„Kinder lernen Schmetterlinge in Wien kennen“

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Vanessa heißt das Falterprojekt der Wiener Umweltanwaltschaft auf einer Wiese im Wiener Donaupark. Kinder entdecken dort die Welt der Schmetterlinge. Initiatorin Marion Jaros im Interview mit Maria Schoiswohl über die Sehnsucht nach Naturerfahrung, Hindernisse bei der Umsetzung von Umweltprojekten und Spielzeugraupen.

c Alfred Brezansky

Frau Jaros, worum geht es bei Vanessa?

Die Grundidee von Vanessa ist es, Schmetterlinge in der Stadt Wien zu fördern. Ich habe selbst als Kind am Stadtrand gelebt – mit nahe gelegenen G’stettn samt Brennnesselflächen mit vielen Raupen, die ich zu Schmetterlingen gezüchtet habe. Schon damals habe ich beobachtet, wie durch die fortschreitende Bauentwicklung die Schmetterlingspopulationen und -arten in meinem Umfeld laufend zurückgingen. Das hat mich damals sehr unglücklich gemacht und mich in der Folge zum Umweltschutz gebracht. Die Kinder heute kommen selbst am Wochenende kaum aus der Stadt heraus. Die Naturerfahrung nimmt extrem ab. Deshalb fand ich es so wichtig, Erfahrungsflächen zu schaffen, wie ich sie als Kind hatte. Ich wollte Kindern heute zeigen, dass die Artenvielfalt vor der eigenen Haustüre spannend, wertvoll und kostbar ist.

2004 haben Sie Vanessa initiiert, benannt nach dem wissenschaftlichen Namen des Tagfalters Admiral „Vanessa atalanta“. Wie sind Sie damals zu einer Fläche gekommen?

Unsere Schmetterlingswiese – ursprünglich ein Hektar Kleeanbaufläche im Wiener Donaupark – war zu diesem Zeitpunkt ungenutzt. Die Wiener Stadtgärten stellten sie uns für das Projekt zur Verfügung. Wir von der Wiener Umweltanwaltschaft haben gemeinsam mit Experten von der Umweltberatung und der MA22 Umweltschutz ein umweltpädagogisches Konzept erstellt sowie einen ökologischen Mähplan für die Pflege der Wiese. In den ersten drei Jahren kamen viele Pionierpflanzen auf und es gelang uns in nur drei Jahren ein Sprung von ursprünglich acht auf 33 Tagfalterarten. Heute flattern bei uns zum Beispiel der Segelfalter, der ebenfalls streng geschützte Schwarze Trauerfalter und einige seltene Bläulingsarten. Man kann aber auch Große Heupferde, Hasen, Grünspechte und Falken auf unserer Wiese beobachten und Libellenlarven, Gelbrandkäfer, Wasserfrösche, Erdkröten, Molche oder Posthornschnecken in unseren beiden Teichen bewundern. Obwohl es sich nur um einen Hektar in einer klassischen Parkanlage handelt, ist die Biodiversität sehr hoch.

Anfangs fragten manche Anrainer, ob dem Park das Geld für die Pflege ausgegangen sei, weil weniger gemäht wurde.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie bei dem Projekt?

So eine naturbelassene Wiese ist von der Art der Pflege ein Fremdkörper in einem klassischen Park. Das erforderte ein Umdenken, sowohl bei den Anrainern als auch bei den Gärtnern und Gärtnerinnen selbst. So eine Fläche braucht eine Art von Pflege für die in einem Park oft gar nicht die entsprechenden Geräte vorhanden sind. Es brauchte und braucht also eine bewusste Bereitschaft des Stadtgartenamts, um so etwas dauerhaft umzusetzen. Dafür sind wir  sehr dankbar. Auch für die Gärtner selbst war es ungewohnt, dass wir in einer Parkanlage die Ansiedlung von Brennnesseln und Raupen fördern wollten, die in der Ausbildung zum Gärtner nur als Schädlinge und Unkraut vorkommen, die man bekämpfen muss. Und manche Anrainer fragten anfangs nach, ob dem Park das Geld für die Pflege ausgegangen sei, weil weniger gemäht wurde. Jetzt aber schätzt man die Wiese. Sie ist zu einer zusätzlichen Attraktion für den Park geworden und es ist ein größeres Bewusstsein für das Thema Artenschutz und Naturerfahrung entstanden.

In eineinhalb Stunden zeigen sie Kindern bis ins Volkschulalter auf der Wiese die Welt der Schmetterlinge. Wie läuft das ab?

Wir spielen zuerst ein Frage-Antwort-Spiel: Welche Tiere leben auf der Wiese? Wie und wovon ernähren sie sich? Dabei lernen die Kinder etwas über die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten der Tiere. Dann kommen wir auf die Feinde der Schmetterlinge zu sprechen. Ist es gut oder schlecht, dass Schmetterlinge so viele Fressfeinde haben? Meist kommt natürlich die Antwort, dass Feinde schlecht sind. Aber wenn man bedenkt, dass ein einzelnes Schmetterlingsweibchen zwischen 50 und 3.000 Eier legt, und das bis zu dreimal im Jahr, dann würde etwa ein einziges Tagpfauenauge im Frühling bis zum Herbst mehrere Millionen Falter hervorbringen Ohne Fressfeinde würden die Raupen also schnell alles kahl fressen. So erklären wir den Kindern das Gleichgewicht in der Natur. Schmetterlinge sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele andere Tiere. Und so tasten wir uns dann im Dialog mit den Kindern zum größten Feind der Schmetterlinge vor.

Dem Menschen?

Viele Kinder nennen zuerst den Adler. Wohl weil viele Vögel Raupen fressen er der größte Vogel ist. Aber natürlich ist es der Mensch, weil er den Lebensraum der Schmetterlinge zerstört. Wir erklären das sehr kindgerecht und geben Tipps für den Lebensraumerhalt. Und dann schicken wir die Kinder auf Entdeckungsreise auf die Schmetterlingswiese. In unserem Raupenhaus können sie zwölf verschiedene Schmetterlingsarten entdecken. Sie dürfen die Arten auf die Hand nehmen und vorsichtig in Gläsern einfangen. Zum Schluss bestimmen wir die Tiere gemeinsam und lassen sie wieder frei.

c Alfred Brezansky

Schadet der Kontakt nicht den Tieren?

Naturschützer haben oft die Botschaft, dass man nichts angreifen soll: Die Natur sei zu kostbar. Das Naturschutzgesetz sagt auch, man darf die Tiere nicht stören, sie nicht fangen. Für Vanessa haben wir eine eigene Genehmigung eingeholt, um die Tiere fangen zu dürfen, Molche auf der Hand krabbeln zu lassen, Schmetterlinge auf den Finger zu nehmen. Und bislang ist alles gut gegangen. Rund 5.500 Kinder haben uns bereits auf der Wiese besucht und noch ist keine Raupe gestorben.

Wie reagieren die Kinder auf die Tiere?

Gerade Kinder zwischen drei und zehn Jahren können extrem rasch eine Beziehung zur Natur aufbauen. Sie haben zwar anfangs eine gewisse Scheu vor vielen Tieren, aber Scheu und Neugier halten sich die Waage. Durch das haptische Erleben schwindet ihre Angst vor dem Unbekannten. Das ist oft ein zutiefst emotionales Erlebnis und ruft echte Glücksmomente bei den Kindern hervor. Ich habe das Gefühl, wir geben ihnen da etwas, das sie sich lange ersehnt haben, obwohl sie gar nicht wussten, wonach sie sich sehnen. Es ist ein besonderes Erlebnis.

Sollte diese Erfahrung nicht ganz normal sein?

Wir haben Kinder, die zweifeln, ob die Tiere echt sind. Sie halten sie für Spielzeugraupen. Dabei haben Kinder eine geradezu natürliche Affinität zu Tieren. Sie sind von Natur aus biophil. Sie wollen die Tiere angreifen und beobachten, und machen das auch ohne Vorerfahrung ganz richtig. Es wäre mein Wunsch, dass es solche Erfahrungsflächen in allen größeren Parkanlagen gibt. Der Bedarf und das Bedürfnis sind enorm. Und wenn wir uns wirklich in eine nachhaltige Gesellschaft verwandeln wollen, ist es ganz wichtig, die Kinder abzuholen. Wir hoffen deshalb, dass unser Projekt Schule macht und es bald noch mehr wilde, gut zugängliche Naturerfahrungsräume in Wien geben wird.

c Alfred Brezansky

Zur Person

Marion Jaros (im Bild links) arbeitet bei der Wiener Umweltanwaltschaft, die Trägerin des Vanessa-Projekts ist. Schmetterlinge sind ihre Leidenschaft. 2004 ruft die Wiener Umweltanwaltschaft das Projekt Vanessa ins Leben. Jeden Mai und Juni zeigen Jaros und ihr Team auf der ökologisch bewirtschafteten Wiese bis zu 40 Schulklassen die Welt der Schmetterlinge. Die kostenfreien Workshops sind oft ein Jahr im Voraus ausgebucht. Privat züchtet Jaros gemeinsam mit Mann und Kindern – und mit spezieller Genehmigung – vom Wiener Nachtpfauenauge bis zum Osterluzeifalter. Wer bei ihr in den Kühlschrank schaut, findet darin manchmal neben Lebensmitteln auch Gläser mit Schmetterlingseiern und Kokons.

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