So wie der Seele des Menschen im Deutschen und in den meisten anderen Sprachen ein weiblicher Artikel zugeordnet wurde, könnte man auch im zarten und wenig aggressiven Schmetterling, der mit seiner Bestäubungsarbeit die Pflanzenvielfalt des Planeten fruchten lässt und bewahren hilft, mehr weibliche als männliche Eigenschaften sehen. In vielen, vorwiegend südeuropäischen Sprachen wie im Griechischen mit “πεταλούδα (Petaloúda)“, dem Italienischen mit “La Farfalla“, dem Spanischen mit “La Mariposa“ oder dem Portugiesischen mit „La Barboleta“ wird dem Schmetterling auch tatsächlich ein weiblicher Artikel zugeordnet.
Schmetterlinge werden zudem in vielen Sprachen mit erotischer, manchmal auch abwertender Bedeutung aufgeladen. So wird die italienische Verkleinerungsform des Schmetterlings farfallina verniedlichend auch als Synonym für den weiblichen Genitalbereich verwendet. Die ruhelosen Falter, die tagsüber oder auch nachts von Blüte zu Blüte flattern, sowie die Tagfalter-Weibchen, die sich von den Männchen rasch in wilde Balzflüge verwickeln lassen, gelten in einigen Sprachen auch als Synonym für „leichte Mädchen oder Damen“. So wird im Italienischen auch die Prostituierte farfalla genannt und im Portugiesischen borboleta, während homosexuelle Männer im Spanischen durchaus abwertend als mariposa bezeichnet werden.
Vielleicht spielen für den Vergleich von Prostitutierten mit Schmetterlingen auch männlich-patriarchale Fantasien eine Rolle, welche erstere lieber als flatterhafte und vergnügungssüchtige Wesen mit einem ungezügelten Drang nach sexueller Befriedigung sehen möchten, als der Realität ins Auge zu blicken, dass viele Prostituierte aus einer prekären Notsituation handeln oder von Männern gewaltsam in diesen Beruf gezwungen werden.
Im Deutschen kennen wir zudem alle den Begriff, Schmetterlinge im Bauch zu spüren, wenn wir frisch verliebt sind. Und auch im Chinesischen gelten balzende Schmetterlinge als Symbol einer glücklichen Liebesbeziehung.
Im Deutschen, gemeinsam mit anderen west- und osteuropäischen Sprachen, ist der Schmetterling - sowie als sprachliches Synonym der Falter - hingegen männlichen Geschlechts. Dies ist umso verblüffender, als den meisten anderen Insekten im Deutschen ein weiblicher Artikel zugeordnet wurde. So heißt es die Biene, die Wespe, die Libelle, die Wanze, die Zikade, die Laus, die Schabe, die Ameise, die Heuschrecke, die Fangschrecke und die Fliege. Nur wenige Insekten wie der Ohrwurm, der Floh und der Käfer haben wie der Schmetterling einen männlichen Artikel erhalten. Interessanterweise ist die Raupe als Larvenstadium aber weiblich, womit der Schmetterling - rein sprachtechnisch gesehen - im Puppenstadium auch eine Geschlechtsumwandlung von der weiblichen Raupe zum männlichen Falter vollzieht.
Laut dem Innsbrucker Sprachwissenschaftler Manfred Kienpointner, der ein ganzes Buch über das Wort Schmetterling und seine Bedeutung in etwa 200 Sprachen geschrieben hat und den ich für diesen Artikel kontaktierte, ist der Schmetterling und der Käfer nicht unbedingt zufällig männlich. Denn im Deutschen sind große und/oder potenziell gefährlichere Tiere eher maskulin, wie der Wolf, der Bär, der Löwe, der Tiger, der Gorilla, der Stier, der Elefant, der Wal, der Hai, der Saurier oder der Adler, während kleine oder winzige Tiere in der Allgemeinbezeichnung eher einen weiblichen Artikel bekommen, wie eben die vielen oben schon erwähnten Insektenarten.
Auch wenn uns Käfer und Schmetterlinge klein erscheinen mögen, sind innerhalb der Gruppe der Insekten gerade in diesen beiden Ordnungen die prächtigsten, größten oder schwersten Insekten zu finden. Beide haben Männer zudem seit Jahrhunderten dazu gebracht, sie auch in der Freizeit zu jagen, einzufangen und umfangreiche Sammlungen anzulegen. Man kann also festhalten, dass innerhalb der eher unbeliebten Tiergruppe der Insekten jene zwei mit dem größten Sympathiewert einen männlichen Artikel erhielten.
Auch auf der Ebene der unterschiedlichen Schmetterlingsarten dominieren im Deutschen männliche und sächliche Namen. So heißen besonders schöne und prächtige Tagfalter zum Beispiel der Kaisermantel, der Apollo, der Kardinal, der Admiral, der Waldportier, der Schwalbenschwanz oder das Tagpfauenauge. Jene, bei welchen die Farbgebung den Namen bestimmt, wie beim Weißling, Gelbling und Bläuling und bei allen Artnamen, die mit -falter enden, versteht sich das männliche Geschlecht von selbst.
Bei den wissenschaftlichen Namen unserer Tagfalter zeigt sich hingegen ein deutlich anderes Bild. Diese Namen wurden vorwiegend in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vergeben, allen voran vom berühmten Carl von Linné, aber auch seinem Schüler Johann Christian Fabricius, den Theologen Denis und Schiffermüller und mehreren Entomologen. Mit Ausnahme der berühmten Maria Sibylla Merian (1647–1717) waren und sind auch heute noch deutschsprachige Taxonomen fast immer Männer. Die Taxonomie ist übrigens jener Wissenschaftszweig, welcher Arten nach einem einheitlichen Verfahren klassifiziert und ihnen auch einen wissenschaftlichen und damit weltweit gültigen Namen verleiht.
Carl von Linné, als Begründer der modernen Taxonomie, gab als fundierter Kenner der griechischen Mythologie zahlreichen heimischen Schmetterlingen die Namen von Göttern, Helden und Heilkundlern. Die Götter Apollo (für mehrere Apollofalter-Arten) oder Eros (für den Eros-Bläuling, Polyommatus eros), sowie Ikarus (für den Hauhechel-Bläuling, Polyommatus icarus) oder die Heilkundler Machaon (für den Schwalbenschwanz Papilio machaon,) und Podaleirios (für den Segelfalter, Iphiclides podalirius) sind hier zu nennen. Auch wenn ich nicht alle heimischen Tagfalternamen analysiert habe, scheinen männliche Namen nach einer ersten Übersicht keineswegs zu überwiegen. Mindestens so viele Falter tragen die Namen von Nymphen, Musen, Königstöchtern, Göttinnen und Geliebten des Zeus. Viele von ihnen hatten ein tragisches Schicksal zu erdulden. Sie wurden jedoch zugleich für ihre Schönheit und Anmut verehrt.
Beispiele sind etwa die Pieriden. Das sind jene Musen, von denen sich der Gattungsname unserer Weißlinge ableitet. Der Gattungsname sämtlicher Edelfalter leitet sich mit Nymphalidae von den Nymphen ab. Das Tagpfauenauge (Inachis oder Aglais io) wurde nach der Geliebten des Zeus “Io“ benannt.
Der Kleine Schillerfalter (Apatura ilia) trägt die Mutter von Romulus und Remus im Namen. Der Große Schillerfalter (Apatura iris) mit Iris die Göttin des Regenbogens.
Die Liste weiterer Zeusgeliebter, Nymphen und Königstöchter ist lang und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Zwei besonders tragische Frauenfiguren seien aber noch erwähnt.
So inspirierte der violette Schimmer der dunklen Flügel des Trauermantels (Vanessa antiopa) Carl von Linné dazu, ihm dem Namen der leidgeprüften Königstocher Antiope zu verleihen. Sie wurde von Zeus verführt, nach anderen Schilderungen jedoch eher vergewaltigt. Danach gebar sie Zeus Zwillinge, die nach der Geburt ausgesetzt wurden, während Antiope jahrelang die Misshandlungen ihres Onkels und dessen Gemahlin ertragen musste, bis ihre Söhne sie schließlich rächten. Auch zwielichtige Frauengestalten wie Pandora (Argynnis pandora), welche aus ihrer Büchse das Übel in die Welt brachte, fehlen nicht in der Sammlung wissenschaftlicher Schmetterlingsnamen.
Die braunweiß gefärbte Berghexe Chazara briseis ist mit wissenschaftlichem Namen nach der Liebessklavin Briseis benannt. Laut der Ilias wurden ihre Brüder im Trojanischen Krieg getötet und Briseis selbst von Achill erbeutet. Als ihm seine neue Lieblingssklavin von Agamemnon weggenommen wurde, wollte er nicht mehr kämpfen, sodass dieser sie ihm schließlich zurückgab. Im Deutschen bekam der nach Briseis benannte Falter, wie schon erwähnt, den Namen Berghexe und ist damit aktuell der einzige heimische Tagfalter mit einem Namen weiblichen Geschlechts unter über 200 Arten.
Zu diesem doch etwas überraschenden Ergebnis kam ich eines Tages, als ich feststellte, dass einer der Lieblingsschmetterlinge meiner Kindheit - die schwarz-weiße „Schattenkönigin“ - inzwischen in praktisch allen Bestimmungsbüchern als „Weißer Waldportier“ geführt wird. Der wissenschaftliche Name Brintesia circe leitet sich von der Zauberin Circe aus der griechischen Mythologie ab, welche unter anderem einige Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelte, von diesem aber schließlich „gezähmt“ wurde.
Bisher hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, warum welches Tier im Deutschen einen männlichen, weiblichen oder sächlichen Artikel trägt oder ob Tiernamen Frauen abwerten könnten. Doch eine derart karge Ausbeute an weiblichen Schmetterlingsnamen fand ich dann doch etwas irritierend. Hoffnungsvoll wandte ich mich den 3800 heimischen Nachtfaltern zu und suchte dort nach Nachtfalter-Familien mit weiblichem Namen, wobei Familie hier eine hierarchische Ebene der biologischen Systematik bezeichnet. Hier findet man Namen wie der Schwärmer, der Spinner, der Wickler, der Holzbohrer, der Zünsler, der Spanner und der Glasflügler
aber immerhin die Motte, die Eule und die Glucke, welche mit ihrer Flügelform den Namensgeber an eine Henne erinnerte, welche auf ihren Eiern sitzt.
Eine Reihe von Artennamen enden mit diesem „Familien-Namen“ und so sind beispielsweise die Kleider-, die Kork-, die Getreide- und die Pelzmotte weiblich, sowie die Zimt-, die Gold-, die Messing- oder die Achateule. Davon abgesehen sind weibliche Namen unter den Nachtfaltern ebenfalls sehr selten. Ich fand bei meiner Recherche noch die „Hofdame“ aus der Familie der Bärenspinner, die „Hausmutter“, einen Nachtfalter, der gerne in Gebäude fliegt, die „Nonne“, einen schwarzweiß gefärbten Schädling und die „Trinkerin“ eine Glucken-Art, deren Raupen gerne Tautropfen trinken.
Nicht alle, aber die meisten Arten mit weiblichem Namen, inklusive dem Tagfalter Berghexe, sind zudem farblich eher unspektakulär gezeichnet. Häufig sind sie von geringer Größe und es dominieren Zeichnungen in Schwarz, Weiß oder verschiedenen Brauntönen.
Als kleinen Lichtblick der deutschen Falternamen könnte man – im wahrsten Sinne des Wortes – einen zarten Weißling, nämlich den Aurorafalter (Anthocharis cardamines) sehen. Wenn auch die Endung -falter zu einem männlichen Artikel führt, so ist diese Art wahrscheinlich nicht nur nach der Morgenröte, sondern nach der römischen Göttin der Morgenröte, Aurora, benannt. Und dies, obwohl nur die männlichen Falter die leuchtend orangenen Flecken tragen, welche den Namensgeber wohl an die aufgehende Sonne erinnert haben.
Von den farbenprächtigsten und den größten Schmetterlingen bekam im Deutschen dennoch keine einzige Art einen poetischen weiblichen Namen. Weder den Herren Lepidopterologen noch dem Volksmund lag es offensichtlich am Herzen, einen der prächtigen Tag- oder Nachtfalter mit einem Namen zu bedenken, der ein positives Frauenbild vermittelt.
Wenn ich selbst weibliche Namen für Schmetterlinge erfinden sollte, fielen mir jedenfalls keine Berghexen, Trinkerinnen, Nonnen, Hausmütter oder Glucken ein, sondern eher solche wie die „Kaiserin“, die „Smaragdjungfer“, die „Silberfeder“, die „Zauberfee“, die „Weiße Braut“, die „Goldene Muse“, die „Hohepriesterin“, die „Seglerin“ oder die „Sonnentänzerin“. Und Ihnen?
Immerhin bleibt die Hoffnung, dass man künftig auch in der Taxonomie weiblichen Nachwuchs fördert und für diese Tätigkeit gewinnt. Vielleicht wird dieser die deutsche Schmetterlingskunde schließlich doch noch mit ein paar poetischen und positiven Frauenbildern zu bereichern wissen. Und warum nicht auch als Zweitname der einen oder anderen schon benannten Art?
Es gibt zudem auch männliche Schmetterlingsexperten, die - wie einst Carl von Linné - bei der Namensgebung von Faltern nicht auf die weibliche Hälfte der Schmetterlingswelt vergessen. Ich denke zum Beispiel den Tiroler Schmetterlingsforscher Peter Huemer, der erst kürzlich eine von ihm neu entdeckte Art als Geschenk zum 42. Hochzeitstag nach seiner Frau Ingrid Maria benannte. Die zierliche, aber durchaus hübsche Falterdame Carcina ingridmariae vermag vielleicht, auch andere Schmetterlingsforscher zu inspirieren, den Schmetterlingen künftig ihre weibliche Seite zuzugestehen.
Zur Autorin: Marion Jaros ist Biotechnologin und jahrzehntelange Schmetterlingszüchterin, welche ebenso lang für Kinder und Erwachsene mit ihren lebenden Tieren preisgekrönte Schmetterlings-Workshops anbietet. Am 14. März – pünktlich zum Tag des Schmetterlings - erscheint auch ihr neues Buch „Die fabelhafte Welt der Schmetterlinge“ über die faszinierendsten Eigenschaften dieser wunderbaren Tiere und die besten Maßnahmen zu ihrem Schutz. Vorbestellungen sind bereits möglich.