Als Johanna Gerhalter 2002 auf den landwirtschaftlichen Betrieb in Michelbeuern kam, wusste sie über Moore nicht viel mehr als andere Landwirtinnen und Landwirte. Heute spricht sie mit Begeisterung über Seggenriede, Wasserstände und Moorböden. Den entscheidenden Anstoß gab eine Exkursion mit einem Moorfachmann. „Er hat so begeistert über das Moor gesprochen, über die vielen Pflanzen und die Tiere, dass ich mir gedacht habe: Ich brauche gar nicht nach Afrika auf Safari fahren. Das Leben spielt sich hier ab – bei mir zu Hause.“ So wurde aus anfänglicher Neugier eine echte Leidenschaft und schließlich der Entschluss, auf ihren Flächen ein Moor wiederzuvernässen.
Vor hundert Jahren wurde alles entwässert
Der Betrieb liegt mitten im Oichtental, einer rund 15 Kilometer langen Moorlandschaft im Salzburger Flachgau. Einst prägten ausgedehnte Niedermoore das Tal. Im Ersten Weltkrieg wurde der Bach begradigt. Anschließend sorgten Gräben und Drainagen dafür, dass die Flächen zunehmend entwässert wurden. Ein erheblicher Teil des ehemaligen Moorgebiets ging dadurch verloren.
Von den rund 40 Hektar Grünland des Betriebs liegen heute etwa 15 Hektar im Moorgebiet, rund 10 Hektar davon stehen unter Naturschutz. Für Johanna Gerhalter ist diese besondere Lage Verantwortung und Chance zugleich. Voraussetzung für die Wiedervernässung der Moorflächen war die Bereitschaft, sich auf ein gemeinsames Projekt mit dem Land Salzburg einzulassen, von dem sie die Flächen gepachtet hat.
Eine Exkursion zu einem bereits wiedervernässten Moor in Saalfelden räumte letzte Zweifel aus. „Der Bauer hat mir erzählt, wie das geht – und es geht gut. Da habe ich mir gedacht: Das schaffen wir auch.“
Nachbar:innen waren skeptisch
Ganz ohne Diskussionen verlief der Weg allerdings nicht. Einige Nachbar:innen begegneten dem Projekt zunächst skeptisch. Die Sorge, dass rund um das Moor große Flächen unter Wasser gesetzt werden und dadurch nicht mehr bewirtschaftbar sein würden, war unbegründet. Hydrologische Untersuchungen haben gezeigt, dass das Anheben des Wasserstands nur kleinräumig wirkt. „Wenn man eine Drainage wie mit einem ,Stöpsel‘ verschließt, betrifft das bei uns ungefähr fünf Meter links und fünf Meter rechts davon – und nicht die ganze Landschaft.“ Im Herbst wurden schließlich in mehreren Entwässerungsgräben regelbare Wehre eingebaut. Je nach Bedarf können dadurch einzelne Bereiche wieder entwässert werden, etwa kurz vor der Mahd. Die praktische Bewirtschaftung bleibt damit weiterhin möglich.
Entwässerte Moorböden verschwinden rasch
Besonders beeindruckt hat Johanna jedoch eine Exkursion nach Wildshut. Dort wurde ihr erstmals bewusst, wie rasch entwässerte Moorböden verschwinden. „Bei mehrnutzigem Grünland baut sich das Moor jedes Jahr um etwa einen Zentimeter ab, bei Ackerflächen sogar um fünf Zentimeter.“ Was diese Zahlen tatsächlich bedeuten, wurde erst bei einer Bodenprofilgrabung sichtbar. Meter für Meter legte ein Bagger die Geschichte des Moores frei und zeigte, wie viel Moor in den vergangenen Jahrzehnten bereits verloren gegangen ist. „Ich habe früher immer gesagt: Das ist die schöne schwarze Moorerde. Aber schwarze Moorerde heißt eigentlich: Sie baut sich bereits ab. Wir brauchen die braune Moorerde.“
Erhalt der eigenen Produktionsgrundlage
Heute bedeutet Wiedervernässung für sie nicht in erster Linie Naturschutz, sondern den Erhalt der eigenen Produktionsgrundlage. „Wenn wir die Flächen auch in Zukunft extensiv bewirtschaften wollen, müssen wir etwas tun.“ Dadurch bleibt die landwirtschaftliche Nutzbarkeit erhalten. Die Arbeit auf den Moorflächen erfordert Erfahrung und gute Organisation. Die Ernte muss oft innerhalb weniger trockener Tage eingebracht werden. Das spät gemähte Futter eignet sich vor allem für Kalbinnen und trockenstehende Kühe. Die Streu wird in den Ställen verwendet und anschließend als hochwertiger Mist auf intensiv genutzten Wiesen ausgebracht. Für Johanna schließt sich damit ein natürlicher Kreislauf. „Wir bringen den Kohlenstoff wieder zurück in den Boden. Ich glaube, genau das ist unser Beitrag zum Klimaschutz.“
Kiebitz und Warzenbeißer
Heute zählt Johanna nicht nur ihre Heuballen. Sie beobachtet Kiebitze, Brachvögel, Pflanzenarten und sogar den Warzenbeißer. Aus einer landwirtschaftlichen Fläche ist für sie längst ein Lebensraum geworden, mit dem sie sich persönlich verbunden fühlt. „Irgendwann wird der Brachvogel mein Brachvogel oder der Kiebitz mein Kiebitz. Man baut eine ganz andere Beziehung auf, wenn man sich verantwortlich fühlt.“ Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis erfolgreicher Moorrenaturierung. Sie beginnt nicht mit Wehren oder Gräben, sondern mit Menschen, die ihre Landschaft neu entdecken. Wer einmal gelernt hat, das Leben im Moor zu sehen, erkennt darin weit mehr als eine feuchte Wiese – nämlich einen Schatz, der über Generationen erhalten werden kann.