Peter Habeler: „Die Berge haben sich dramatisch verändert“

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Für viele mag ja der Weg das Ziel sein. Die österreichische Bergsteigerlegende Peter Habeler sieht das ein bisschen anders. Denn Wege verzweigen sich, sie führen im Kreis und manchmal in eine Sackgasse. Und irgendwie ist das Ziel für den Extrembergsteiger ja dann doch: der Gipfel.

1978 wurde der Tiroler durch die Erstbesteigung des Mount Everest, ohne künstlichen Sauerstoff, gemeinsam mit Reinhold Messner weltberühmt. Sein Statement dazu: „Der Everest ist nicht besiegt, nicht bezwungen worden. Er hat mich lediglich geduldet“. Insgesamt fünf Achttausender hat Peter Habeler gemeistert. Er war auf den höchsten und herausforderndsten Bergen unterwegs, von der Eiger-Nordwand, über die Riesen des Himalaya bis zu den Rocky Mountains Nord- und Anden Südamerikas.
Der Fachbeirat der Stiftung Blühendes Österreich im Gespräch über altbekannte und neue Gefahren im Gebirge und darüber, dass man ruhig auch einmal rebellisch werden kann, wenn es um die alpine Zukunft unseres Landes geht.

Gab es ein bestimmtes Erlebnis, das Ihre Faszination für die Berge ausgelöst hat?

Ich bin im Tiroler Zillertal aufgewachsen, die Berge waren also immer im Hintergrund. Und es gab eine zusätzliche Motivation. Mein Papa ist früh gestorben, ich war damals sechs, und einige Bergführer haben die Vaterfigur übernommen. Seitdem war ich den Bergen verfallen. Aber nicht nur den Bergen selbst, auch der Bewegung, dem Gehen, den Gletschern, Graten und Hütten. Ich wurde älter, habe die Berge aber nie aus den Augen verloren. Mit elf, zwölf war ich dann schon am Olperer auf über 3.000 Metern. Steht man auf einem Gipfel, sieht man viele weitere Gipfel. Das motiviert dazu, weiter zu machen. Man wird hungrig.

Was können uns die Berge lehren?

Ich will hier nicht nur die Berge, sondern die gesamte Natur erwähnen. Der Berg ist ja auch Wald, Gebirgstal. Das alles kann uns sehr viel vermitteln. Heute ist eine solche Geschwindigkeit, so ein Speed im Arbeitsleben Brauch, da kann man in der Natur auftanken. Wenn ich den ganzen Tag in einen Computer hineinschaue, dann wird die Erholung vorm Fernseher sicher nicht gelingen. Ich bin dafür, dass man die Geschwindigkeit des Gehens wahrnimmt. Runter vom Gas.

Ich habe viele Jahre ein Tourenbuch geführt. Und am Ende jedes einzelnen Berichts steht: „Das war mein bisher schönstes Erlebnis“

Welche positive und welche negative Situation wird Ihnen auf immer im Gedächtnis bleiben?

Was das Positive angeht: Ich habe so viel Schönes erlebt und es wird ständig von Neuem überlagert. Natürlich, die paar Minuten am Gipfel des Mount Everest waren „a nit schiach“ (lacht). Aber selbst das wurde wieder überlagert. Ich habe viele Jahre ein Tourenbuch geführt. Und am Ende jedes einzelnen Berichts steht: „Das war mein bisher schönstes Erlebnis“. Ich trau’ mich zu sagen, dass es für mich noch viele wunderschöne Erlebnisse gibt, vielleicht kommt das Schönste noch. Und was das Negative angeht – vielleicht sind sie eng mit den Positiven verbunden. Jede grenzwertige Klettertour, die Rutschpartie am Mount Everest oder Probleme beim Abstieg des Nanga Parbat – das bleibt für immer im Kopf. Das vergisst man das ganze Leben nicht. Und ist gleichzeitig unendlich froh, dass man es heil überstanden hat.

Welches ist Ihr Lieblingsberg? Was steht noch auf Ihrer Liste?

Alle Berge sind meine Lieblinge. Ich mag die gesamte Umgebung des Großglockners sehr gerne und natürlich die Himalaya-Riesen. Ich habe da einige Tierchen im Stall. In der Heimat gibt es vieles, das ich noch nicht kenne. Zum Beispiel Klettertouren in den Dolomiten. Ich möchte in meinem Alter auch noch schwere Touren klettern, mit jüngeren Partnern. Die Eiger-Nordwand noch einmal zu durchsteigen war ein ganz großer Wunsch von mir, den ich mir im Frühjahr erfüllt habe. Man muss immer am Ball bleiben, sonst rostet man schnell ein. Gerade für ältere Menschen ist das ganz wesentlich. Wenn der Körper gesund ist, bleibt das Hirn länger jung. Man muss ständig neue Wege gehen und hohe Ziele zu haben ist toll. Das hält jung, wach und fit.

Auch umkehren muss man können. Es gibt kein Scheitern, kein Aufgeben, keinen Feigling am Berg. Bei schlechten Wetterbedingungen umdrehen zu können, ist die wahre Kraft.

Was sind Fehler, die man als Unerfahrener in den Bergen oft macht? Wie kann man sie vermeiden?

Was mir ganz wichtig ist: Im Gebirge gibt es keine Wege, nur Steige. Und die sind oft nur 20 cm breit und abschüssig, sie können durch Steine versperrt sein. Das muss einem bewusst sein. Es sind sehr viele Menschen im Gebirge unterwegs. Das freut mich grundsätzlich. Große, Kleine, Dicke, Dünne, sie alle marschieren mit großer Freude und meistens ganz gut ausgerüstet. Natürlich gibt es einige Regeln – zum Beispiel nicht erst am Nachmittag von einer Hütte aufzubrechen, wenn ich noch fünf Stunden vor mir habe. Das richtige Timing ist im Gebirge wahnsinnig wichtig. Und ich muss mein Training vorher durchziehen, die Kondition muss passen. Ich muss mich gut informieren, darf nicht blauäugig ins Gebirge gehen. Ich sollte nicht zu viel schleppen und mich mit Leuten umgeben, die sich wirklich im alpinen Raum auskennen. Denn hier ist weniger mehr. Auch umkehren muss man können. Es gibt kein Scheitern, kein Aufgeben, keinen Feigling am Berg. Bei schlechten Wetterbedingungen umdrehen zu können, ist die wahre Kraft. Dann eben beim nächsten Mal.

Die Berge werden durch diesen Gletscherschwund nicht mehr so gestützt, Steine werden durch die Ausaperung lose, es kommt zu Steinschlägen. Selbst auf einfacheren Hüttenwanderwegen. Das Gebirge war früher ruhiger.

Haben sich die Berge aus Ihrer Sicht in den letzten 10 bis 20 Jahren verändert?

Die Berge haben sich dramatisch verändert. Sie sind gefährlicher geworden. Der Permafrost zieht sich weiter hinauf, ins Berginnere, das Gestein wird brüchig, Gletscher werden weniger, die Pasterze schmilzt ab. Egal ob das die Gletscher im Ötschtal, im Stubaital, in der Arktis oder der Antarktis sind. Die Berge werden durch diesen Gletscherschwund nicht mehr so gestützt, Steine werden durch die Ausaperung lose, es kommt zu Steinschlägen. Selbst auf einfacheren Hüttenwanderwegen. Das Gebirge war früher ruhiger.

Alpiner Massentourismus und Umweltverschmutzung – wie sehen Sie das?

Ich finde, früher war es schlimmer. Die Menschen sind vernünftiger geworden, sie werfen nicht mehr so achtlos ihre Konservendosen weg. Das Umweltbewusstsein wurde gestärkt, unter anderem durch den Alpenverein. Am Mount Everest ziehen 20-25 Sherpas los, um leere Sauerstoffflaschen und Zeltreste zu holen. Aber wenn ich 900 Menschen am Everest habe, ist das einfach zu viel. Am Großglockner sind 250 zu viel. Das Erlebnis Berg ist eben in.

Was wünschen Sie sich für die alpine Zukunft unseres Landes?

Ich wünsche mir, dass sich nach wie vor begeisterte Menschen der Herausforderung des Gebirges stellen. Und ich würde mir wünschen, dass die Gletscher doch noch länger vorhanden sind, als prophezeit. Dass wir das Global Warming zumindest ein bisschen in den Griff bekommen. Das sind fromme Wünsche, aber man kann auch provozieren und rebellisch sein, nur so kann man etwas weiterbringen.

Sie sind ja Fachbeirat bei der Naturschutzstiftung Blühendes Österreich – was hat Sie dazu bewogen?

Die Verbindung lief über persönliche Kontakte. Ich bin eng mit dem früheren BILLA Chef und jetzigen REWE International Vorstandsmitglied Volker Hornsteiner befreundet. Aber auch über die Corporate Advisor Thomas Plötzeneder und Christian Gehrer habe ich von der Stiftung Blühendes Österreich erfahren und nicht lange gezögert, mich für mein Anliegen – einer intakten Bergwelt – bei Blühendes Österreich einzusetzen.

Warum braucht das Land solche Initiativen wie Blühendes Österreich?

Hinter dem „blühenden“ Österreich steckt ja viel mehr als das „blumige“ Österreich. Da kommt die Bewegung dazu, das Wandern, das Gehen. Wandern war lange Zeit eine tote Kuh. Wandern war langweilig. Das hat sich gewandelt. Heute gehen wieder sehr viele Menschen ins Gebirge. Als Mensch, der den Großteil seines Lebens im Gebirge verbracht hat, möchte ich persönlich die Stiftung Blühendes Österreich dafür nützen, darauf aufmerksam zu machen, was hier unbedingt beachtet werden muss. Wie schon erwähnt zum Beispiel, dass es im Gebirge keine Wege, sondern nur Steige gibt.


Zur Person

Der österreichische Bergführer und Extrembergsteiger Peter Habeler wurde 1942 in Mayrhofen im Tiroler Zillertal geboren. Den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest, bestieg er 1978 in einer Zweierseilschaft mit Reinhold Messner. Insgesamt fünf Achttausender und unzählige weitere Gipfelbesteigungen rund um den Globus stehen in seinem persönlichen Tourenbuch. Den Zillertaler Gipfeln ist er aber immer treu geblieben. 1980 gründete er eine Ski- und Alpinschule in Mayrhofen, die sein Sohn Christian 2006 übernahm. Im Frühjahr 2017 durchstieg er gemeinsam mit David Lama als 74-jähriger nochmals die Eiger-Nordwand.

Text: Julia Kropik

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