Zwischen Holz und Stein
Wenn man einen Asthaufen liegen lässt, entwickelt er sich Woche für Woche zu einem immer attraktiveren Ökosystem. Asthaufen entstehen häufig nach der Pflege von Hecken, Feldgehölzen oder Obstbäumen, wenn das Schnittmaterial an Ort und Stelle bleibt.
Für Igel oder Spitzmäuse sind Asthaufen bezugsfertige Rückzugsorte. Zwischen den Ästen finden sie Schutz vor Fressfeinden und Witterung, ganz ohne selbst einen Unterschlupf anlegen zu müssen. Auch zahlreiche Insekten nutzen die Lückenräume zwischen den Ästen. Die verzweigte Struktur schafft unterschiedliche Mikrohabitate mit verschiedenen Temperaturen und Feuchtigkeitsverhältnissen. So entstehen günstige Bedingungen für viele wirbellose Tiere, die wiederum als Nahrungsgrundlage für Kleinsäuger dienen.
Steinhaufen übernehmen ähnliche Aufgaben, erfüllen aber zusätzlich eine besondere Funktion: Sie speichern Wärme und geben sie zeitverzögert wieder ab. Dadurch entstehen günstige Bedingungen für Reptilien wie die Zauneidechse. Als wechselwarmes Tier kann sie ihre Körpertemperatur nicht selbst konstant halten. Erst wenn ihr Körper ausreichend aufgewärmt ist, wird die Zauneidechse richtig aktiv. Dann arbeiten Stoffwechsel und Verdauung schneller, die Muskeln reagieren besser und das Tier kann jagen, flüchten oder einen geeigneten Paarungsplatz aufsuchen. Warme Steine sind für sie deshalb nicht bloß Sonnenplätze, sondern eine Voraussetzung dafür, sich sicher und erfolgreich durch ihren Lebensraum zu bewegen.
Gleichzeitig profitieren kleine Beutegreifer wie Hermeline von den Hohlräumen zwischen den Steinen. Anders als viele andere Säugetiere legen sie keinen eigenen Bau an, sondern nutzen vorhandene Spalten, Hohlräume oder verlassene Gänge als Unterschlupf. Dort finden sie Ruheplätze und geschützte Orte für die Aufzucht ihrer Jungen. Von solchen Strukturen aus gehen sie auf Mäusejagd. Mit ihrem langen, schlanken Körper können Hermeline ihren Beutetieren bis in enge Gänge folgen. Steinhaufen werden so zu wichtigen Jagdstützpunkten und können indirekt zur natürlichen Regulierung von Mäusepopulationen beitragen.
Im Sand
Eine besondere Rolle spielen offene Sandflächen. Rund drei Viertel der heimischen Wildbienen nisten im Boden und sind auf offene, möglichst sonnige Bodenstellen angewiesen. Arten wie Sandbienen, Furchenbienen oder Seidenbienen graben ihre Brutröhren in lockeren, besonnten Untergrund und legen dort ihre Nester an. Bereits kleine Sandhaufen können geeignete Bedingungen schaffen, wenn sie nicht nur ausreichend besonnt sind, sondern auch nicht regelmäßig betreten oder befahren werden.
Von solchen offenen Bodenstellen profitieren jedoch nicht nur Wildbienen. Auch Grabwespen nutzen sandige Flächen für ihre Brutzellen. Viele Arten versorgen ihren Nachwuchs mit erbeuteten Raupen, Spinnen oder Blattläusen und tragen damit zur natürlichen Regulierung anderer Insekten bei.
In lockerem Sand leben außerdem die Larven der Ameisenlöwen. Was später als filigranes, libellenähnliches Insekt durch die Luft fliegt, verbringt mehrere Jahre verborgen im Sand und jagt dort kleine Insekten. Die Larven legen trichterförmige Fanggruben an und lauern auf deren Grund auf vorbeikommende Ameisen und andere kleine Insekten. Begibt sich ein Tier auf die lockere Sandfläche, rutscht es in den Trichter ab. Mit gezielten Sandwürfen verhindert die Larve die Flucht ihrer Beute und zieht sie schließlich unter die Oberfläche.
Unter der Laubdecke
Weniger auffällig, aber ebenso bedeutsam sind Laub- und Wurzelhaufen. Sie speichern Feuchtigkeit, gleichen Temperaturschwankungen aus und schaffen kühle Rückzugsräume in einer sonnigen und trockenen Umgebung. Amphibien wie Erdkröten, Grasfrösche oder Molche nutzen solche Bereiche in Gewässernähe als Tagesversteck und teilweise auch als Winterquartier. Unter einer dicken Laubschicht bleibt der Boden selbst während Trockenperioden länger feucht. Hier finden unzählige kleine Bodenbewohner ein stabiles Mikroklima, das sie vor Hitze und Austrocknung schützt.
In den unteren Schichten arbeiten Regenwürmer, Asseln, Springschwänze, Milben und Tausendfüßer am Abbau organischer Substanzen. Gemeinsam mit Pilzen, Bakterien und anderen Mikroorganismen zersetzen sie abgestorbenes Pflanzenmaterial und machen die darin enthaltenen Nährstoffe wieder für Pflanzen verfügbar. Dieser Prozess bildet die Grundlage für fruchtbare Böden und trägt zur Humusbildung bei. Solche Strukturen fördern damit nicht nur die Artenvielfalt über der Erde, sondern auch jene weitgehend verborgene Gemeinschaft aus Bodenlebewesen, die für funktionierende Ökosysteme unverzichtbar ist. Mit zunehmenden Hitze- und Trockenperioden gewinnen diese feuchten Mikrohabitate zusätzlich an Bedeutung, weil sie lokale Rückzugsräume für viele Arten schaffen.
Ein einzelner Haufen kann vielen Arten helfen. Sein Potenzial wächst jedoch, wenn mehrere solcher Strukturen über die Landschaft verteilt sind. Ein Asthaufen am Hof, ein Steinhaufen am Feldrand und eine offene Sandfläche in einem sonnigen Randbereich schaffen gemeinsam deutlich mehr Lebensraum als jede Struktur für sich allein. Für viele Arten entstehen dadurch neue Möglichkeiten, sich in der Landschaft zu bewegen und unterschiedliche Ressourcen zu nutzen. Wichtig ist, dass solche Kleinstrukturen möglichst ungestört bleiben und nicht jedes Jahr komplett abgeräumt werden. Wer sie stehen lässt, schafft ohne Aufwand Lebensräume.