in Wien. In der Regel ein recht ungewöhnlicher Ort für ein Interview, doch es stellt sich bereits im Vorfeld des Gesprächs heraus, dass der Ort nicht passender sein könnte.

 

Nach dem Erwerb einer Jahreskarte machen wir uns mit Herrn Hell auf die Suche nach einem ruhigen Plätzchen zum Plaudern und werden bereits währenddessen Zeuge seiner unbändigen Begeisterung für die Natur und ihre Vielfalt. Kaum ein Ausstellungskasten, der ihn nicht zum Stehenbleiben zwingt und ins Schwärmen geraten lässt. Schlussendlich lassen wir uns auf zwei Hockern nieder: Rechts von uns die antiken Zungenknochen diverser Vogelarten, ihre Gehörknöchelchen zu unserer Linken. Ein Bild von einem Ort für ein Gespräch mit Bodo Hell!

Herr Hell, Sie nehmen demnächst an der Veranstaltung „Literatur & Wandern“ teil. Sind Sie zum ersten Mal dabei?

Nein, die Wanderung am 13. Mai ist bereits das dritte Mal für mich. Davor war ich einmal in der Wachau und einmal in Weitental mit dabei und habe immer wunderbare Erfahrungen gemacht. Die Wanderungen waren stets hervorragend organisiert und auch besonders informativ, da auch ein Naturkundeführer als Experte mitwandert.

Was erwartet die Teilnehmer am 13. Mai?

Es wird auf den Hundsheimer Kogel gehen, einen sowohl faunisch als auch botanisch höchst interessanten Berg an der Hainburger Pforte. Er ist nämlich ein Kalkkegel mit einer sehr speziellen Vegetation inklusive eines Trockenrasenexperiments der Universität. (Anm. d. Red.:  Die Hundsheimer Berge, eine für Fauna und Flora bedeutende Wärmeinsel am Westrand der pannonischen Ebene, stellen eines der Zentren der biologischen Vielfalt entlang des europäischen Grünen Bandes dar.) Leider wird eine Charakterpflanze dieser Region die Kornelkirsche, besser als „Dirndl“ bekannt, schon verblüht sein. In der niederen Vegetation der Trockenrasen könnte uns mit etwas Glück dafür eine Sägeschrecke begegnen. Das Highlight werden aber höchstwahrscheinlich die Schafe und Ziegen der Familie Zillner sein, die uns auch mit hausgemachten Produkten bewirten wird. Was diese kleinen Wiederkäuer angeht, bin ich ja quasi Experte, da ich seit knapp 40 Jahren Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde auf einer Alm betreue.

Was fasziniert Sie an diesen Tieren?

Abgesehen davon, dass Ziegen einen sieben Mal längeren Darm als der Mensch haben, sind die Pupillen der Ziegen besonders faszinierend. Sie haben nämlich eine horizontale Schlitzpupille mit ausgefranstem Rand, die es einem unmöglich macht zu wissen wo das Auge hinschaut. Dazu gibt es auch ein Grimm’sches Märchen, das besagt, nach dem die gesamte Schöpfung fertig gestellt war, der Teufel den lieben Gott bat auch noch etwas beitragen zu dürfen. Der Geschichte nach sprach Gott „dann musst du dir die Augen ausreißen“, was der Teufel natürlich tat und sie der Ziege einsetzte.
Darüber hinaus sind Ziegen unerhört vif: Man darf nicht erwarten, dass man eine Ziege in seinen Garten stellen kann und der gesamte Grund kahl gefressen wird. Diese schlauen Tiere suchen sich nämlich nur die Leckerbissen heraus und haben mir selbst, während des Melkens, schon so manches Stück Brot aus der Tasche gestohlen.

Gerade das Verhalten der Ziegen habe ich genau studiert und auch einige Texte dazu verfasst. Davon wird man auf der Wanderung sicher etwas hören: Hier ein kleines Beispiel:

„Capriccio
Nachdem Sie nun von der Kutt (so einer selbstständigen Geißengruppe, die auch ohne Begleitung die richtigen Wege gar durchs Dorf und zu den Weiden zu finden weiß) ausgiebig gemustert worden sind, ohne dass sich beidseitig irgendeine aufmunternde physiognomische Regung gezeigt hätte, würden Sie sich dann schon glücklich schätzen, wenn irgendein Anzeichen darauf hindeutete, dass bei aller Starre, die Ihnen entgegenprallt, Sie doch als vertraute Person wahrgenommen worden sind, den Bann könnten Sie selbst dann etwa dadurch brechen, dass Sie die in der Obersteiermark allgemeine Rufbezeichnung ‚Dääsin Dääsin‘ für Ziegen (oder den jeweils in der Gegend gebräuchlichen Lockruf ‚Kummseeseei Kummseeseei‘) hören ließen, dann wäre zumindest jenes Tier, das Ihnen am innigsten zugetan erscheint, zu einem Meckern bereit und liefe als erstes auf Sie zu, mit der neidvollen Restgruppe hinterher, denn es könnte ja etwas Mitgebrachtes aus dem Sack geben, das man nicht versäumen dürfte.“

Was verbindet Wandern und Literatur? Ist Bewegung in der Natur eine Quelle der Inspiration?

In der Tat. Vor allem der Rhythmus des Gehens bringt gewisse Gedanken und vor allem auch Worte ans Licht, die man ohne Bewegung wahrscheinlich nicht gefunden hätte. Dieser natürliche Rhythmus findet sich auch in meinen Texten wieder. Der Reichtum und die Vielfalt der natürlichen Umgebung bildet gewissermaßen auch ein unendliches Repertoire an zu erklärenden Phänomenen. Außerdem gibt es in der Natur gute und schlechte Orte, also Orte, die einen wie magisch anziehen oder mit ungutem Gefühl umkehren lassen. Solche Situationen inspirieren mich immer wieder zu neuen Fragestellungen und Ideen.

Gab es einen speziellen Moment in Ihrer literarischen Laufbahn, der Sie zum naturverbundenen Schreiben veranlasst hat?

Im Sinne der Katalogisierung der Welt war das naturverbundene Schreiben bzw. das Schreiben über die Natur schon lange vor meiner Zeit da. Für mich persönlich war sicherlich der Kulturschock des bäuerlichen Lebens, das ich seit knapp 40 Jahren in den Sommermonaten führe, ein ausschlaggebender Faktor. Im ländlichen Raum wird einem der Gesamtzusammenhang des Ökologischen bewusst und tatsächlich vor Augen geführt, was in der Stadt nicht der Fall ist.

Sowohl die unterschiedlichen Sozialkontakte zwischen Stadt und Land, als auch die ländliche Mundart oder die metaphorische Jägersprache haben mich immer wieder zum Nachdenken gebracht und zum Schreiben inspiriert. Auch die Probleme eines Senners bezüglich Viehzucht, Fertilität, Forstwirtschaft, Naturschutz u.v.m. sind wichtige Faktoren für meine Arbeit.

Haben Sie die geschilderten Situationen und Bilder in Ihren Texten selbst erlebt?

Auf jeden Fall. Man könnte es sogar als eine Art Anschauungsunterricht bezeichnen. Man muss ja nicht unbedingt wissen, wie der Zungenknochen des Papageis heißt, es reicht ihn sich anzusehen und darüber nachzudenken, wie und warum die Evolution ihn erschaffen hat.

Sie sind ja auch passionierter Fotograf. Wie lässt sich Natur Ihrer Meinung nach besser einfangen, mit Worten oder Bildern?

In Kombination und im besten Fall durch Foto, Zeichnung und Text. Ich selbst zeichne nicht künstlerisch sondern skizziere, da sich einem durch schematisches Darstellen Geist und Wesen einer Pflanze erst wirklich eröffnen.

Das Interview führte Bettina Ostermann


Wortgewandtes Sprachgenie, kritischer Beobachter, sympathischer Gesprächspartner und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Uns hat Bodo Hell bereits im städtischen Umfeld in seinen Bann gezogen.

Wer lyrische Texte in idyllischer Landschaft in Kombination mit spannenden Fakten über Flora und Fauna am Wegesrand genießen möchte, sollte sich diese Wanderung nicht entgehen lassen. Wir verlosen 3 x 2 Karten für „Literatur und Wandern mit Bodo Hell“ am 13. Mai 2017!

ZUR PERSON

Der am 15. März 1943 in Salzburg geborene Bodo Hell studierte Orgel am Salzburger Mozarteum, Film und Fernsehen an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Wien, sowie Philosophie, Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Nach seiner Studienzeit beschloss Hell sich ganz dem Schreiben zu widmen. Seine Werke reichen seit den 70er Jahren von literarischen Publikationen bis zu experimenteller Prosa veröffentlicht als Bücher, Hörspiele, Text-Foto-Bände und Filme. Seinen Wohnsitz in Wien tauscht Bodo Hell seit knapp 40 Jahren in den Sommermonaten mit der Grafenberg-Alm am Dachstein, wo er Schafe, Ziegen, Pferde und Rinder betreut. In dieser ländlichen Umgebung findet der faktenorientierte Autor Inspiration zu seinen naturverbundenen Texten.

www.bodohell.at

*Blühendes Österreich unterstützt seit 2015 über sein Naturschutzprogramm die Familie Zillner bei Erhalt und Pflege der ökologisch wertvollen Weideflächen in den Hundsheimer Bergen. Die Familie Zillner, mittlerweile zwei Generationen, beweiden mit ihren 120 Schafen und 33 Ziegen insgesamt 60 Hektar. Gegenwärtig hat Blühendes Österreich 113 Vertragspartner und trägt zum Schutz von über 325 Hektar ökologisch wertvollsten und gefährdeten natürlichen Lebensraum bei.

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