Leonore Gewessler ist seit 2014 politische Geschäftsführerin der Umweltschutzorganisation Global 2000. Im Interview mit Maria Schoiswohl spricht sie über die Gemeinsamkeit von instabilen Flugzeugen und Ökosystemen, fordert eine neue Förderpolitik für die Landwirtschaft und leistet Erste Hilfe für Schmetterlinge.

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Biodiversität und Naturschutz stehen immer mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Warum jetzt und nicht schon früher?

Wenn alle Menschen auf der Welt so leben würden wie wir Europäerinnen und Europäer, bräuchten wir drei Planeten. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein über den massiven Ressourcenverbrauch und die ökologische Grenze, die wir damit erreichen, gestiegen. Veränderungen werden auch zunehmend spürbar, zum Beispiel durch Extremwetterereignisse oder weil „Allerwelts-Arten“ immer seltener werden. Das – in Kombination mit vielen Aktiven, den Möglichkeiten mit den neuen Medien und mit den Organisationen, die sich den Themen aus ganz unterschiedlichen Richtungen widmen – hat zu einem erhöhten Bewusstsein geführt.

Ist es wirklich schon fünf vor zwölf, wie oft von Umweltschutzorganisationen proklamiert?

Ich glaube tatsächlich, dass es in Sachen Biodiversität und Umweltschutz fünf vor zwölf ist, wenn nicht schon Punkt zwölf. Der Mensch verursacht aktuell das größte globale Aussterben, seit dem Aussterben der Dinosaurier.

Sie sagen, wir brauchen drei Planeten, wenn wir nicht beginnen etwas zu verändern. Was passiert, wenn wir nichts tun?

Man muss sich bewusst sein, dass die Vielfalt des Lebens und der Natur auf unserem Planeten diesen auch erst bewohnbar macht. Wir sind in vielerlei Hinsicht abhängig von der Natur. Wenn eine Art verloren geht, ist sie ausgestorben, verschwunden, und nicht mehr ersetzbar. Und die große Gefahr ist, dass man in einem sehr komplexen System, wie unsere Erde eines ist, Kipppunkte erreicht, an denen man nicht mehr zurück kann. Man kann sich das wie bei einem Flugzeug vorstellen.

Der Mensch verursacht aktuell das größte globale Aussterben, seit dem Aussterben der Dinosaurier.

Ein Flugzeug?

Man dreht bei dem Flugzeug da und dort eine einzelne Schraube heraus – da und dort stirbt eine Art aus oder verschwindet eine Pflanze – das Flugzeug, das ganze Ökosystem, wird instabiler. Irgendwann erwischt man die Schraube, die das Flugzeug zum Absturz bringt. In der Natur geht es nicht um Schrauben, sondern zum Beispiel um Schlüsselarten. Schlüsselarten sind etwa Bienen und Schmetterlinge, die Bestäuber. Wenn man sich überlegt, dass in Europa 4.000 unserer Gemüsesorten darauf angewiesen sind, dass sie bestäubt werden, dann sieht man, welchen wichtigen Beitrag die Natur für unser eigenes Überleben leistet.

Bei den Bestäubern muss der Mensch bereits eingreifen.

Ja, in China wird teilweise von Hand bestäubt. In den USA zahlen Landwirte Imker, damit sie mit ihren Bienenstöcken auf die Plantagen kommen. Man kann der Bestäubungsleistung der Bienen oder Schmetterlinge, so man will, auch einen ökonomischen Wert geben. Ich bin da aber sehr vorsichtig in der Formulierung. Aber um die Wirtschaftsleistung der Bestäuber zu kennen, hat man versucht ihnen einen globalen Schätzwert zu geben: 265 Milliarden Euro. Da sieht man wie wichtig diese „Dienstleistung der Natur“ für uns ist. Auf mehreren Ebenen.

Ist zu spät für eine Rückkehr zu einem harmonischen Miteinander mit der Natur?

Ich glaube, es ist nie zu spät, sonst müssten wir unmittelbar aufhören zu arbeiten. Wir müssen uns nur die Frage stellen: Mit welcher Natur wollen wir ein harmonisches Miteinander? Natur heißt für mich immer Vielfalt. Sie macht unser Ökosystem widerstandsfähiger – und schöner. Das zweite ist: Es muss sich viel verändern! Das betrifft unseren Lebensstil, die politischen Rahmenbedingungen, die Wirtschaft. Unser Wirtschaftssystem basiert im Moment auf Massenkonsum und Wachstum. Das geht nicht nur auf Kosten der Natur, sondern auch auf Kosten sozialer Rechte.

Es heißt immer wieder, die Wirtschaft soll sich ändern. Aber welche echten Alternativen haben österreichische Landwirte, die mit intensiver Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienen und uns mit Lebensmitteln versorgen?

Man könnte über Landwirtschaftspolitik eine lange Diskussion führen. Der jetzige Zustand ist eine Konsequenz aus einer Politik, gerade auf europäischer Ebene, die vor allem Größe und Wachstum der Betriebe fördert und nicht im selben Maße ihre Leistung, etwa gerade für Biodiversität. Damit konkurrieren die Betriebe auf einem internationalen Markt. Da machen nicht die Europäer und schon gar nicht die Österreicher die Preise. Der Weg raus führt nur über die politische Ebene. Es braucht eine andere Landwirtschafts-, eine andere Förderpolitik. Und ich glaube auch, dass eine Rückbesinnung auf regional, natürlich am besten biologisch, die Wertschätzung für das Produkt – auch bei den Konsumenten – wieder steigert.

Die Wirtschaftsleistung der Bestäuber hat einen globalen Schätzwert von 265 Milliarden Euro.

Das hilft nun akut den Landwirten nichts.

Stimmt, aber hier muss man dringend Rahmenbedingungen setzen. Ich denke, die nächste Reform der europäischen Agrarpolitik wird ganz wichtig. Man muss da einfach steuern. Zum Beispiel mit einem Anreizsystem zum Umstieg auf bio. Österreich ist, was den Biolandbau betrifft, Vorreiter in Europa. Jeder sechste Betrieb ist bio, 20 Prozent der Fläche sind bio bewirtschaftet. Das muss man noch attraktiver gestalten. Darüber hinaus gibt es auch für konventionelle Landwirte bereits viele Möglichkeiten biodiversitätsschonender zu arbeiten. Wir versuchen das in Praxisprojekten mit den Bauern umzusetzen, etwa im Pestizidreduktionsprogramm oder gemeinsam mit der REWE Group im PRO PLANET-Label.

Global 2000 ist auch Mitglied der Nationalen Biodiversitätskommission, die sich um die Umsetzung der Biodiveristätsstrategie 2020 bemüht. An welchen Zielen arbeitet Global 2000 konkret?

Für uns ist die Frage den Schutz der biologischen Vielfalt im Bewusstsein der Menschen stärker zu verankern sehr wichtig. Wir wollen die Menschen animieren, die Natur selbst zu entdecken. Deshalb machen wir auch solche Projekte wie eine Schmetterlings-App, die gemeinsam mit der Stiftung Blühendes Österreich entstanden ist. Außerdem setzten wir uns für einen Biodiversitätsschutz abseits von Naturschutzgebieten ein. Das hat viel mit unserer Arbeit im Bereich nachhaltige Landwirtschaft zu tun.

Zur Schmetterlings-App gibt es ein Erste Hilfe-Paket für Schmetterlinge – mit Broschüre und Pflanzensamen. Was erwarten Sie sich von der Aktion?

Wir wollen Bewusstsein für die Schmetterlinge schaffen. Wie wichtig sie einerseits als Bestäuber und andererseits als Anzeiger für den Zustand unserer Umwelt sind. Und wie gefährdet sie sind. 51 Prozent der Tagfalter in Österreich sind akut bedroht. Vier Prozent der Nachtfalter sind bereits ausgestorben. Mit der App sollen die Menschen Schmetterlinge in der Natur entdecken. Das Erste Hilfe-Paket ist der nächste Schritt im eigenen Tun – für die Pflanzenvielfalt auf der Terrasse oder im Garten.

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Hintergrund

Seit 2014 ist Leonore Gewessler politische Geschäftsführerin der Umweltschutzorganisation Global 2000. Die gebürtige Steirerin war zuvor sechs Jahre lang Direktorin der Green European Foundation, einer europäischen politischen Stiftung, in Brüssel. Die Schmetterlings-App, die in Kooperation mit der gemeinnützigen Stiftung Blühendes Österreich entstanden ist (im Bild: Gewessler, 2.v.r., mit Mitgliedern der Stiftung), ist eines von mehreren Biodiversitäts-Projekten von Global 2000. Am Bisamberg hat die Umweltschutzorganisation etwa den 1. Wildbienenerlebniswegs in Österreich initiiert. Dort beobachtet Global 2000 auch, gemeinsam mit Interessierten, die Entwicklung einer Fläche auf der Schafe grasen. Mehr dazu finden Sie hier.

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