Ute Woltron ist Journalistin, leidenschaftliche Gärtnerin und Beirätin der Stiftung Blühendes Österreich. Über den Flow bei der Gartenarbeit, mangelndes Naturwissen bei Kindern und Selbstversorgung als Widerstandsbewegung spricht sie mit Maria Schoiswohl.

Es ist Winter. Was passiert aktuell in Ihrem Garten?

Nichts. Ich lasse den Garten jetzt ruhen und bereite die nächste Saison vor. So um die Weihnachtszeit setze ich den nächsten Schwerpunkt fürs Jahr: Was probiere ich, was lasse ich bleiben. Wo andere ihre guten Vorsätze haben, habe ich einen Plan für den Garten. Der konkrete Start draußen ist dann Ende Jänner, Anfang Februar. Da gehören die Obstbäume geschnitten, die Beete vorbereitet und die ersten Pfefferoni gesetzt.

Hat Sie die Natur schon immer begeistert?

Ich bin zwischen dem Bauerngarten meiner Großmutter und dem Forellenteich meines Großvaters aufgewachsen und war mehr in der Wildnis als im Kindergarten – also: ja! Heute bin ich – außer im Winter – mehrere Stunden draußen unterwegs. Das ist einerseits mein Job – ich muss Dinge ausprobieren –, andererseits recherchiere ich gerne mit der Erde unter den Fingernägeln.

Was macht an der Gartenarbeit so viel Spaß?

Gartenarbeit hat mehrere Superaspekte: Man ist der eigene Chef über das eigene Reich. Die Bewegung an der frischen Luft ist toll und hat man einen Grant, geht er zwischen all dem Schmutz verloren. Ich mag auch Unkraut jäten. Das ist wie Yoga. Zwischen Gundelrebe und Giersch bin ich total im Flow. Körperliche Arbeit ist heutzutage so wichtig. Wir sind nicht nur Hirn – wir sind Körper, Geist und Dreck. Vielleicht ist Gartenarbeit deshalb so in Mode, weil wir sonst zu viel Hirn sind.

Sie sind Journalistin. Welche Rolle spielen die Medien bei den Themen Nachhaltigkeit und Biodiversität?

Man darf die Macht der Medien nicht über-, aber auch nicht unterschätzen. Wenn man etwas bewegen will, muss man bei den Kindern beginnen. Es ist äußerst beklagenswert, dass wir es innerhalb von zwei Generationen geschafft haben, dass Kinder eine Margerite nicht mehr von einem Gänseblümchen unterscheiden können.

Woran liegt’s?

Die Krux liegt da nicht im Bildungssystem, das man ja für vieles verantwortlich machen kann. Es liegt bei den Erzieherinnen und Erziehern, den Eltern und Großeltern, die es verabsäumen, ihren Kindern den Unterschied zwischen Fichte und Föhre zu erklären. Das ist erschütternd.

Es liegt an den Erzieherinnen und Erziehern, dass Kinder den Unterschied zwischen Fichte und Föhre nicht mehr kennen.

Sie sind auch Beirätin der Stiftung Blühendes Österreich. Worin besteht Ihre Aufgabe?

Jeder in diesem Beirat deckt ein gewisses Fachgebiet ab. Ich sehe mich in der Rolle der Vermittlerin. Ich bin keine Expertin, etwa für Schmetterlinge, aber ich denke, ich kann die Menschen für Themen begeistern.

Sollte es mehr Initiativen wie Blühendes Österreich geben?

Große Konzerne haben natürlich eine Macht. Aber die zweite Macht haben die Konsumenten und Konsumentinnen. Es braucht beide, um etwas zu verändern. Mit Blühendes Österreich stehen die Dingen nun öffentlicher im Raum. Das ist ein Anfang.

Was bedeuten Nachhaltigkeit und Biodiversität für Sie?

Ich habe ein wenig ein Problem mit diesen Schlagworten. Was versteht man wirklich darunter? Persönlich denke ich: Wenn man einen Flecken Erde hat, den man bewirtschaften kann, und sei es nur ein Balkon, dann schaut man darauf, dass nicht nur der Mensch, sondern auch die Viecherl etwas davon haben. Es ist ein Fehler, die Menschen mit dem Thema zu überfordern und zu glauben, wir können damit die Welt retten. Aber wenn viele im Kleinen etwas tun, dann können sie Großes bewirken. Das klingt vielleicht sozialromantisch, aber nehmen wir etwa das Thema „Europäische Saatgutverordnung“. Die wurde durch das Engagement vieler abgesagt. Vorerst.

Aktuell bewirtschaften Sie einen Garten in Niederösterreich. Sie haben aber auch lange in der Stadt gelebt. Was braucht man dort für eine erfolgreiche Ernte?

Sonne! Ob am Balkon oder fürs Kräuterblumenkisterl am Fensterbrett – ohne Sonne geht nichts. Und dann muss man einfach anfangen. Ausprobieren. Man kann viel lesen, aber im Endeffekt ist es eine Trial & Error-Sache. Man darf da keine Scheu haben. Und das wichtigste ist: Sich mit anderen auszutauschen. Ich bin hier in Niederösterreich im Industrieviertel, aber auch hier schließen sich die Interessierten zusammen, tauschen Pflanzen und Erfahrungen. Es geht einfach darum, die Freude am Grünzeug zu teilen.

Im Endeffekt ist Gartenarbeit eine Trial & Error-Sache.

Und dann wächst alles von alleine?

Nein. Die Dinge werden nicht von selbst. Wenn man es sich leicht machen will, setzt man Beerenstauden und Obstbäume, aber sobald es ans Gemüsegärtnern geht, braucht man Zeit und Liebe. Sonst wird es nichts. Der Traum von der Selbstversorgung ist wahrlich einer, vor allem für arbeitende Menschen.

Ist es nicht auch eine Art von Protest gegen die Lebensmittelindustrie?

Sicher ist es eine Art von Widerstand. Nach dem Motto: Ich will Paradeiser, die nach etwas schmecken! Der Handel hat darauf aber bereits reagiert: Das Bewusstsein für Sortenvielfalt ist gestiegen und etwa bei den Paradeisern umgesetzte Realität. Da ist man auf dem richtigen Weg. Auch mit den Biolinien. Wenn man zehn Jahre zurückdenkt, da war hier Wüste! Österreich hat im Vergleich zum Rest der Welt wirklich die Nase vorne, wenn es um Bio und Sortenvielfalt geht.

Und was kaufen Sie noch an Obst und Gemüse im Supermarkt?

Im Sommer eigentlich nichts, da versorgen wir uns selbst. Im Winter Bananen, auch Karotten und Gemüse. Eine Vorratswirtschaft ist sehr aufwändig, aber mir fehlt da Raum und Zeit. Die Lagerwirtschaft ist der nächste Schritt. Vielleicht wenn ich in Pension bin.

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Ute Woltron

Ute Woltron nennt rund 4.000 Quadratmeter wilden Garten ihr Naturreich. Seit 14 Jahren hegt, pflegt und probiert die Journalistin und Autorin im niederösterreichischen Industrieviertel auf einem ehemaligen Acker ihren grünen Daumen. Mit Obstgarten, vielen Blumen und Gräsern, einem Gemüsegarten, einem winzigen Glashaus und vielen Töpfen und zinkenen Badewannen. Das ist ordentlich viel Arbeit, die sie primär allein bewältigt. Und sie macht ihr Spaß. Außer vielleicht die Kompostwirtschaft – „da hole ich mir Hilfe, weil ich nicht so stark bin. Aber gute Erde muss man sich einfach selbst machen.“

Ute Woltron schreibt in der Tageszeitung Die Presse (Gartenkralle) über die Natur, auf ihrer Homepage postet sie dazu ihre Gedanken und bezaubernde Fotos.

www.utewoltron.at

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Lebt in St. Ruprecht/Raab (Stmk). Vom Beruf Optiker sowie Naturfotograf aus Leidenschaft. Ebenfalls Herausgeber zahlreicher Publikationen sowie vielfacher Preisträger nationaler und internationaler Fotowettbewerbe.

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