Spurenlos zum Gipfelkreuz – Interview mit Andreas Ermacora

Mehr Lesen

„Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler.“ Zu dieser Erkenntnis kam bereits Johann Wolfgang von Goethe, als er Anfang des 19. Jahrhunderts sein Werk „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ vollendete. Auch Dr. Andreas Ermacora ist einer dieser schweigsamen Schüler. Geboren, aufgewachsen und immer noch beheimatet inmitten der paradiesischen Bergwelt Tirols, liegen die Gipfel dem naturverbundenen Bergsportler regelrecht zu Füßen. Für ihn ist es ein ganz besonderes Privileg, das aber auch mit großer Verantwortung einhergeht.
In gewisser Weise ist der schweigsame Schüler mittlerweile zum engagierten Lehrer geworden. Als Präsident des Alpenvereins und Mitglied des Fachbeirats der Stiftung Blühendes Österreich hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die ursprüngliche Schönheit und das intakte Ökosystem unserer Bergwelt zu verteidigen und dabei auf bedrohliche Entwicklungen hinzuweisen, die die alpine Zukunft unseres Landes gefährden könnten.

Herr Ermacora, können Sie sich noch an Ihre erste Bergtour erinnern?

An meine erste Bergtour kann ich mich nach 50 Jahren zwar nicht erinnern, aber an meine Kindheit in Innsbruck, in der ich mit meiner Familie viel in den Bergen unterwegs war – im Sommer wie im Winter. Das eine oder andere Mal mussten mich meine Eltern sicher überreden sie zu begleiten, aber im Großen und Ganzen haben mir unsere Ausflüge immer viel Freude bereitet.

Wie würden Sie das Gefühl beschreiben, das Sie nach einem anstrengenden Aufstieg am Berggipfel überkommt?

In erster Linie mit einer tiefen Zufriedenheit. Einerseits weil man es geschafft hat, den Gipfel unbeschadet zu erreichen und andererseits aufgrund des beeindruckenden Anblicks der wunderschönen Bergwelt. Die verschiedenen Arten der Vegetation oder die glitzernden Sonnenstrahlen auf dem weißen Schnee faszinieren mich immer wieder aufs Neue.

Inwiefern hat der Bergsport Ihr Leben positiv beeinflusst oder gar verändert?

Der Bergsport ermöglicht es einem, durch die Bewegung in der freien Natur etwas Gutes für seine Gesundheit zu tun und dabei gleichzeitig die Schönheit der alpinen Landschaft zu genießen. Mit dieser Kombination werden körperliche und seelische Bedürfnisse gleichermaßen befriedigt. Für mich ist der Bergsport zudem ein sehr wichtiger Ausgleich für meinen Beruf als Rechtsanwalt. In den Bergen bekommt man den Kopf frei und hat oft die besten Ideen, auf die man im Büro gar nicht gekommen wäre.
Mit meinem Hund bin ich eigentlich täglich an der frischen Luft. Im Sommer versuche ich auch nach Arbeitsschluss, mindestens einmal pro Woche einen Ausflug mit dem Mountainbike zu unternehmen.

Bergsteiger gehen auf vielen Routen an ihre physischen und psychischen Grenzen. Warum werden sie der alpinen Strapazen scheinbar nie müde?

Für viele Extrembergsteiger, die diesen Sport mit einem sehr ambitionierten Kampfgeist ausüben, haben die kontinuierlichen Herausforderungen und damit einhergehenden sportlichen Verbesserungen sicher einen gewissen Suchtfaktor. Mit der Stoppuhr zum Gipfelkreuz zu hetzen, ist allerdings eine Leidenschaft, die ich nicht unbedingt teile. Für mich spielen die Ruhe am Berg und der Genuss der Landschaft eine wichtigere Rolle.

Welche Gipfel haben Sie bereits erklommen und welche stehen noch auf Ihrer To-do-Liste?

Rund um Tirol bin ich schon viele Berge bestiegen. So war ich bereits am Ortler, dem höchsten Berg Nord- und Südtirols, am Großvenediger, dem Hauptgipfel der Venedigergruppe in den Hohen Tauern und auch schon drei Mal am Großglockner. Nächste Woche geht es für mich das erste Mal auf den Piz Buin.

In den Bergen bietet jede Höhe und jede Landschaft zu jeder Tages- und Jahreszeit ein neues, einzigartiges Bild.

Viele Menschen sind der Meinung „je höher die Berge, desto karger die Landschaft“. Ist das ein Trugschluss?

Ich denke ja. In den Bergen bietet jede Höhe und jede Landschaft zu jeder Tages- und Jahreszeit ein neues, einzigartiges Bild. Sowohl die alpine Vegetation als auch die bizarren Formationen der Bergwelt sind meiner Meinung nach alles andere als eintönig.

Die Mitglieder des österreichischen Alpenvereins kümmern sich ehrenamtlich um die Instandhaltung von 26.000 Kilometern alpinen Wegen.

Wie ist man in den Bergen naturverträglich unterwegs?

Das fängt bereits bei der Anreise an. Dass es bequemer ist, mit dem Auto zum Ausgangspunkt der Tour zu gelangen, ist zwar verständlich, jedoch sollte man sich bereits im Vorfeld über Anreisemöglichkeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln erkundigen und diese – soweit vorhanden – auch in Anspruch nehmen. Ist man einmal auf dem Berg, sollte man in erste Linie auf den gekennzeichneten Routen bleiben und keinesfalls waghalsige oder naturgefährdende Abkürzungen nehmen. Die Mitglieder des österreichischen Alpenvereins kümmern sich ehrenamtlich um die Instandhaltung von 26.000 Kilometern alpinen Wegen. Diese dienen nicht nur der eigenen Orientierung und Sicherheit, sondern auch dem Schutz der Landschaft und ihrer biologischen Vielfalt. Verpackungsmaterial und anderen Abfall nicht am Berg zurückzulassen, sollte in der heutigen Zeit auch eine Selbstverständlichkeit sein.

Wie ist es derzeit um den alpinen Naturraum in Österreich bestellt?

Meiner Ansicht nach sehr gut. Unsere Bergwelt ist weitgehend intakt. Damit dies so bleibt, muss man natürlich darauf achten, dass nicht zu viele Gebiete touristisch erschlossen werden und genügend unberührte Natur vorhanden bleibt. Das oberste Ziel des Alpenvereins ist es, die Schönheit und Ursprünglichkeit der Bergwelt zu erhalten. Wir verstehen uns auch als „Anwalt der Alpen“. Deswegen nehmen wir die Notwendigkeit neuer Erschließungen stets genau unter die Lupe und versuchen, mögliche Alternativen aufzuzeigen.

Wenn es alpine Vereine wie uns nicht gäbe, würde das „wanderbare Österreich“ nur noch im Tal stattfinden.

Als Präsident des österreichischen Alpenvereins haben Sie sich der Erhaltung der Bergwelt als Kapital des Tourismus verpflichtet. Welche Aufgaben gehen mit dieser Verantwortung einher?

Eine der größten Herausforderungen für den Alpenverein ist der schmale Grat zwischen der Förderung des Bergsports und dem Schutz der natürlichen Umgebung. Da prallen auch bei uns im Verein immer wieder zwei Welten aufeinander. Die Interessen der Natur, von traditionellen und neuen Sportarten, von Grundeigentümern u.v.m. unter einen Hut zu bringen ist eine schwierige, aber wichtige Aufgabe.
Dass Besucher der heimischen Bergwelt ein intaktes Ökosystem sowie eine ruhige Umgebung vorfinden, ist ein weiterer Fokus unseres Engagements. Einen deutlichen Kontrapunkt zum Massentourismus setzt der Alpenverein unter anderem mit der Initiative „Bergsteigerdörfer“. Diese ausgewählten Ortschaften sind Alpinismuspioniere in ihren Regionen und respektieren die natürlichen Grenzen zwischen Mensch und Natur. Für die „Bergsteigerdörfer“ gelten strenge Vorgaben, die wir auch strikt einfordern und genau überprüfen. Der Gemeinde Kals am Großglockner zum Beispiel, wurde das Prädikat Bergsteigerdorf vor fünf Jahren aberkannt, da mit einer Skigebietsverbindung und der 490-Betten-Unterkunft Gradonna Mountain Resort zwei Großprojekte innerhalb weniger Jahre verwirklicht wurden und dies im krassen Gegensatz zu den Zielen der Initiative stand.
Der Alpenverein versteht sich aber auch als wichtiger Partner der Tourismuswirtschaft und ist mit seinen 236 Hütten und 26.000 km Bergwegen ein wesentlicher Teil des alpinen Tourismuskapitals Österreichs. Wenn es alpine Vereine wie uns nicht gäbe, würde das „wanderbare Österreich“ nur noch im Tal stattfinden.

Was wünschen Sie sich für die alpine Zukunft unseres Landes?

Ganz einfach: Ich wünsche mir, dass wir auch noch in vielen Jahrzehnten aus voller Überzeugung sagen können: „Bei uns ist es schön!“

Sie sind ja Fachbeirat bei der Naturschutzstiftung Blühendes Österreich – was hat Sie dazu bewogen?

Als die Anfrage seitens dem Blühenden Österreich an mich herangetragen wurde, war ich äußerst erfreut. Für mich ist es eine große Ehre, ein Teil dieser Initiative zu sein und gemeinsam mit der Stiftung einen wertvollen Beitrag für die Artenvielfalt und den Naturraum unseres Landes zu leisten.

Warum braucht das Land solche Initiativen wie Blühendes Österreich?

Weil es niemals genug Initiativen geben wird, die sich für Umwelt-, Arten- und Naturschutz einsetzen. Jeder noch so kleine Beitrag ist wichtig und gehört unterstützt.

Andreas Ermacora Alpenverein

 


Zur Person

Andreas Ermacora verbrachte seine Kindheit und Schulzeit in Innsbruck/Tirol. Nach einem freiwilligen Jahr beim Militär in Absam studierte er Rechtswissenschaften an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und ist seit 1988 als selbstständiger Rechtsanwalt tätig. Darüber hinaus engagiert sich Andreas Ermacora als Präsident des österreichischen Alpenvereins für den Schutz und Erhalt der heimischen Bergwelt und ist seit vergangenem Jahr auch Mitglied des Fachbeirats der Stiftung Blühendes Österreich. Auch privat zieht es den verheirateten Vater von zwei Söhnen regelmäßig in die Natur. Sei es beim Wandern, Bergsteigen, Mountainbiken oder auf Skitouren – an der frischen Luft und in Begleitung seines vierbeinigen Weggefährten Barney findet Andreas Ermacora den perfekten Ausgleich zum beruflichen Alltag.

Text: Bettina Ostermann

X