Es wird eng für die Insekten – und damit auch für uns Menschen. 4/5 der Fläche Österreichs wird land- oder forstwirtschaftlich genutzt. Dazu kommt, dass wir bei der Verbauung für Siedlungs-, Verkehrs- und gewerbliche Zwecke im EU-Spitzenfeld liegen: Über 55 Prozent der Flächen gelten als versiegelt und sind biologisch und auch landwirtschaftlich funktionslos.

Für Flora und Fauna bleibt also immer weniger Platz: Höchste Zeit, zu handeln! Wir haben Elisabeth Köstinger, Bundesministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus, zum Interview über die aktuelle Lage von Bienen, Schmetterlingen & Co. gebeten und wollten wissen, was die Österreichische Regierung konkret zu ihrem Schutz tut – und natürlich auch, welches Insekt der Frau Bundesministerin besonders am Herzen liegt.

--> Zur Gegenüberstellung haben wir auch den Wissenschaftler und Schmetterlingsforscher Peter Huemer zum Insektensterben befragt.

Das Insektensterben zieht medial immer größere Kreise, bereits von einem Massensterben ist die Rede: Wie geht es den Insekten in Österreich Ihrer Einschätzung nach heute?

Bundesministerin Elisabeth Köstinger: Als artenreichste Tiergruppe der Welt spielen Insekten auch für die biologische Vielfalt in Österreich eine entscheidende Rolle. Es ist davon auszugehen, dass bedauerlicherweise auch in der heimischen Kulturlandschaft ein stetiger Rückgang von Insektenpopulationen zu verzeichnen ist: Von den insgesamt rund 37.500 österreichischen Insektenarten ist nach Schätzungen etwa ein Drittel als gefährdet einzustufen. Nichtsdestotrotz gibt es in Österreich noch eine enorme Vielfalt, die es zu bewahren gilt! Wie ja auch das im Rahmen der Initiative Blühendes Österreich durchgeführte Monitoring gezeigt hat.

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Elisabeth Koestinger

Welchen Stellenwert nimmt das Thema Insektensterben in Ihrer Arbeit ein – welche konkreten Maßnahmen und Monitoring-Aktivitäten gibt es?

BM Elisabeth Köstinger: Der Schutz von Insekten ist ein zentrales Anliegen meines gesamten Ressorts, weil es nicht alleine ein umweltpolitisches Thema ist, sondern beispielsweise auch maßgeblich die Landwirtschaft betrifft. So ist ein Großteil der Wild- und Kulturpflanzen von Bestäuberinsekten abhängig und eine hohe genetische Pflanzenvielfalt macht die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegenüber äußerer Einflüsse wie Klimaerwärmung oder Schädlingsbefall. Das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus fördert zahlreiche Projekte, Programme und Initiativen, die Lebensräume für Insekten schaffen, erhalten und wiederherstellen. Im Rahmen des heimischen Agrarumweltprogramms beispielsweise, an dem rund 80 Prozent der österreichischen Betriebe teilnehmen, werden aktuell schon Blühflächen angelegt, artenreiche Wiesen und Weiden gepflegt, Fruchtfolgeauflagen umgesetzt, Pflanzenschutzmittel eingespart und Landschaftselemente erhalten. Für Agrarumweltmaßnahmen mit Biodiversitätswirkung ist ein jährliches Budget von rund 266 Millionen Euro (EU/Bund/Land) veranschlagt. Im Fokus meines Ressorts stehen auch (Bewusstseins-)Bildung und Sensibilisierung der Bevölkerung für den Wert biodiversitätsfördernder Landschaftsstrukturen. Im Rahmen des Projekts Wir schaun auf unsere Wiesen und Almen“ beobachten beispielsweise fast 650 landwirtschaftliche Betriebe in ganz Österreich die Entwicklung selten gewordener Tier- und Pflanzenarten auf ihren Grünlandflächen. Die Idee dahinter ist, bei Bauern und Bäuerinnen die Begeisterung für Biodiversität zu wecken und diese so als langfristige Partner und Partnerinnen des Naturschutzes zu gewinnen. Im Rahmen der Biodiversitäts-Initiative vielfaltleben werden Schutzprojekte durchgeführt – z.B. für den Heckenwollafter oder die Blauflügel-Prachtlibelle – sowie Gemeindeprojekte zur Insektenvielfalt unterstützt. Die zahlreichen vielfaltleben-Vogelschutzprojekte kommen auch der Insektenvielfalt zugute.

Wie kann man die Insektenbestände aussagekräftig erfassen?

BM Elisabeth Köstinger: Für aussagekräftige Bestandserhebungen von Insekten braucht es regelmäßige Erhebungen im Freiland. Aktuell laufen im Auftrag des BMNTs zwei Monitoringprojekte, die die Artenvielfalt in der heimischen Kulturlandschaft anhand des Vorkommens von Heuschrecken, Tagfaltern, Wildbienen und Gefäßpflanzen erfasst. Darüber hinaus wird die Wirkung von Agrarumweltmaßnahmen auf Insekten, Vögel und Gefäßpflanzen regelmäßig evaluiert. Die Ergebnisse aus diesen Studien liefern uns wichtige Grundlagen zur Weiterentwicklung und Qualitätsverbesserung biodiversitätsfördernder Maßnahmen für die zukünftige Periode der Gemeinsamen Agrarpolitik (2020+).  

Halten Sie die aktuellen Maßnahmen der Regierung zum Schutz der Insekten für ausreichend?

BM Elisabeth Köstinger: Die Anstrengungen, die auf Regierungsebene zum Schutz der Insekten geleistet werden, sind auf jeden Fall sehr ambitioniert. Der Schutz der Insektenvielfalt ist jedenfalls auch im aktuellen Regierungsprogramm verankert und wird einen zentralen Schwerpunkt in der neuen Biodiversitäts-Strategie 2030+ darstellen.

Welchen Bedrohungen sind Insekten speziell in Österreich ausgesetzt?

BM Elisabeth Köstinger: Die Gründe für den Rückgang von Insektenpopulationen sind vielfältig und nicht an einzelnen Ursachen festzumachen. Neben dem Verlust und der Beeinträchtigung von Habitaten durch zunehmenden Verbrauch und Versiegelung von Flächen, ist das Insektensterben auch klimatischen Veränderungen und dem vermehrten Einwandern invasiver Arten geschuldet. Aber auch die Abnahme an Strukturvielfalt und des Blütenangebots in der heimischen Kulturlandschaft – vom Hausgarten über die Wiesen und Weiden bis zum Acker – sind am Rückgang von Insekten beteiligt.

Die Abnahme an Strukturvielfalt und des Blütenangebots in der heimischen Kulturlandschaft – vom Hausgarten über die Wiesen und Weiden bis zum Acker – sind am Rückgang von Insekten beteiligt.

Was wären die drastischen Folgen, wenn das Insektensterben weiter seinen Lauf nimmt?

BM Elisabeth Köstinger: Wenn wir es nicht schaffen, den Rückgang von Insekten aufzuhalten, sind jedenfalls dramatische Folgen zu erwarten. Insekten sind nämlich nicht nur elementarer Bestandteil der biologischen Vielfalt, sondern auch für das Funktionieren von Ökosystemen entscheidend. Sie bilden die Nahrungsgrundlage für heimische Vögel, Spinnen, Amphibien, Reptilien und Säugetiere und haben eine wichtige Funktion als Bestäuber eines Großteils der Wild- und Kulturpflanzen.

Was kann jede/r einzelne/r gegen das Insektensterben tun?  

BM Elisabeth Köstinger: Ganz allgemein haben Insekten das größte Problem mit unserer Ordnungsliebe und den immer effizienteren Formen der Bewirtschaftung. Grundsätzlich kann jede und jeder Garten- oder Terrassenbesitzer/in Nahrungs- und Lebensräume für Insekten schaffen. Wirkungsvolle Maßnahmen sind beispielsweise die Bereitstellung von Blütenangebot, das Stehenlassen von Altgrasstreifen oder der Verzicht auf Rasenmäheroboter. Besonders positiv wirkt sich ein möglichst kleinräumiges Nebeneinander von gemähten und (noch) nicht gemähten Flächen aus, weil Insekten so Ausweichmöglichkeiten haben.

Jede und jeder Garten- oder Terrassenbesitzer/in kann Nahrungs- und Lebensräume für Insekten schaffen

(Was) können wir von anderen Ländern hinsichtlich Bestandeserhebung und Schutz der Insekten lernen?

BM Elisabeth Köstinger: Österreich hat sich gemeinsam mit anderen Ländern der Europäischen Union der globalen Initiative „Coalition of the Willing on Pollinators“ angeschlossen. Diese Initiative bietet eine gute Plattform für den Austausch von Informationen und Erfahrungen im Insektenschutz. Eine wesentliche Erfahrung, die bisher gewonnen werden konnte, ist die Notwendigkeit über Sektoren hinweg zu denken und zu handeln. Es braucht gemeinsame Bemühungen, um die Vielfalt der Insektenwelt zu erhalten, die auch die Bevölkerung mit einbeziehen. Österreich bekennt sich außerdem zu der im Juni 2018 beschlossenen EU-weiten „Initiative für Bestäuber“, mit der die EU den europaweiten Biodiversitätsverlust eindämmen will. Die koordinierte EU-Initiative umfasst unter anderem auch Maßnahmen zur Verbesserung der Kenntnisse über Ursachen und Folgen des Rückgangs von Bestäuberpopulationen.

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Rostrote Mauerbiene beim Nestbau

Haben Sie ein persönliches Lieblingsinsekt, das es vielleicht bald schon nicht mehr geben wird?  

BM Elisabeth Köstinger: Ich habe als Nachhaltigkeitsministerin die Schirmherrschaft für die „Rostrote Mauerbiene“ übernommen, die zum Insekt des Jahres 2019 gewählt wurde. Diese Wildbienenart ist besonders fleißig was die Bestäubung von Blütenpflanzen angeht und spielt damit eine wichtige Rolle für Naturhaushalt und Landwirtschaft. Besonders erfreulich ist, dass die Bestände der Rostroten Mauerbiene in Österreich stabil sind. Da die Rostrote Mauerbiene oft in der Nähe von menschlichen Behausungen nistet, kann man die Wildbienenart insbesondere durch die aktive Bereitstellung Nistplatzangeboten wie Insektenhotels unterstützen.  

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