„Schmetterlinge sind stark gefährdet“

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„Ausgeflattert. Der stille Tod der österreichischen Schmetterlinge.“ So lautet der Titel des Schmetterlingsreports der gemeinnützigen Privatstiftung Blühendes Österreich. Verfasser Peter Huemer, Leiter der Naturwissenschaftlichen Sammlungen des Tiroler Landesmuseums und Fachbeirat der Stiftung im Interview mit Maria Schoiswohl.

c Christoph Wieser/Wieser Media

Sie schreiben in Ihrem Report, „Schmetterlinge zählen weltweit zu den am meisten gefährdeten Tieren“. Was bedroht die Schmetterlinge in Österreich?

Man muss das auf den Lebensraum beziehen. Tagfalter sind meist Wiesenbewohner und gerade auf den Wiesen hat es große Veränderungen gegeben. Das hängt natürlich mit der erhöhten Lebensmittelproduktion zusammen, die etwa in den 1970ern startet. Der ökologische Wert von Wiesen hat sich seitdem massiv geändert. Wiesen werden für einen höheren Ertrag immer intensiver genutzt, gedüngt, gemäht, gespritzt. Aber: Ein einziges Mal düngen kann große Teile der ursprünglichen Schmetterlingsfauna auslöschen. Wenige konkurrenzstarke und für die meisten Falter ungeeignete Pflanzen werden gefördert. Auch die Mahd ist ein erheblicher Eingriff, der vielen Tieren die Nahrung entzieht, nicht nur den Faltern, sondern auch den Raupen. Viele Arten haben sich über Jahrhunderte dem Mahdrhythmus angepasst, sind jedoch den rasanten Änderungen in der Bewirtschaftung nicht gewachsen.

Wie gefährlich sind Pestizide für die Schmetterlinge?

Für die Gefahr von Pestiziden gibt es in der Wissenschaft viele Indizien, es ist aber sehr aufwändig, das nachzuweisen und Untersuchungen beschränken sich daher meistens auf die ökonomisch relevanten Bienen. Dünger wirken lokal, aber Pestizide können verfrachtet werden und sind somit auch abseits der behandelten Flächen eine Gefahrenquelle. So konnten im Südtiroler Vinschgau wahrscheinlich durch verdriftete Pestizide aus dem Obstanbau bis zu 300 Meter über dem Talboden fast keine Falter mehr gefunden werden, etwas höher gibt es dann wieder intakte Schmetterlingsbestände. Auch Ozon, das vor allem durch den Verkehr verursacht wird, gefährdet potentiell Schmetterlinge in mittleren und höheren Lagen. Es schädigt nach Laboruntersuchungen die Produktion der Sexuallockstoffe und die Tiere finden sich nicht mehr zur Paarung.

In Ihrer Arbeit erwähnen Sie auch künstliche Lichtquellen als Gefahr für die Tiere. Sie werden vom Licht angelockt, verbrennen, verfangen sich, werden überfahren oder gefressen.

Es kommen wohl zig-Milliarden Schmetterlinge jährlich durch Licht zu Tode. Wie viele es konkret sind, wissen wir aber nicht. In Großbritannien haben langfristige Zählungen ergeben, dass 70 Prozent der nachtaktiven Falterarten mittlerweile zurückgegangen sind, besonders stark betroffen sind gerade häufige Arten. Künstliche Lichtquellen wie Straßenbeleuchtungen tragen mit Sicherheit zu diesem Schwund bei. Wir versuchen hier mit ökonomisch sinnvoller und ökologisch verträglicher Technik gegenzusteuern.

Warum sind Schmetterlinge so wertvolle Tiere für unser Ökosystem?

Als Schmetterlingsforscher ist mir das Thema natürlich eine Herzensangelegenheit. Schmetterlinge zählen zu den bezauberndsten Tieren in der Natur: schön, ungefährlich und sympathisch. Und sehr sensibel. Es sind Tiere mit einer komplexen Metamorphose, die in jedem Stadium ihres Lebens äußerst sensibel auf Veränderungen reagieren. Damit haben Schmetterlinge eine hohe bioindikatorische Wirkung – sie zeigen uns die Qualität der Natur an. Durch sie bemerken wir Veränderungen in unserem Ökosystem viel früher.

Gleichzeitig sind Schmetterlinge eine wichtige Nahrungsquelle für andere Tiere.

Genau. Vögel essen Schmetterlingsraupen, Fledermäuse Nachtfalter. Fledermausschutz etwa wäre ohne Nachtfalterschutz vollkommen sinnlos. Darüber hinaus sind Schmetterlinge auch wichtige Blütenbestäuber. Nelkengewächse werden ausschließlich von Schmetterlingen bestäubt, Korbblütler und viele andere Pflanzen zählen zum weiteren Nahrungsspektrum zahlreicher Arten. Und dann sind Schmetterlinge auch im ökologischen Kreislauf extrem nützlich. Man denke nur an die Kleidermotte.

Die Kleidermotte?

Ich halte ja die Einteilung von Nützlingen und Schädlingen generell für falsch – jede Art hat ein Recht zu leben! Und die Kleidermotte ist für den ökologischen Kreislauf insofern wichtig, dass sie nicht nur Kleider frisst, sondern eigentlich Felle. Stellen Sie sich vor, es gäbe keine Kleidermotten und andere Tiere mehr, die das Fell unzähliger toter Mäuse fressen würden. Wir würden darin untergehen.

Obwohl der Schmetterlingsbestand zurückgeht, werden auch immer wieder neue Arten entdeckt.

Auch in Österreich finden wir noch regelmäßig bisher unbekannte Arten, meistens versteckt lebende Tiere die seit Jahrtausenden hier vorkommen. Viele Entdeckungen beruhen auch auf neuen Methoden der Genetik. Biodiversität gründet ja auf drei Säulen: Lebensraumvielfalt, Artenreichtum und genetische Vielfalt. Die genetische Differenzierung bei Schmetterlingen ist viel höher, als man bislang wusste. Deshalb erwarten wir uns bei Schmetterlingen noch manche spannende Entdeckungen. Selbst die Klimaerwärmung kann uns eine höhere Vielfalt bringen: Durch den Temperaturanstieg werden sich neue Arten ansiedeln. Andere werden eingeschleppt und breiten sich aus. So ist der Pelargonien Bläuling 2011 in Osttirol aufgetaucht. In Südtirol ist er bereits heimisch.

Sie schreiben in Ihrem Report: Seit 1990 ist der Schmetterlingsbestand in Europa um die Hälfte zurückgegangen. Wo findet man in Österreich heute noch Schmetterlingsvielfalt?

Segelfalter Mehr erfahren Fast nur noch in Naturschutzgebieten. Und selbst dort werden die Falter weniger.  Gerade das ostösterreichische Flachland wäre für Schmetterlinge als Lebensraum sehr attraktiv, nur – dort gibt es einfach zu viel intensive und konkurrierende Landwirtschaft. Leider leben weniger Schmetterlinge im Gebirge. Dort hätten sie sonst ein wunderbares Leben, weil noch Lebensraum.

Wenn man nun selbst aktiv werden möchte – wie kann man als Laie den Schmetterling schützen?

Umdenken. Sich bewusst machen: Ein englischer Rasen in meinem Garten ist eine biologische Wüste. Gartenbesitzer sollten deshalb kleine Blumenflächen schaffen. Die Belohnung ist eine bunte Blumenwiese, die Schmetterlinge auch in den urbanen Bereich lockt.

c Christoph Wieser/Wieser Media

Der Schmetterlingsreport
In einer umfassenden Zusammenschau internationaler und nationaler Studien zeichnet der Biologe Peter Huemer im Schmetterlingsreport der Stiftung Blühendes Österreich und von GLOBAL 2000 (PDF zum Download) ein düsteres Bild der Lebensrealität der österreichischen Schmetterlinge. Intensive Landwirtschaft, Monokulturen, vermehrter Spritzmittel- und Düngeeinsatz bedrohen die sensiblen Tiere in ihren Lebensräumen. Im Gegensatz zu den Bienen fehle ihnen aber eine Lobby. Huemer versteht den Report als Weckruf für die Biodiversität in Österreich.

Möchten Sie mehr Wissenswertes über Schmetterlinge erfahren, ihre Lebensweise, was sie bedroht – und vor allem, wie Sie sie schützen können, dann laden Sie unsere Broschüre „Wie helfe ich den Schmetterlingen?“ (PDF- Download der Broschüre „Wie helfe ich den Schmetterlingen?“)

Der Wissenschaftler
Peter Huemer beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Schmetterlingen und arbeitet, nach dem Studium der Biologie und Erdwissenschaften, seit fast 30 Jahren am Tiroler Landesmuseum. Seit einem Jahr leitet er dort die Naturwissenschaftlichen Sammlungen. Huemer ist Autor zahlreicher Schmetterlingspublikationen, Verfasser von Roten Listen und Mitinitiator von Naturschutzprojekten. Seit Februar 2016 ist er Fachbeirat der Stiftung Blühendes Österreich.

Die Schmetterlings-App
Die Stiftung Blühendes Österreich und Global 2000 laden mit einer neuen, kostenlosen App ein, Teil der Österreich weiten Initiative zur Zählung und Sichtung der Tagfalter zu werden. Die App ermöglicht mit wenigen Klicks und ohne komplizierte Technik das Melden von Schmetterlingsbeobachtungen. Die App listet 157 Tagfalter Österreichs samt ausführlichem Steckbrief und Fotos. Mit Hilfe eines einfach zu bedienenden Filtersystems (Bundesland, Höhenlage, Größe, Lebensraum, Farben der Flügeloberseite- und Unterseite) und der Fotofunktion ist selbst für Laien eine Bestimmung der häufigsten Arten einfach möglich.

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