Hitze, Trockenheit, Gewitter, Stürme, Überschwemmungen. Wir sind mittendrin im Klimawandel. Die Klimaforscherin und Meteorologin Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb beschreibt in ihrem spannenden Vortrag aber längst nicht nur die Bedrohungen des Klimawandels, sondern zeigt auch seine großen Chancen. Denn sie ist sicher: „Das Klima zu schützen bedeutet nicht, ein schlechteres Leben zu haben. Ganz im Gegenteil.“

Über meinem Kopf schwebt ein Stier. Genauer gesagt steht das ausgestopfte Tier auf einer Glasplatte, die über mir eine Art Terrasse bildet. Beste Sicht für den Stier. Er scheint ebenso gespannt dem Vortrag zum Klimawandel zu lauschen, wie die vielen Menschen, die sich an diesem sehr lauen Frühlingsabend hier bei der inatura – Erlebnis Naturschau Dornbirn versammelt haben. Immerhin ist der Klimawandel etwas, das uns alle betrifft.

Die Klimaforscherin und Meteorologin Helga Kromp-Kolb, emeritierte Professorin der BOKU Wien, ist vom Osten Österreichs quer durchs Land in den westlichsten Winkel angereist. Durch dieses wunderschöne Österreich mit seinen Wiesen, Wäldern, Bergen und Seen – das EU-weit in Sachen Klimaschutz übrigens gemeinsam mit Polen das Schlusslicht bildet. Außerdem wird bei uns jährlich pro Person so viel wertvolle Bodenfläche versiegelt, wie nirgendwo sonst in Europa.

„Wandel klingt zu weich“

Es sind auffallend viele Schülerinnen und Schüler unter den Zuhörern. Das bringt Helga Kromp-Kolb gleich zum leicht abgeänderten Titel des Vortrags. Ursprünglich hieß er ja „Klimawandel: Bedrohung oder Chance?“. Die Forscherin entschied sich aber, das Wort „Wandel“ durch „Krise“ zu ersetzen. Das hat auch mit der jungen schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg zu tun, die im März insgesamt 1,6 Millionen Schülerinnen und Schüler weltweit zum viel diskutierten Schulstreik für den Klimaschutz bewegte. „Aus wissenschaftlicher Sicht sprechen wir vom Wandel“, erklärt Helga Kromp-Kolb jetzt, „aber Wandel klingt zu weich. Wenn wir nicht aufpassen, haben wir nämlich eine Katastrophe“.

Es ist (noch) nicht zu spät

Eines vorweg: So drastisch ging der Vortrag nicht weiter. Im Gegenteil, bei der Sturzflut an – doch höchst alarmierenden – Forschungsergebnissen, Statistiken, historischen Entwicklungen und Prognosen, die die Klimaforscherin im Laufe der nächsten zwei Stunden präsentieren sollte, bleibt ihre Grundbotschaft positiv. „Die im Pariser Klimaabkommen vereinbarte maximale Erderwärmung von 1,5° ist noch zu schaffen. Wir verfügen über die Technologien dazu. Wir haben noch eine Chance – nur der Wille fehlt. Und wir haben nicht viel Zeit.“

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Wenn die Stimmung wirklich kippt

Dieser Zeitdruck hat auch mit den sogenannten „Kipp-Punkten“ zu tun: Sind sie erreicht, ist eine Stabilisierung des Klimas nicht mehr möglich. Denn dann wurden bereits Prozesse in Gang gesetzt, die sich gegenseitig verstärken und nicht mehr aufhalten lassen. Ein Beispiel ist die sogenannte Eis-Albedo-Rückkopplung: Die Schnee- und Eisflächen der Arktis und Antarktis reflektieren sehr viel Licht. Schmilzt das Eis durch die Erderwärmung, wird damit die Oberfläche dunkler. Dadurch wird mehr Licht absorbiert – die Erde erwärmt sich immer weiter. Aufhalten lässt sich dieser Prozess nicht mehr.

Hier kommen 6 Fragen – und dazu 6 handfeste Antworten und Erkenntnisse aus Helga Kromp-Kolbs Vortrag.

1Ist der Klimawandel wissenschaftlich belegt?

Temperaturschwankungen gab es schon immer – mal war es in Russland überdurchschnittlich warm, mal in Afrika, dann in Spanien. Neu ist aber, dass es in den letzten Jahrzehnten überall auf der Welt deutlich wärmer wurde: Seit der vorindustriellen Zeit ist die Temperatur weltweit um 1,1° angestiegen. Die Hälfte davon in den letzten 30 Jahren. Zwischen 2015 und 2018 wurde es sogar noch wärmer als erwartet. Dieser rasante Anstieg ist laut Helga Kromp-Kolb beinahe vollständig auf menschliche Einflüsse zurückzuführen. Damit sind zum Beispiel die CO2-Emissionen aus Mobilität (PKW, LKW, Flugverkehr, Containerschifffahrt, etc.), Stromerzeugung, Industrie und industrieller Massentierhaltung gemeint.

2Welche konkreten Folgen hat der Klimawandel bei uns in Österreich?

In Österreich vollzieht sich der Klimawandel schneller als im globalen Mittel. Das liegt daran, dass wir ein gebirgiges Binnenland sind. Um nur einige Beispiele der bereits spürbaren Folgen zu nennen: Extremereignisse wie Hitzeperioden, heftige Gewitter, Überschwemmungen oder Stürme haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Der Borkenkäfer wütet in den Wäldern und der Fichte wird es bis Ende des Jahrhunderts zu warm geworden sein. Es ist eine der großen Fragen der Forstwirtschaft, welche Bäume bei uns für das wärmere Klima geeignet sind – auch, weil sie wichtige CO2-Speicher sind. Hitzetage mit Temperaturen über 30° nehmen zu, Tropennächte bringen keine Abkühlung. Das bedeutet auch keine nächtliche Erholung, vor allem für alte oder kranke Menschen.

3Was hat das Schnitzel auf meinem Teller mit dem Klimawandel zu tun?

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Für Helga Kromp-Kolb ist eine Ernährungswende ganz wesentlich: Gemeint ist eine nachhaltige Ernährung mit weniger Fisch-, Fleisch- und Milchkonsum. Aktuell dienen nämlich 4/5 aller landwirtschaftlichen Nutzflächen der Haltung und Ernährung von Tieren. Dabei sorgen diese aber nur für 1/5 der weltweit konsumierten Kalorien, während sie einen erheblichen Anteil am Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase bilden. Die Klimaforscherin ist auch für eine Neuausrichtung der Landwirtschaft auf eine ressourcenschonende Lebensmittelproduktion und meint:

„Was wir heute ‚konventionelle Landwirtschaft’ nennen, ist ja erst um die 30 Jahre alt. Eigentlich ist die biologische Landwirtschaft die konventionelle - und jedenfalls die klima- und umweltfreundlichere.“

4Was kann ich sonst noch tun, wenn ich auf mein Schnitzel nicht verzichten möchte?

Helga Kromp-Kolb liefert in ihrem Vortrag praktische Vorschläge, die sich im Alltag leicht umsetzen lassen. Denn egal ob als Einzelperson oder als ganzes Land – die Klimaforscherin findet es wichtig, als gutes Vorbild voran zu gehen.

  • Bewusster einkaufen: nur kaufen, was auch gebraucht wird, haltbare und reparierbare Produkte, regionale, saisonale und idealerweise Bio-Lebensmittel
  • Sparsamer wohnen: Deckel drauf beim Kochen, kürzer heiss duschen, die Heizung herunter drehen, in Wärmedämmung investieren, erneuerbare Energien nutzen etc.
  • Gesünder bewegen: zu Fuß gehen, Rad-, Bus und Bahnfahren, das Auto nur benützen, wenn nötig und dann spritsparend fahren, Flüge vermeiden etc.
  • Info verbreiten: z. B. in der Schule, Arbeit, Gemeinde, Verein etc.
  • Heute beginnen – was nimmst du dir vor?

5Liegt nun die ganze Last, etwas zu verändern, bei mir als Individuum?

Helga Kromp-Kolb findet: "Nein. Die Politik steht in der Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die klimafreundliches Handeln einfacher und billiger machen, als klimaschädliches. Aber sie wird dies nur auf Druck der Bevölkerung machen.“

6Bedeutet weniger CO2-Ausstoß nicht auch weniger Lebensstandard?

Generell gilt: Wer weniger konsumiert, öfters etwas repariert oder verzichtet, schont Ressourcen und Klima. Das führt zu einem Thema, das weit über den Klimawandel hinausreicht. Denn genau dieser Verzicht muss ganz und gar keinen geminderten Lebensstandard bedeuten. Im Gegenteil - weniger Konsum und ein anderes Wirtschafts- und Wertesystem führen sogar zu mehr Lebensqualität, findet Helga Kromp-Kolb: "Wenn wir den Klimawandel wirklich ernst nehmen, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen."

(Autorin: Julia Kropik)

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Zur Person:
Em.O.Univ.Prof. Dr.phil. Helga Kromp-Kolb ist emeritierte Professorin des Instituts für Meteorologie der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und wissenschaftliche Projektmitarbeitern am dortigen Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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