Als Maria Schmidt und Harald Stoiber den Hof in Going am Wilden Kaiser 2014 übernahmen, waren die umliegenden Flächen seit Jahren intensiv bewirtschaftet worden. „Es gab nur Gräser, Löwenzahn und Hahnenfuß. Das hat mir nicht gefallen. Ich wollte bunte Blumenwiesen um uns haben, mit Insekten und Vögeln“, erinnert sich Schmidt. Seitdem verändern die Beiden den Hof Schritt für Schritt. Artenreiche Wiesen kamen hinzu, eine Wildhecke, ein Naturteich, eine Streuobstwiese, 13 Hühner, 7 Schafe und ein 100-prozentiger Dünge- und Pestizidverzicht. Auch die Mahd wurde so umgestellt, dass Insekten und andere Kleintiere möglichst wenig gefährdet werden. Der Hof arbeitet dabei mit Fachleuten aus Ökologie und Naturschutz zusammen. „Wir schaffen Artenvielfalt. Das ist unser Produkt“, sagt Maria Schmidt. Dieser Satz beschreibt eine Landwirtschaft, deren Ertrag sich nicht nur in Lebensmitteln oder Futter messen lässt. Beobachtet wird auch, welche Pflanzen zurückkehren, welche Insekten Blüten besuchen und welche Tiere neu geschaffene Strukturen annehmen. Sand und Stein spielen dabei eine besondere Rolle.
Kinderstuben im Sandhaufen
Beide Materialien wirken zunächst karg. Doch gerade dort, wo wenig wächst, entstehen offene Flächen und Hohlräume, die bestimmte Arten nutzen können. Beim Sandhaufen zeigt sich das an kleinen, runden Öffnungen in der Oberfläche. „Sie führen zu den Kinderstuben der Wildbienen“, erklärt Schmidt. Die Weibchen graben Brutröhren in den Sand und legen an deren Ende einzelne Brutzellen an. Jede Zelle enthält einen Vorrat an Pollen und Nektar, bevor ein Ei hineingelegt und der Zugang verschlossen wird.
Ob aus den kleinen Öffnungen tatsächlich sichere Kinderstuben werden, entscheidet das Material. „Der Sand muss lehmhaltig sein, sonst können die Tiere keine Röhren graben“, erklärt Schmidt. Gewaschener Spielsand eignet sich deshalb kaum. Er rieselt leicht nach und gibt den Wänden der Brutröhren zu wenig Halt. Ungewaschener Sand enthält dagegen feinere Bestandteile, die das Material bindiger machen. Ein gewisser Lehmanteil hält die Wände zusammen und macht aus dem Haufen erst einen brauchbaren Brutplatz.
„Aber genauso wichtig sind ein sonniger Standort und eine offene Oberfläche.“ Wird der Sandhaufen von Pflanzen überwachsen, verlieren die Wildbienen den Zugang zu ihren Brutröhren. Wildbienen sind allerdings nicht die Einzigen, die den Sandhaufen interessant finden. Die zwei Hofkatzen Merlin und Mim könnten ihn leicht für ein Katzenklo halten. Dornenzweige schützen das Sandarium deshalb vor unerwünschten Besuchen, lassen den Wildbienen aber genügend Platz zum Einfliegen. „Wir zählen jedes einzelne Nistloch“, lacht Schmidt.
Wärme im Steinhaufen
Während Wildbienen den Sand selbst bearbeiten, nutzen Eidechsen und andere Kleintiere die Hohlräume, die zwischen aufgeschichteten Steinen entstehen. Am Hof Going Artenreich verbindet eine Trockensteinmauer den angelegten Naturteich mit einer weitläufigen Wildhecke aus 1.150 heimischen Sträuchern. Auf ihren Kronen wachsen bereits Mauerpfeffer und Fetthenne, in den Fugen verschwinden Eidechsen. „Die Eidechsen können in dieser breiten Steinmauer überwintern, weil die Temperaturen im Inneren weniger stark schwanken. Es muss aber nicht gleich eine aufwendige Steinmauer sein“, sagt Schmidt. „Auch ein locker geschichteter Steinhaufen oder eine kleine Steinpyramide werden gut angenommen.“
Bereits eine Steinpyramide mit etwa einem Meter Durchmesser am Fuß kann im Inneren ausgeglichenere Bedingungen schaffen. Sie lässt sich in einer Wiese, am Feldrand oder im Garten aufschichten und bietet Eidechsen und anderen Kleintieren einen geschützten Rückzugsort. Entscheidend ist, dass unterschiedlich große Steine stabil aufliegen und ausreichend Zwischenräume bleiben. Werden alle Lücken mit Erde verfüllt, geht ein wesentlicher Teil der Struktur verloren.
Sand- und Steinhaufen sind am Hof Going Artenreich nur zwei von vielen Strukturen. Dazwischen liegen Wiesen, Hecken, Obstbäume, Asthaufen und Kompost. Jeder dieser Orte bietet andere Bedingungen: Sonne oder Schatten, trockene Spalten oder feuchte Rückzugsräume, offene Flächen oder dichte Deckung. Erst im Zusammenspiel entsteht daraus ein Hof, der für viele Arten an unterschiedlichen Stellen etwas bereithält. Vieles davon lässt sich auch auf kleiner Fläche nachbauen. Es braucht nicht möglichst viel Material, sondern einen geeigneten Platz und etwas Geduld. Ein Haufen wird nicht in dem Moment zum Lebensraum, in dem er aufgeschichtet ist. Er wird es, wenn die Tiere ihn finden und die Struktur lange genug bestehen darf.