Großglockner mit Schnee bedeckt

Treibhauseffekt und ewiges Eis – das verträgt sich nicht gut. Auch nicht an der Pasterze im Nationalpark Hohe Tauern. Sie ist Österreichs größter Gletscher – noch. Denn den GletscherforscherInnen vor Ort schmilzt ihr Studienobjekt davon.

 

Über Jahrtausende formten Gletscher die Hohen Tauern: Sie schürften Trogtäler und Kare aus, schoben Geröllwälle auf und hinterließen Bergseen. Der Nationalpark Hohe Tauern beheimatet heute noch etwa 340 Gletscher.

 

Ursprung: Der Traum jedes Kindes

Wie entsteht ein Gletscher? Ganz einfach: durch eine simple Einnahmen-Ausgaben-Rechnung. Nämlich dann, wenn im Winter mehr Schnee fällt als im Sommer schmilzt. Und das über mehrere Jahre. Der Altschnee verwandelt sich dann langsam in Eis. Und wie ernährt sich ein Gletscher? So wie der Traum jedes Kindes: ausschließlich von Eis.

 

Die Vergangenheit: Zunge raus!

Nehmen wir Österreichs größten Gletscher, die Pasterze. Sie liegt im Kärntner Anteil des Nationalparks, unter dem Großglockner. Weit oben wird ihr Eis ständig nachproduziert, in einem weiten Gletscherbecken, dem „Pasterzenboden“. Von dort fließt das Eis über eine steile Geländestufe, den „Hufeisenbruch“. Hier reißt es auf, bildet Gletscherspalten. Darunter streckt die Pasterze ihre Zunge raus. Knapp vier Kilometer weit, ein Tal hinaus.

Das Eis, das wir heute am „Zungenspitzerl“ der Pasterze sehen, ist vermutlich im Spätmittelalter als Schnee vom Himmel gefallen – weit, weit hinten. Gletscher bewegen sich also. Aber nicht gerade schnell.

Was von der Pasterze übrig bleibt

Hungerkur: Gletscher auf Diät

Wir kennen das: Wer Fieber hat, schwitzt. Genauso geht’s den Gletschern: Unser Klima fiebert, sie schwitzen.

Laut jüngstem Gletscherbericht des Alpenvereins sind die heimischen Gletscher in den Jahren 2016 und 2017 so stark geschrumpft wie nie zuvor. Hauptverantwortlich dafür: die außergewöhnlich heißen Sommer der letzten Jahre. Durch sie bekamen die Gletscher zu wenig „Eisfutter“ von oben nachgeliefert. Und wer nicht genügend futtert, der nimmt ab – das klassische Diätprinzip.

 

Die Gegenwart: Zunge rein!

An der Pasterze sieht man den Gletscherschwund besonders eindrucksvoll. Denn wo viel Eis ist, kann viel schmelzen. 140 Jahre Gletschermessungen zeigen dort zweierlei. Erstens: Seit ihrem letzten Hochstand (um 1850) ist die Pasterze um ca. 2 km kürzer geworden. Zweitens: Der Rückgang erfolgt immer schneller.

Das ist gut mit Zeitraffer-Videos zu erkennen. Oder auf Fotovergleichen, z. B. hier, hier oder hier.

 

Trocken & instabil: Auswirkungen des Klimawandels

Eine der unmittelbarsten Folgen des Gletscherschwundes in den Alpen betrifft das Wasser. Denn Gletscher sind wichtige Wasserspeicher. Und sie speisen Bäche und Flüsse. In den nächsten Jahren wird das Schmelzwasser durch die „schwitzenden“ Gletscher noch zunehmen. Ist das Eis aber weg, kehrt es sich ins Gegenteil: Der Trinkwasser-Nachschub könnte knapp werden, Wasserkraftwerke empfindliche Einbußen hinnehmen müssen.

Zudem tauen heute schon Permafrostböden auf. Sie waren bisher ganzjährig gefroren, das Eis diente als „Kitt“ und hielt das lose Geröll zusammen. Schmilzt der Kitt, wird das Ganze instabil. Bauten als auch Menschen am Berg werden vor neue Herausforderungen gestellt. Die Erzherzog-Johann-Hütte am Großglockner etwa sackt ab. Sie ist auf ehemaligem Permafrost gebaut. Und die BergsteigerInnen am Glockner sind öfter mit Steinschlag, Felsstürzen und Blankeis konfrontiert. BergretterInnen können bereits jetzt ein trauriges Lied davon singen.

 

Aus fürs ewige Eis?

Wie wird es weitergehen? Kurz gefasst: Gut sieht’s nicht aus. Aktuelle Studien sagen vorher: bei mittlerem Ausstoß von Treibhausgasen werden 76 bis 97 % des Eisvolumens in den Alpen bis zum Jahr 2100 verschwinden. Selbst, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen sofort eingestellt würde, verlören die Gletscher weltweit noch ein Drittel ihrer Masse. Denn sie reagieren sehr träge auf die Erwärmung. Anders gesagt: Allein wegen der Treibhausgase vergangener Jahrzehnte schmilzt das Eis noch bis zum Jahr 2040.

 

Die Zukunft: Zunge weg?

Und die Pasterze? ExpertInnen rechnen damit, dass ihre Gletscherzunge bis 2050 fast vollständig verschwinden wird. Denn dem Gletscher kommt sein Mittelteil abhanden, der „Hufeisenbruch“. Dadurch fehlt der Zunge der „Eisnachschub“ von oben. Reißt die Verbindung ganz ab, liegen zwei getrennte Gletscher vor. Das Schicksal des unteren wäre besiegelt: Die Zunge würde zum „Toteis“ – und über kurz oder lang „verhungern“. Dann wäre die Pasterze nicht mehr der größte zusammenhängende Gletscher Österreichs, sondern der Gepatschferner in Tirol. Aber genau der zog sich im Jahr 2017 gleich um 125 Meter zurück. Damit war der er Spitzenreiter in Österreich. Fraglich also, ob sich der Nutznießer lange über die Spitzenposition freuen könnte. (Autor: Uwe Grinzinger)

Aktiv werden:

Du willst mehr wissen über Österreichs längsten Gletscher, die Pasterze? Über Klimawandel und Gletscherschwund? Über Gletscher als Klimaarchive? Und über ehemalige Gletscherflächen, die langsam wieder von Pflanzen und Tieren besiedelt werden?

Dann mach‘ mit bei einer Führung des Nationalparks Hohe Tauern am Gletscherweg Pasterze!

Jeweils donnerstags, 28. Juni bis 6. September 2018

Beginn 10:15 Uhr, Besucherzentrum Franz-Josephs-Höhe

Mehr Infos gibt es hier.

Mehr Infos:

Historische Fotos Pasterze:

http://www.anisa.at/Grossglockner_Pasterze_2015_ANISA.htm

Aktueller Zustand Pasterze - Übersichtsbild:

https://static.uni-graz.at/fileadmin/urbi-institute/Geographie/pasterze/fotos/sonstige_bilder/Pasterze_2013_Gletscher.jpg

 

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