Mitten im Acker befindet sich ein Hügel. Auf den ersten Blick wirkt er wie eine unregelmäßige Erhebung. Doch dieses Bauwerk ist weder zufällig entstanden noch das Werk landwirtschaftlicher Maschinen. Es wurde von Mäusen errichtet. Die Ährenmaus sieht aus wie eine gewöhnliche Hausmaus. „Es gibt kleine Unterschiede, Nuancen in der Fellfärbung. Die Schwanzlänge ist bei der Ährenmaus ein bisschen kürzer, aber es ist zu wenig, um es als eindeutiges Unterscheidungsmerkmal herzunehmen“, erklärt Biologin und Ährenmausexpertin Elke Schmelzer.
Einzigartig unter den heimischen Kleinsäugern
Während ihre nahen Verwandten Keller und Scheunen bewohnen, lebt die Ährenmaus draußen auf Wegrändern, Äckern und Brachen. Besonders geeignet sind kleine, unregelmäßige Bereiche: ein Zwickel zwischen zwei Feldern, ein stehen gebliebener Randstreifen, eine Wildbrache neben einem Sonnenblumenacker. Dort finden die Mäuse Disteln, Gräser, Gänsefußgewächse und Erntereste.
Im Spätsommer trägt sie diese Vorräte gemeinsam mit Artgenossen zusammen und bedeckt den Futterhaufen mit Erde. „Meist schließen sich fünf bis vierzehn Tiere zusammen. Viele von ihnen sind miteinander verwandt“, sagt Schmelzer. In einem Umkreis von etwa fünf bis zwanzig Metern tragen sie Samen und Pflanzenteile herbei. Was für eine Maus erreichbar ist, wird geprüft, abgebissen, über den Boden gezogen oder im Maul zum entstehenden Hügel gebracht.
„Es ist wirklich faszinierend, wenn man sieht, wie Sonnenblumenkerne oder andere Sämereien so schön übereinandergelegt werden und letztendlich ein bis zu einem halben Meter hoher Ährenmaushügel daraus entsteht“, sagt Schmelzer. Unter den heimischen Kleinsäugern ist die Ährenmaus die einzige Art, die solche großen, oberirdischen Vorratshügel errichtet.
Vom Samenkorn zum Mäusehügel
Zuerst wächst ein Haufen aus Samen, Ähren und Stängeln. Dann folgt eine Schicht aus Stroh oder Laub. Diese trennt den Vorrat von der Erde, die zuletzt darüber geschoben wird. Die fertige Abdeckung kann fünf bis fünfzehn Zentimeter dick sein. Große Hügel erreichen rund vierzig Zentimeter Höhe und mehr als einen Meter Länge.
Die Tiere scharren mit den Vorderpfoten, schieben die Erde mit den Hinterbeinen nach oben und tragen einzelne Brocken im Maul. Dabei bewegen die Mäuse nicht nur ein paar Handvoll Erde. „Wir sprechen hier von hundert bis zweihundert Kilogramm Erde, die da diese rund ein Dutzend Mäuse bewegen, also mehr als zehn Kilo pro Tier“, sagt Schmelzer. Gemessen an ihrem eigenen Körpergewicht ist die Leistung enorm.
Die emsigen Baumäuse müssen immer wieder loslaufen, klettern, Pflanzenhalme bearbeiten und Material über eine weite Strecke tragen. Zahlreiche solcher Gänge sind nötig, bis der Hügel geschlossen ist.
Wärme in der Mäusepyramide
Unter dem Erdhügel verbringen die Mäuse dann gemeinsam die kalten Monate. Anders als echte Winterschläfer bleiben sie grundsätzlich aktiv und ernähren sich von ihren Vorräten. Bei großer Kälte können sie ihren Stoffwechsel jedoch zeitweise stark herabsetzen. Herzschlag und Körpertemperatur sinken, der Energieverbrauch wird reduziert.
Zusätzlich wärmen sich die Tiere gegenseitig. „Das nennt man Kontaktliegen“, erklärt Schmelzer. „Die Tiere formen eine Art Pyramide, indem sie sich aneinanderkuscheln und auch übereinanderliegen.“
Der Hügel schützt sie aber nicht vor jeder Gefahr. Mauswiesel, Steppeniltisse, Greifvögel und Eulen jagen im Offenland nach Mäusen. „Natürliche Fressfeinde gehören zum Leben auf dem Feld. Eine andere Gefahr entsteht, wenn der Vorratshügel im Herbst durch die Bodenbearbeitung zerstört wird.“
Wenn der Pflug den Hügel stehen lässt
Für Landwirtinnen und Landwirte sind die Vorratshügel im Herbst zunächst kleine Hindernisse im Acker. Bei der herbstlichen Bodenbearbeitung können diese kleinen Erhebungen leicht unter den Pflug geraten. Für die Ährenmäuse hängen daran jedoch Nahrung, Schutz und das gesamte Winterquartier. Wird ein Hügel im Herbst umgebrochen, gehen nicht nur die gesammelten Samen verloren. Auch das Gangsystem und die Nestkammern unter der Erde können zerstört werden.
Wird die kleine Erhebung umfahren, kann die Mäusegruppe darunter weiter von dem leben, was sie im Spätsommer zusammengetragen hat. „Landwirte können diese Hügel im Herbst einfach umfahren. Am besten kennzeichnet man die Hügel mit Stecken, die man vom Traktor aus gut sehen kann“, sagt Schmelzer. Im März, wenn die Fortpflanzungszeit beginnt, brauchen die Tiere ihr Winterlager nicht mehr. Dann kann auch der Hügel wieder in den Acker eingearbeitet werden.
Von außen wirkt ein Ährenmaushügel wie eine unauffällige Unebenheit im Acker. Darunter liegen ein Vorrat, mehrere Gänge und vielleicht ein Nest voller eng zusammengerückter Mäuse. Ein Bauwerk, das von Tieren errichtet wurde, die kleiner sind als eine Handfläche. „Eine Ährenmaus ist viel mehr als nur eine Maus“, sagt Elke Schmelzer. „Das Faszinierende an diesen kleinen Wesen ist der Bau des Vorratshügels, bei dem sie Unmengen an Vorrat und Erde zusammentragen, sich dabei untereinander organisieren, Jahr für Jahr. Das ist eine Meisterleistung.“