„Ausgeflattert. Der stille Tod der österreichischen Schmetterlinge.“ So lautet der Titel des Schmetterlingsreports der gemeinnützigen Privatstiftung Blühendes Österreich. Verfasser Peter Huemer, Leiter der Naturwissenschaftlichen Sammlungen des Tiroler Landesmuseums und Fachbeirat der Stiftung im Interview mit Maria Schoiswohl.

Image

Sie schreiben in Ihrem Report, „Schmetterlinge zählen weltweit zu den am meisten gefährdeten Tieren“. Was bedroht die Schmetterlinge in Österreich?

Man muss das auf den Lebensraum beziehen. Tagfalter sind meist Wiesenbewohner und gerade auf den Wiesen hat es große Veränderungen gegeben. Das hängt natürlich mit der erhöhten Lebensmittelproduktion zusammen, die etwa in den 1970ern startet. Der ökologische Wert von Wiesen hat sich seitdem massiv geändert. Wiesen werden für einen höheren Ertrag immer intensiver genutzt, gedüngt, gemäht, gespritzt. Aber: Ein einziges Mal düngen kann große Teile der ursprünglichen Schmetterlingsfauna auslöschen. Wenige konkurrenzstarke und für die meisten Falter ungeeignete Pflanzen werden gefördert. Auch die Mahd ist ein erheblicher Eingriff, der vielen Tieren die Nahrung entzieht, nicht nur den Faltern, sondern auch den Raupen. Viele Arten haben sich über Jahrhunderte dem Mahdrhythmus angepasst, sind jedoch den rasanten Änderungen in der Bewirtschaftung nicht gewachsen.

Wie gefährlich sind Pestizide für die Schmetterlinge?

Für die Gefahr von Pestiziden gibt es in der Wissenschaft viele Indizien, es ist aber sehr aufwändig, das nachzuweisen und Untersuchungen beschränken sich daher meistens auf die ökonomisch relevanten Bienen. Dünger wirken lokal, aber Pestizide können verfrachtet werden und sind somit auch abseits der behandelten Flächen eine Gefahrenquelle. So konnten im Südtiroler Vinschgau wahrscheinlich durch verdriftete Pestizide aus dem Obstanbau bis zu 300 Meter über dem Talboden fast keine Falter mehr gefunden werden, etwas höher gibt es dann wieder intakte Schmetterlingsbestände. Auch Ozon, das vor allem durch den Verkehr verursacht wird, gefährdet potentiell Schmetterlinge in mittleren und höheren Lagen. Es schädigt nach Laboruntersuchungen die Produktion der Sexuallockstoffe und die Tiere finden sich nicht mehr zur Paarung.

In Ihrer Arbeit erwähnen Sie auch künstliche Lichtquellen als Gefahr für die Tiere. Sie werden vom Licht angelockt, verbrennen, verfangen sich, werden überfahren oder gefressen.

Es kommen wohl zig-Milliarden Schmetterlinge jährlich durch Licht zu Tode. Wie viele es konkret sind, wissen wir aber nicht. In Großbritannien haben langfristige Zählungen ergeben, dass 70 Prozent der nachtaktiven Falterarten mittlerweile zurückgegangen sind, besonders stark betroffen sind gerade häufige Arten. Künstliche Lichtquellen wie Straßenbeleuchtungen tragen mit Sicherheit zu diesem Schwund bei. Wir versuchen hier mit ökonomisch sinnvoller und ökologisch verträglicher Technik gegenzusteuern.

Warum sind Schmetterlinge so wertvolle Tiere für unser Ökosystem?

Als Schmetterlingsforscher ist mir das Thema natürlich eine Herzensangelegenheit. Schmetterlinge zählen zu den bezauberndsten Tieren in der Natur: schön, ungefährlich und sympathisch. Und sehr sensibel. Es sind Tiere mit einer komplexen Metamorphose, die in jedem Stadium ihres Lebens äußerst sensibel auf Veränderungen reagieren. Damit haben Schmetterlinge eine hohe bioindikatorische Wirkung – sie zeigen uns die Qualität der Natur an. Durch sie bemerken wir Veränderungen in unserem Ökosystem viel früher.

Gleichzeitig sind Schmetterlinge eine wichtige Nahrungsquelle für andere Tiere.

Genau. Vögel essen Schmetterlingsraupen, Fledermäuse Nachtfalter. Fledermausschutz etwa wäre ohne Nachtfalterschutz vollkommen sinnlos. Darüber hinaus sind Schmetterlinge auch wichtige Blütenbestäuber. Nelkengewächse werden ausschließlich von Schmetterlingen bestäubt, Korbblütler und viele andere Pflanzen zählen zum weiteren Nahrungsspektrum zahlreicher Arten. Und dann sind Schmetterlinge auch im ökologischen Kreislauf extrem nützlich. Man denke nur an die Kleidermotte.

Die Kleidermotte?

Ich halte ja die Einteilung von Nützlingen und Schädlingen generell für falsch – jede Art hat ein Recht zu leben! Und die Kleidermotte ist für den ökologischen Kreislauf insofern wichtig, dass sie nicht nur Kleider frisst, sondern eigentlich Felle. Stellen Sie sich vor, es gäbe keine Kleidermotten und andere Tiere mehr, die das Fell unzähliger toter Mäuse fressen würden. Wir würden darin untergehen.

Obwohl der Schmetterlingsbestand zurückgeht, werden auch immer wieder neue Arten entdeckt.

Auch in Österreich finden wir noch regelmäßig bisher unbekannte Arten, meistens versteckt lebende Tiere die seit Jahrtausenden hier vorkommen. Viele Entdeckungen beruhen auch auf neuen Methoden der Genetik. Biodiversität gründet ja auf drei Säulen: Lebensraumvielfalt, Artenreichtum und genetische Vielfalt. Die genetische Differenzierung bei Schmetterlingen ist viel höher, als man bislang wusste. Deshalb erwarten wir uns bei Schmetterlingen noch manche spannende Entdeckungen. Selbst die Klimaerwärmung kann uns eine höhere Vielfalt bringen: Durch den Temperaturanstieg werden sich neue Arten ansiedeln. Andere werden eingeschleppt und breiten sich aus. So ist der Pelargonien Bläuling 2011 in Osttirol aufgetaucht. In Südtirol ist er bereits heimisch.

Sie schreiben in Ihrem Report: Seit 1990 ist der Schmetterlingsbestand in Europa um die Hälfte zurückgegangen. Wo findet man in Österreich heute noch Schmetterlingsvielfalt?

Fast nur noch in Naturschutzgebieten. Und selbst dort werden die Falter weniger.  Gerade das ostösterreichische Flachland wäre für Schmetterlinge als Lebensraum sehr attraktiv, nur – dort gibt es einfach zu viel intensive und konkurrierende Landwirtschaft. Leider leben weniger Schmetterlinge im Gebirge. Dort hätten sie sonst ein wunderbares Leben, weil noch Lebensraum.

Wenn man nun selbst aktiv werden möchte – wie kann man als Laie den Schmetterling schützen?

Umdenken. Sich bewusst machen: Ein englischer Rasen in meinem Garten ist eine biologische Wüste. Gartenbesitzer sollten deshalb kleine Blumenflächen schaffen. Die Belohnung ist eine bunte Blumenwiese, die Schmetterlinge auch in den urbanen Bereich lockt.

Image

Der Schmetterlingsreport
In einer umfassenden Zusammenschau internationaler und nationaler Studien zeichnet der Biologe Peter Huemer im Schmetterlingsreport der Stiftung Blühendes Österreich und von GLOBAL 2000 (PDF zum Download) ein düsteres Bild der Lebensrealität der österreichischen Schmetterlinge. Intensive Landwirtschaft, Monokulturen, vermehrter Spritzmittel- und Düngeeinsatz bedrohen die sensiblen Tiere in ihren Lebensräumen. Im Gegensatz zu den Bienen fehle ihnen aber eine Lobby. Huemer versteht den Report als Weckruf für die Biodiversität in Österreich.

Möchten Sie mehr Wissenswertes über Schmetterlinge erfahren, ihre Lebensweise, was sie bedroht – und vor allem, wie Sie sie schützen können, dann laden Sie unsere Broschüre „Wie helfe ich den Schmetterlingen?" (PDF- Download der Broschüre „Wie helfe ich den Schmetterlingen?“)

Der Wissenschaftler
Peter Huemer beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Schmetterlingen und arbeitet, nach dem Studium der Biologie und Erdwissenschaften, seit fast 30 Jahren am Tiroler Landesmuseum. Seit einem Jahr leitet er dort die Naturwissenschaftlichen Sammlungen. Huemer ist Autor zahlreicher Schmetterlingspublikationen, Verfasser von Roten Listen und Mitinitiator von Naturschutzprojekten. Seit Februar 2016 ist er Fachbeirat der Stiftung Blühendes Österreich.

Die Schmetterlings-App
Die Stiftung Blühendes Österreich und Global 2000 laden mit einer neuen, kostenlosen App ein, Teil der Österreich weiten Initiative zur Zählung und Sichtung der Tagfalter zu werden. Die App ermöglicht mit wenigen Klicks und ohne komplizierte Technik das Melden von Schmetterlingsbeobachtungen. Die App listet 157 Tagfalter Österreichs samt ausführlichem Steckbrief und Fotos. Mit Hilfe eines einfach zu bedienenden Filtersystems (Bundesland, Höhenlage, Größe, Lebensraum, Farben der Flügeloberseite- und Unterseite) und der Fotofunktion ist selbst für Laien eine Bestimmung der häufigsten Arten einfach möglich.

Verwandte Lexikon Artikel

Artenreiche Blühfläche mit Kornblumen, Kamille und Kornrade

Was ist Biodiversität?

Wissen
Blühendes Österreich setzt sich für den Erhalt von Artenvielfalt ein!
Was ist Biodiversität?
Blaumeise

Blaumeise

Vögel
Hier in unserem Naturlexikon erfährst du Wissenswertes rund um die Blaumeise.
Blaumeise
Fischotter

Fischotter

Säugetiere
Als Anpassung an ihren aquatischen Lebensraum ist der Körper des Fischotters sehr schlank und stromlinienförmig. Mit bis zu einem Meter Körperlänge der Männchen erreichen sie auch stattliche Dimensionen, wenngleich es schon einiges an Glück bedarf, um diesen meisterhaften Fischjäger in freier Wildbahn zu begegnen. Die Färbung des Fells ist sehr einheitlich dunkelbraun, lediglich Kehle, Brust und Bauch heben sich hell davon ab. Der Kopf ist flach und breit mit einer stumpfen Schnauze, kurzen Ohren und langen Barthaaren. Wie sein Name schon verdeutlicht besteht seine Hauptnahrung aus Fischen. Er ist jedoch grundsätzlich nicht wählerisch und frisst genauso Muscheln, Amphibien, Wasservögel oder kleinere Säugetiere.
Fischotter

Verwandte Naturerlebnisse

Märchenwanderung für Groß und Klein am Günsel

23. Aug. | Ab 16:30
Icon Pin_brown

Annarotte 14
Annaberg 3222
Österreich

Annaberg, 3222

Veranstalter: Naturpark Ötscher Tormäuer

Abendliche Wanderung durch Wald, Wiese und Schlucht, mit spannenden Geschichten aus alter Zeiten. Bei jedem Wetter!

Märchenwanderung für Groß und Klein am Günsel Der Fährte folgen
5. Nachtaktiv im Auwald

Nachtaktiv im Auwald (Nachtwanderung)

23. Aug. | Ab 18:00
Icon Pin_brown

Uferstraße 20
Orth 2304
Österreich

Orth, 2304

Veranstalter: Nationalpark Donau-Auen

Wenn es dämmert, beginnt das geheime Leben der Finsternis. Käuze rufen, Rehe bellen, Nachtigallen schlagen in die Stille der Nacht, während im Frühsommer Glühwürmchen leuchten. Ausgerüstet mit einen Bat-Detektor orten wir Fledermäuse. Mit etwas Glück beobachten wir Biber. Doch warum sind manche Tiere überhaupt nachtaktiv? Welche Anpassungen an das Nachtleben gibt es? Und was bedeutet Lichtverschmutzung?Treffpunkt: Parkplatz GH "Humers Uferhaus"

Nachtaktiv im Auwald (Nachtwanderung) Der Fährte folgen
Titelbild Fallback

Nordkette Entdeckertour

24. Aug. | Ab 06:30
Icon Pin_brown

Höhenstraße 151
Innsbruck 6020
Österreich

Innsbruck, 6020

Veranstalter: Naturpark Karwendel

Im größten Naturpark Österreichs – hoch über Innsbruck im Reich von Steinbock, Schneehuhn und Co. Von der Hafelekar-Bergstation geht es zunächst zum Hafelekarspitz. Von dort eröffnet sich ein spektakulärer Blick ins „wilde“ Karwendel. Zahlreiche Tiere wie Steinböcke, Gämse und Schneehühner haben hier ihr Zuhause und mit etwas Glück lassen sie sich auch beobachten. Auf dem Goetheweg werden wir mehrmals die Perspektiven wechseln – einmal schweift der Blick in das urban geprägte Inntal im Süden, das andere Mal erstreckt er sich in Richtung der ursprünglichen Naturlandschaft des Karwendels im Norden. Auf der wunderschön gelegenen Pfeishütte können wir uns bei einer gemütlichen Rast stärken, ehe es wieder zurück zum Hafelekar geht. Treffpunkt: Kassa Hungerburg, Innsbruck Dauer: ca. 6 Stunden (inkl. Einkehr) Höhenmeter/Länge: 688 hm; 11 km Kosten: die geführte Wanderung ist kostenlos; für die Bahnfahrt gelten die regulären Tarife; das Freizeitticket Tirol ist gültig

Nordkette Entdeckertour Der Fährte folgen