Türkis oder doch glasklar? Rauschend, sprudeln oder doch sanft fließend? Der Oberlauf der Lutz im Biosphärenpark Großes Walsertal entspricht einem echten Wildfluss: ungezähmt, abwechslungsreich, respekteinflößend und - streng geschützt.

Eingehüllt in ihr Winterkleid erzählt sie Geschichten von den „distanzierten" Menschen an ihren Ufern, von blutroten Quellen und heilsamen Marienerscheinungen. 

Der Talboden gehört fast zur Gänze der Lutz alleine und der Blick reicht bis zum Rothorn. (c) Christina Schwann

Nebel steigt vom Wasser der Lutz auf. Die feinen Tröpfchen setzen sich auf die Zweige der Bäume über dem Bach und bilden in der kalten Luft imposante Eiskristalle. Am Talboden des Großen Walsertals, zwischen der Gemeinde Sonntag und dem Weiler Buchboden, beginnt unsere Schneeschuhwanderung entlang der eisig kalten, aber dennoch lebendigen und vielfältigen Lutz, die untrennbar mit dem Tal und seinen Bewohnern verbunden ist. Wanderführer und ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Sonntag Franz Ferdinand Türtscher begleitet uns auf dieser Wanderung.

Die beeindruckende Kessischlucht ist nur wenige Meter breit. Foto: Christina Schwann

Biosphärenpark Kernzone Lutz

Vor allem in ihrem Oberlauf von ihrem Ursprung nahe der Metzgertobelalpe auf 2.100 m bis nach Sonntag/Garsella ist die Lutz fast unberührt. Hier darf sie walten und gestalten, wie es sich für einen echten, lebendigen Wildfluss gebührt. Von links und von rechts münden alle paar Hundert Meter Seitenbäche in sie ein und aus dem Lutzbach, wie sie auf ihren ersten Kilometern genannt wird, wird nach der Einmündung des Matonabaches die Lutz.

Sie ist der Hauptfluss des Großen Walsertales, hat ein Einzugsgebiet von ca. 180 kmund mündet nach rund 30 km in den Rhein. Zwischen ihrem Ursprung und dem Speicher Raggal, wo sie zum ersten Mal gestaut wird, ist sie als Kernzone des Biosphärenparks Großes Walsertal ausgewiesen und damit streng geschützt.

Insgesamt gibt es sechs Kernzonen im Biosphärenpark Großes Walsertal, eine davon ist etwa auch das Gadental oberhalb von Bad Rothenbrunnen. Die Kernzonen dienen dem klassischen Naturschutz, hier sollen sich Ökosysteme ohne menschlichen Einfluss entfalten können. Der Oberlauf der Lutz steht ganz im Zeichen des Fließgewässerschutzes. In der Tat präsentiert sich die Lutz hier als naturnaher Gebirgsfluss in all seiner Vielfalt - von ruhig dahinfließenden Abschnitten mit breiten Schotterbänken und Auwäldern bis zu tosenden Schluchten, wie etwa der Kessi-Schlucht.

Ein kleines Stück hinter dem Weiler Buchboden hat sich die Lutz durch den Felsen gegraben, ihr Wasser rauscht durch die nur wenige Meter breite Schlucht und hat imposante Becken ausgehöhlt. 1992 wurde die Kessi-Schlucht zum Naturdenkmal erklärt. Mit unseren Schneeschuhen nähern wir uns nur vorsichtig dem Rand der ungesicherten und steil abfallenden Schlucht, um einen Blick auf das selbst im Winterlicht türkisblaue Wasser zu erhaschen.

Wanderführer Franz Ferdinand Türtscher begleitet die Wanderung. (c) Christina Schwann

Das ambivalente Verhalten der Walser zum Wasser

Wasser hat für das Große Walsertal schon immer eine große Rolle gespielt – allerdings eine durchaus ambivalente, wie Johann Peer in seinem Buch „Kulturlandschaft Großes Walsertal“ treffend formuliert. Wasser werde hier nicht nur als notwendiges Lebensmittel gesehen, sondern auch als unmittelbare Gefahr. Der Schutz vor Lawinen und Muren habe die Baukultur maßgeblich geprägt und zur Talregion, in der die Lutz sich ihren Weg bahnt, wird bis heute gebührende Distanz gehalten.

 

„Die Lutz kann – vor allem nach heftigen Regenfällen und während der Schneeschmelze – zum reißenden Wildbach werden, der unglaublich viel Geschiebe mit sich führt.“

Wanderführer Franz Ferdinand Türtscher, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Sonntag.

Auf unserem Weg entlang der Lutz unterhalb von Buchboden wird deutlich, wie das mit der „Distanz“ gemeint ist: Wir wandern gemütlich über ein breites, völlig unbebautes Feld und der Blick schweift über die wildromantische Flussnatur bis zum Rothorn, das ganz hinten im Tal im Sonnenlicht glänzt.

Der Wasserreichtum des Tales ist aber für die Almen unabdingbar und mit Sicherheit mit ein Grund dafür, warum die Walser dieses Tal überhaupt für sich gewinnen konnten. In kaum einer anderen Region in Österreich gibt es noch so viele bewirtschaftete Sennalmen, wie hier im Großen Walsertal. Der trockene Sommer 2018 hat allerdings auch hier seine Spuren hinterlassen. Dank einiger weniger Regenfälle im hinteren Teil des Tales musste zwar das Vieh nicht früher als sonst abgetrieben werden, doch so wenig Wasser wie aktuell, führe die Lutz sonst nicht einmal im Hochwinter, wie Merbod Türtscher, Mitglied der Bergrettung und Zimmervermieter, bemerkt.

Unterhalb von Buchboden befindet sich das Schwefelbad direkt an der Lutz. Foto: Christina Schwann

Bedeutende Heilquellen

Am Ausgangspunkt unserer Schneeschuhwanderung sind sie uns bereits aufgefallen - seltsam anmutende, runde Steinbehälter auf den Schotterbänken der Lutz. Franz Ferdinand Türtscher erklärt: „Man glaubt es kaum, aber das ist eine kleine Badeanstalt. Die hier gefassten Quellen beinhalten 29 % Schwefel – ein sehr hoher Anteil also. Im Sommer wird das Becken mit einem Holzofen geheizt und Gästen können nach Voranmeldung das ‚Thermalbad’ nutzen.“ Tatsächlich weiß man, dass die schwefelhaltigen Quellen hier nahe Buchboden schon in früheren Zeiten bekannt waren und so etwas wie „Kurbäder“ stattfanden.

Ähnlich verhält es sich mit Bad Rothenbrunnen. Auf unserer Wanderung machen wir unweit der Kessi-Schlucht einen Abstecher und folgen dem Matonabach ein Stück aufwärts, der bis zum legendären Gasthaus Bad Rotenbrunnen über einige imposante Steilstufen fällt. Hinter dem Haus befindet sich eine frei zugängliche Eisenquelle. Der Legende nach soll ein Hirte hier seinen verletzten Fuß in das rote Wasser getaucht, eine Marienerscheinung gehabt haben und gesund worden sein. Bald darauf baute man ein Badehaus mit dem Namen „Roter Brunnen“.

Bad Rothenbrunnen hat nur im Sommer geöffnet und so wandern wir zurück zu unserem Ausgangspunkt beim Schwefelbad. Im Ort Sonntag kehren wir im gemütlichen Biosphärenparkhaus ein und wärmen uns bei Bergkräutertee mit Honig auf.
(Autorin: Christina Schwann)

Selbst erleben: Nimm an der Schneeschuhwanderung entlang der Lutz teil!

Wenn auch du Lust hast, die Vielfalt der Kernzone Lutz, ihre Wildheit und gleichzeitig winterliche Schönheit zu erleben, dann melde dich einfach zu einer der Schneeschuhwanderungen im Großen Walsertal an. Sie finden jeden Freitag bis 15. März 2019 statt und starten jeweils um 13:30 in Sonntag beim Biosphärenparkhaus.

Die Ausrüstung kannst du gegen eine kleine Gebühr ausleihen, Vorkenntnisse im Schneeschuhwandern sind nicht notwendig.

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