Dass die Laute dieser teils bedrohten Arten in Schwertberg im Mühlviertel noch zu hören sind, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. Und das ist erst der Anfang: Gefährdete Arten wie Wiedehopf, Feldlerche, Orchidee und Kuhschelle sollen sich wieder öfter ansiedeln.
Schwertberg: Die Natur hat eine Stimme
Mit jedem neuen Lebensraum überlebt ein Rote-Liste-Kandidat. Eine Hecke wird zum Rettungsanker für den Neuntöter, ein alter Obstbaum zum Zuhause des Steinkauzes, eine Naturwiese zum gedeckten Tisch für Wildbienen und Igel. Doch bevor hier Bäume und Hecken gepflanzt oder Wiesen angelegt werden, fiel eine grundlegendere Entscheidung – am Sitzungstisch der Gemeinde.
Während vielerorts wertvolle Böden verbaut und versiegelt werden, geht Schwertberg heute bewusst einen anderen Weg. Ein wichtiger Schritt war die Rückwidmung gemeindeeigener Flächen von Bauland in Grünland. Heute wird jede Widmung und jede Veränderung einer Fläche im Umweltausschuss bewertet, welchen Beitrag sie für Natur und Artenvielfalt leisten kann.
„Wir prüfen, welche Möglichkeiten unsere Gemeinde hat, Natur langfristig zu schützen und neue Lebensräume zu schaffen. Dabei geht es nicht darum, Entwicklung zu verhindern. Vielmehr sollen Wohnen, Wirtschaft, Landwirtschaft und Naturschutz gemeinsam gedacht werden," erklärt Andreas Karlinger, Obmann des Umweltausschusses.
So wird Umwelt- und Naturschutz Teil der Raumplanung. Dass dieser Ansatz überzeugt, zeigte sich auch beim Fördercall „Blühende Gemeinden": Als eine von nur 20 nominierten Gemeinden gewann das Projekt „Blühendes Schwertberg: Begeistern – Bewegen – Begleiten – Bewirken" den Publikumspreis und eine Projektförderung der BILLA Stiftung Blühendes Österreich.
Spatenstich für (Über-)Lebensräume
Mit der Förderung aus dem Bewerb „Blühende Gemeinden“ wird das Projekt nun Schritt für Schritt umgesetzt. Auf drei gemeindeeigenen Flächen mit insgesamt mehr als 2,1 Hektar entstehen artenreiche Magerwiesen, Trittsteinbiotope und neue Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen. Rund 100 heimische Obstbäume und Sträucher wurden gepflanzt – Kornelkirsche, Holunder, Wildrose oder Berberitze bieten Nahrung, Schutz und Nistmöglichkeiten für zahlreiche Arten.
Selbst der Aushub eines neuen Rückhaltebeckens wurde weitergedacht: Daraus entstanden ein Strauchwall und ein Naturspielplatz – ein Beispiel dafür, wie sich ökologische Funktionen und Freizeitangebot verbinden lassen.
„Es ist unglaublich, mit welchen Ideen und teilweise einfachen Mitteln bislang ungenützte Flächen ökologisch aufgewertet werden können", sagt Bürgermeister Max Oberleitner.
Ein begleitendes Insektenmonitoring macht die Entwicklung der Artenvielfalt langfristig messbar.
Der Schwarm für die Vielfalt
Genauso wichtig wie neue Lebensräume ist die Einbindung der Menschen, die diese Veränderungen mittragen. Bereits beim ersten Starter-Workshop kamen Gemeindevertretung, Vereine und engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammen, um konkrete Maßnahmen zu entwickeln und geeignete Flächen auszuwählen.
„Es ist wichtig, Biodiversität greifbar zu machen. Deshalb setzen wir auf Beteiligung", erzählt Gemeinderatsmitglied Paul Grasserbauer.
„Wir laden Interessierte über unsere Kanäle ein und freuen uns, dass unser Projekt so viel Aufwind bekommt. Schulen, Vereine, die Landjugend und zahlreiche freiwillige Helferinnen und Helfer bringen sich aktiv ein." Ein Lehrpfad, Exkursionen und gemeinsame Pflegeaktionen machen Natur unmittelbar erlebbar und zeigen, dass jede und jeder einen Beitrag leisten kann.
Begleitet wird das Projekt von Landschaftsplaner Andreas Kerbler. Für ihn steckt gerade in unscheinbaren Flächen großes Potenzial: Oft brauche es keine aufwendigen Eingriffe, sondern vor allem Wissen – die richtige Pflanzenauswahl, eine naturnahe Pflege oder den Mut, der Natur wieder mehr Raum zu geben.
Bunte Inseln, die zusammenfinden
Die neu geschaffenen Lebensräume wirken weit über einzelne Flächen hinaus: Hecken verbinden Wiesen mit Obstgärten, Strauchgruppen schaffen geschützte Rückzugsorte, artenreiche Wiesen sichern das Nahrungsangebot für Insekten und Vögel. Aus vielen einzelnen Maßnahmen entsteht ein zusammenhängendes Netzwerk, von dem neben dem Steinkauz auch Neuntöter, Kiebitz, Feldlerche und Rebhuhn profitieren.
„Wir haben in Schwertberg ganz unterschiedliche Ökosysteme – von steilen Felsbereichen über Wiesenflächen bis zum Fluss Aist. Diese Vielfalt macht unsere Gemeinde besonders, und diese wollen wir für die nächste Generation nicht nur erhalten, sondern auch fördern, damit die Gemeinde bei Hitze, Wassermangel und Dürren besser vorbereitet ist", sagt Grasserbauer.
Der Erfolg des Projekts lässt sich nicht allein in Hektar oder gepflanzten Bäumen messen. Er zeigt sich vor allem darin, dass sich der Blick der Menschen auf die Natur verändert:
„Über den Förderzuschlag für Schwertberg und den Erhalt des Publikumspreises bei Blühendes Österreich hat sich die gesamte Gemeindebevölkerung sehr gefreut", erzählt Bürgermeister Max Oberleitner.
„Der erste Preis war der Auslöser, auch Bürgerinnen und Bürger fernab der Politik zum Mitmachen zu motivieren. Auch unsere Gemeindegärtner:innen blühten förmlich auf, weil ihre Arbeit eine andere Wertschätzung bekam."
Naturschutz ist in Schwertberg damit längst mehr als ein Projekt – er ist Teil des Selbstverständnisses der Gemeinde geworden. Jede Rückwidmung, jede Hecke, jeder gepflanzte Baum und renaturierte Bach schaffen Lebensräume und machen die Gemeinde widerstandsfähiger gegenüber Hitze, Trockenheit und dem Verlust biologischer Vielfalt.
Ob Schwertbergs Weg gelingt, zeigen nicht nur wissenschaftliche Daten, sondern ein kleiner Vogel, der Steinkauz. Die seltene Eule steht für eine intakte Kulturlandschaft mit alten Obstbäumen, Hecken und blütenreichen Wiesen. Wo sie lebt, finden auch viele andere Arten ein Zuhause. Kehrt der Steinkauz vermehrt zurück, ist das der schönste Beweis dafür, dass Arten- und Naturschutz gelingt.
Über Blühende Gemeinden
Mit „Blühende Gemeinden" unterstützt die BILLA Stiftung Blühendes Österreich gemeinsam mit Partnern Gemeinden dabei, neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen. Insgesamt stehen dafür 250.000 Euro an Fördermitteln zur Verfügung. Ausgezeichnet werden Projekte, die Artenvielfalt fördern, Menschen einbinden und Naturschutz langfristig in der Gemeinde verankern.