Dass solche Aufnahmen heute im Lafnitztal gelingen, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis der Arbeit eines Jagdvereins, der beschlossen hat, sein Revier in ein Netzwerk für eine der seltensten Katzenarten Europas zu verwandeln. Dieses Engagement macht Heiligenkreuz zur „Blühenden Gemeinde“ – der Bewerb für mehr Artenvielfalt der BILLA-Stiftung Blühendes Österreich.
Eine verschwundene Art kehrt zurück
Mehr als 100 Jahre lang galt die Europäische Wildkatze in der Region als ausgestorben. Nun besiedelt sie das Lafnitztal neu. Mit dem Foto der Wildkamera gelang der erste Nachweis eines erfolgreichen Nachwuchses: vier Jungkatzen im Bereich Kroneck und Langgraben entlang der alten Güssinger Straße Richtung Inzenhof.
Seither tauchen auf den Kameras des Vereins JGH – Jägerschaft Heiligenkreuz immer wieder Bilder der Tiere auf. „Zwischen Februar und Mai hatten wir heuer drei, vier Aufnahmen“, erzählt Initiator Christian Toth.
Die Rückkehr der Wildkatze fiel jedoch in eine ungünstige Zeit. Zeitgleich entstand in der Region die neue Schnellstraße S7 – und die gefährdete Art der Roten Liste war bei den Ausgleichsflächen schlicht nicht mitgedacht worden.
Die Fahrbahn zerschneidet den Lebensraum der Tiere und stellt eine ernste Bedrohung dar. Christian Toth wollte die scheuen Katzen jedoch nicht ihrem Schicksal überlassen.
Aus Mosaiksteinen wird ein Netz
Die Grundidee ist einfach: „Über die Jahre konnten wir glücklicherweise einige Biotopinseln in unserem Revier erhalten. Wenn wir zwischen den einzelnen Mosaiksteinen Hecken pflanzen, entsteht ein durchgehender Biotopverbund, der die Wildkatze unter die S7 hindurch leitet“, sagt Toth.
Ziel ist es, die Trittsteinbiotope rund um die Schnellstraße so zu verbinden, dass die Wildkatze sicher zu einer Brücke gelenkt wird, um die Fahrbahn zu unterqueren. Unter einer bestehenden Brücke hat der Verein bereits erste Vorkehrungen getroffen.
Rund 500 Laufmeter Hecken- und Blühwiesenstreifen sind insgesamt vorgesehen, ergänzt durch Benjeshecken, Totholzhaufen, 150 bis 200 Sträucher in Gruppen, Steinhaufen, rund 60 Streuobstbäume und sogenannte Beetlebanks – aufgeschüttete Wälle, die Insekten Unterschlupf bieten.
Ein neuer Lebensraum ist bereits verwurzelt: Rund 1.500 Jungpflanzen aus elf heimischen Gehölzarten wurden im Herbst 2025 in rund 100 ehrenamtlichen Arbeitsstunden gesetzt.
„Gut, dass wir nicht im Frühjahr gepflanzt haben. Sonst hätten wir jetzt ein Problem, die Pflanzen über den Dürresommer zu bringen“, so Toth. Das Tal profitiert von der Morgenfeuchtigkeit der Lafnitz, die auch im Hochsommer ausreichend Wasser führt. Ein schöner Nebeneffekt: Von den Hecken profitieren nicht nur Wildkatzen, sondern auch Hasen, Rehe, Singvögel, Turmfalken und Wachteln.
Einer der größten Verbündeten gegen die Trockenperioden ist zudem ein unermüdlicher Bauherr: der Biber. Wenn die Landschaft kurz vor dem endgültigen Verdorren steht, schafft er es mit seinen vielen Dämmen in jedem noch so kleinen Bachlauf, das Wasser in der Region zu halten. Für die Wildtiere ist das ein Segen.
Applaus vom Bürgermeister
Der Bürgermeister zeigt sich begeistert und auch der Amtsleiter unterstützt das Vorhaben. „Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt auch Bürgermeister, die gar nicht reagieren, Naturschutz belächeln oder ihm mit Skepsis begegnen. Ein gutes Einvernehmen mit der Gemeinde und ihren Einwohnern ist die Basis unserer Arbeit“, sagt Toth.
„Wir gratulieren der Jägerschaft zu ihrem Engagement für eine Blühende Gemeinde. Diese Auszeichnung ist eine Würdigung des Engagements für Biodiversität und Tierwohl sowie eine Bestätigung für verantwortungsvolles Jagen im Einklang mit der Umwelt. Sie soll Ansporn sein, die Bemühungen für gesunde Ökosysteme, Artenschutz und einen respektvollen Umgang mit der Natur fortzusetzen.“ – Bürgermeister Eduard Zach
Ein Stein kommt ins Rollen
Der 2014 gegründete Verein JGH – Jägerschaft Heiligenkreuz versteht sich längst nicht mehr nur als Jagdgemeinschaft, sondern als Gestalter von Biodiversität. Auf rund 35 Hektar gepachteter Fläche schafft er gezielt Lebensraum. Das Ergebnis: natürliche Vorkommen von Braunkehlchen, Bekassine, Rebhuhn und Wachtel bis hin zu Habichtskauz und Uhu.
Das mediale Echo um die Wildkatze hat eine Eigendynamik entwickelt. „Wir merken, dass Leute aus den umliegenden Gemeinden auf uns zukommen und fragen, wie wir das gemacht haben und was mit der Wildkatze genau los ist“, erzählt Toth.
Die Hoffnung ist, dass der Stein ins Rollen kommt und andere Regionen ähnliche Projekte starten. Gerade Jägerschaften verfügen durch ihre Flächen und Ortskenntnis über enormes Potenzial. Nötig sei dafür oft nicht viel: „Es muss nicht gleich eine 500 Meter lange Hecke sein. Jeder Streuobstbaum und jede Strauchinsel ist ein wertvoller Mosaikstein in der Kulturlandschaft. Auch ein paar gesponserte Sträucher helfen bereits.“
Ob die Wildkatze im Lafnitztal dauerhaft heimisch bleibt, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Dann wird sich zeigen, ob aus den seltenen Momentaufnahmen eine Selbstverständlichkeit wird: eine Katze, die sicher unter der Schnellstraße hindurchhuscht.
Anfang September 2026 landete übrigens wieder ein Exemplar in der Fotofalle – der beste Lohn für den unermüdlichen Einsatz.
Mitmachen erwünscht, aktiv und passiv
Wer die Jägerschaft Heiligenkreuz unterstützen möchte, kann Pachtflächen für Blüh- oder Streuobstwiesen zur Verfügung stellen, bei Pflanz- und Pflegeaktionen mithelfen oder Streuobstbäume, Sträucher, Wiesensaatgut und Materialien sponsern.
Mehr Informationen zum Projekt
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Über Blühende Gemeinden
Mit „Blühende Gemeinden" unterstützt die BILLA Stiftung Blühendes Österreich gemeinsam mit Partnern Gemeinden dabei, neue Lebensräume für gefährdete Tiere und Pflanzen zu schaffen. Insgesamt stehen dafür 250.000 Euro an Fördermitteln zur Verfügung. Ausgezeichnet werden Projekte, die Artenvielfalt fördern, Menschen einbinden und Naturschutz langfristig in der Gemeinde verankern.