Tierische Lektüre: Im Gespräch mit Autorin Eva Menasse

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Schlau wie ein Fuchs, zart wie eine Blume, emsig wie eine Biene oder weit wie das Meer. Seit Menschengedenken bereichert die Vielfalt der Natur unseren Wortschatz und inspiriert Schriftsteller bis heute zu spannenden und berührenden Geschichten. Mit seinem Engagement für Nachhaltigkeit und Biodiversität sichert Blühendes Österreich nicht nur wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen, sondern bietet in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus NÖ mit der einzigartigen Veranstaltungsreihe „Literatur & Wandern“ auch eine ganz besondere Inspirationsquelle für die Poeten von morgen.

Auch die österreichische Autorin Eva Menasse ist im inspirierenden Repertoire von Mutter Erde fündig geworden und hat sich bei kuriosen Tiergeschichten Anregung zu einem mittlerweile preisgekrönten Erzählband geholt. Aus verblüffenden Meldungen, wie jene über die Tabakschwärmer-Raupen, die sich während dem Verzehr von Tabakpflanzen ungewollt ihr eigenes Grab schaufeln, oder jene über ein Krokodil, das Bienen und Schmetterlingen seine Tränen in mageren Zeiten als Nahrungsquelle zur Verfügung stellt, zaubert Eva Menasse ergreifende Geschichten über menschliche Beziehungen, Schicksale und Abgründe.


Mit einem Einblick in ihren Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ eröffnet Eva Menasse die diesjährige Veranstaltungsreihe „Literatur & Wandern“, veranstaltet vom Literaturhaus NÖ in Zusammenarbeit mit Blühendes Österreich.


Wir verlosen 2 x 2 Karten für „Literatur & Wandern“ am 10. März im Tiergarten Schönbrunn und haben die Gewinnerin des österreichischen Buchpreises 2017 als kleinen Vorgeschmack zum Gespräch gebeten.


 

Literatur und Wandern Eva Menasse

(c) Jürgen Bauer

Was verbinden Sie mit dem Schauplatz Tiergarten Schönbrunn?

In meiner Kindheit war es üblich, dass wir an jedem meiner Geburtstage in den Zoo gingen. Insofern ist dieser Ort sehr heimatlich besetzt. Als ich zwei Jahre alt war, brüllte angeblich der Löwe, gerade, als wir davor standen. Ich war als kleines Kind sehr schreckhaft und geräuschempfindlich. Meine Eltern haben angeblich den Zoo mit Kinderwagen und mir im Laufschritt verlassen müssen, weil ich vor lauter Angst den Löwen zu übertönen versuchte.

Lebensraum, Inspirationsquelle oder Rückzugsort – Welche Bedeutung hat die Natur für Ihr persönliches Leben?

Es ist ganz einfach: Wenn es Sommer wird, will ich im Grünen sein, leben, liegen, arbeiten. Im Winter ist mir die Großstadt viel gemütlicher. Also hänge ich, zumindest theoretisch, dem schönen alten österreichischen Konzept der Sommerfrische an. Wenn ich es mir leisten könnte, wäre ich zwei Monate im Salzkammergut.

Für Ihr Buch „Tiere für Fortgeschrittene“ haben Sie jahrelang kuriose Tiermeldungen aus Zeitungen gesammelt. Was hat Sie an diesen Geschichten so fasziniert?

Dass darin – zumindest für mich offensichtlich – die Menschengeschichten schon deutlich drinsteckten. Man musste sie nur bergen. Die Meldungen selbst sind entweder sehr skurril und komisch, oder es sind Wissenschaftsmeldungen mit wirklich interessanten neuen Erkenntnissen.

Mit den vorangestellten Tiermeldungen schaffen Sie eine Verbindung zu menschlichen Verhaltensweisen in Ihren Erzählungen. Wie viel Tier steckt Ihrer Ansicht nach in uns Menschen und umgekehrt?

Ich fürchte, in uns steckt viel mehr Tier, als wir wahrhaben wollen. Wir sind unserer Triebe oft weniger Herr, als wir glauben. Aber literarisch interessiert mich am meisten, wofür wir Tiere benutzen, also: unser Bild vom Tier. Wir verwenden Tiere sehr oft als Metaphern für menschliches Verhalten.

Diversität spielt sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft eine tragende Rolle. Welche Maßnahmen wären notwendig, um die biologische und kulturelle Vielfalt zu erhalten und zu fördern?

Das ist alles zu gut bekannt, als dass ich es wiederholen musste. Der Zustand unseres Planeten ist durch unsere eigene Schuld katastrophal, und wenn man neuen Studien glauben darf, wird es ab 2050 wirklich ungemütlich. Der Klimaschutz ist die größte Herausforderung der Menschheit, aber derzeit stellen wir uns an wie rücksichtslose Vollidioten.

Wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie dann und warum?

Ich wäre gern ein kluger Vogel, ein Rabe oder ein Graupapagei. Erstens könnte ich dann fliegen, und zweitens finde ich Vögel aus einem schwer erklärlichen Grund faszinierend. Sie sind irgendwie kategorisch anders als alles, was kriecht, klettert und läuft.

Eva Menasse - zur Person

Die 1970 in Wien geborene Eva Menasse startete ihre berufliche Laufbahn als Redakteurin beim österreichischen Nachrichtenmagazin Profil gefolgt von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nach zwei Kinderbüchern, die sie in Zusammenarbeit mit ihrem Halbbruder Robert Menasse und dessen Ehefrau veröffentlichte, startete die politisch und sozial engagierte Journalistin in ihre erfolgreiche literarische Solokarriere.

Zu ihren bekanntesten Werken zählen „Der Holocaust vor Gericht“, eine Sammlung ihrer Reportagen über den Prozess um den Holocaust-Leugner David Irving, der Bestseller „Vienna“, oder der mehrfach ausgezeichnete Roman „Quasikristalle“. Mit ihrem neuesten Werk „Tiere für Fortgeschrittene“ gelang Eva Menasse ein weiterer Meilenstein ihrer literarischen Laufbahn. Der 2017 im Kiepenheuer & Witsch-Verlag erschienene Erzählband wurde mit dem Österreichischen Buchpreis 2017 ausgezeichnet. „Ein Erzählband, der auf pointierte und stilistisch ausgefeilte Weise zeigt, dass auch in der kleinen Form die großen zwischenmenschlichen und gesellschaftspolitischen Themen verhandelt werden können“, heißt es in der Begründung der Jury.

Eva Menasse ist Mutter eines Sohnes und lebt seit rund 15 Jahren in Berlin.

Interview: Bettina Ostermann
Foto: Jürgen Bauer

 

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