Hoch das Fernrohr! Zur Inventur der heimischen Vögel in Wien

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Bei jeder Gelegenheit wollen wir Teilzeit-Großstädter, bestehend aus einer vierköpfigen Familie, raus in die Natur. Da bietet sich ideal die geführte Vogelzählung („BirdRace“) am 5. Mai 2018 von BirdLife und bird.at an.
Premiere: unser erstes Birdwatching. Und das noch für den guten Zweck! Da sagen wir nicht nein und nehmen auch Oma Brigitte, eine passionierte Vogelbeobachterin, mit.

Erfahre hier, wer uns aller in Wien vor die Linse flattert, wo die besten Plätze zum Birden sind, wie wir „passiv“ Spenden einheimsen und über welchen komischen Vogel wir uns am meisten amüsieren.

Die Regeln zum BirdRace schnell erklärt (c) Stephanie Fischer

Nachdem sich an die 20 Vogelkundler beim Treffpunkt (Station Neufahrtstraße im 22. Bezirk) versammelt haben, ziehen wir los, um die Stadt hinter uns zu lassen und in der Lobau als Teil des Nationalparks Donau-Auen die alljährliche Vogelinventur zu machen. Schließlich bieten die schilfreichen Gewässer, steppenähnliche Schotterflächen, offene Wiesen und Auwälder eine abwechslungsreiche Heimat für Sing- und Wasservögel.

An der Spitze Christoph Roland, ein Vogelzähler der ersten Stunde. Bereits seit 15 Jahren zählt er Jahr für Jahr die gefiederten Arten beim BirdRace. Ob zu Fuß, mit einer Rikscha oder per Fahrrad – Hauptsache mit Muskelkraft angetrieben, denn motorisierte Fortbewegungsmittel sind hier tabu. Innerhalb 24 Stunden sollen österreichweit so viele Vogelarten wie möglich gezählt werden.

Sinn des BirdRace ist einerseits die Reputation des Vogelschutzes und andererseits das Sammeln von Spenden. Denn pro gezählten Vogel zahlen Sponsoren einen gewissen Betrag, der heuer dem Schutz der Kärntner Zwergohreulen und Braunkehlchen zugutekommt. Von Christoph erfahren wir die genauen Spielregeln und bekommen einen Überblick über alles, was orgelt, pfeift, “girlt” (Hausrotschwanz) oder “zinzeliert” (Schwalbe).

Ob er einen Trend zu einem Rückgang der Vogelpopulationen aufgrund dieser Citizen Science Aktion erkenne, frage ich. “Bei den Vögeln im Nationalpark Donau-Auen nicht, “ antwortet Christoph, “aber ich bedaure den Artenschwund am Ackerland, wie jenen der Rebhühner zum Beispiel.”

Eine kurze Schweigeminute und Fußmarsch später, offenbart sich eine frühlingshafte Idylle: Seerosen, die uns mit ihrem zarten weiß aus dem dominanten, saftigen Grün begrüßen, im Wind schaukelndes Schilf, knorrige, alte Birken. Hier das Flöten einer Mönchsgrasmücke, dort ein Zilpzalp, anderswo der Stieglitz, der seinen Namen singt. Schließlich noch eine Zwergdommel, die über das Wasser auf eine herausragende Wurzel gleitet. Die Ferngucker sind fleißig im Einsatz und die Hobby-Ornithologen sind gleich zu Beginn euphorisiert. Die Zugvögel sind wieder im Lande und zusammen mit den Dagebliebenen scheinen sie auf uns gewartet zu haben.

Kurze Erfrischungspause im Paradies. (c) Stephanie Fischer

Birden mit Kindern – eine Gebrauchsanweisung?

Alle Vögel? Nein, meint Christoph. Um vier Uhr in der Früh seien die flatterhaften Freunde am aktivsten. Während ich mir noch überlege, wann ich mir den Wecker stellen würde, kommen noch zwei Nachzügler dazu: Christophs Frau Elisabeth und seine zweijährige Tochter Paula. Elisabeth schnauft und erklärt uns Müttern noch vor der Begrüßung: “Entweder sie schlafen, oder sie sind ausgeschlafen”. Die Rede ist von den kleinen Vogelkundlern, die es ihren Eltern sicher nicht immer so einfach machen. Denn geduldig und ruhig sein ist ja wirklich nur was für Große.

Meine einjährige Tochter nascht gerade ein Gänseblümchen, mein Sohn erfrischt sich pudelnackt im Mühlwasser. Gut, dass sie ausgeschlafen sind, schmunzel ich. Und noch besser, dass der Vater mit von der Partie ist. So ziehe ich einfach mal alleine mit den Vogelkundlern weiter, folge den aufgeregten Zeigefingern, melde brav jeden Vogel, lausche ihrem Gesang und freu mich – frei nach Mira Lobe – dass ich mich freuen kann.

Peng: Startschuss für das BirdRace 2018

Um 15 Uhr beginnt dann offiziell die österreichweite Vogelzählaktion. Ich vermute, alle Teams schwirren jetzt auseinander und notieren eifrig ihre gefiederten Entdeckungen. Dem ist nicht so. Gemütlich geht es in der großen Gruppe weiter. Von Sichtung zu Sichtung. Von Laut zu Laut. Vom überdimensionalen Spazierstock zur wiederkehrenden Frage nach einem Eis. So geht Birden mit Kindern.

Und plötzlich ein “Quietsch”. Alle halten still. Noch ein Mal “Quieeeetsch”. Die Sinne schärfen sich. Solidarisches Innehalten. Bei mir sogar andächtiges Luftanhalten. Nur einer schiebt seinen Buggy mit schlafendem Kind weiter und da war er schon, der komische Vogel: Das Rad des Kinderwagens hat uns einen Streich gespielt.

Nummern-Austausch (c) Stephanie Fischer

Der Schwanflüsterer

Amüsiert schlendern wir weiter und erblicken schon ein anderes, frohlockendes Paar: zwei Höckerschwäne, die sich am Ufer ausruhen. Unser Guide Christoph bemerkt eine Beringung und geht mit einem Urvertrauen auf sie zu, also würde er einem Golden Retriever die Hand zum Beschnuppern reichen.

Kein Fauchen. Kein Schnappen. Kein gehäuteter Finger. (Ich muss wohl meine Meinung zu Schwänen ändern.) “Der wurde in der Slowakei beringt”, ruft Christoph der Gruppe zu. Kopfnicken. Schließlich wären die selben Schwäne letztes Jahr auch hier gewesen. Am selben Ort. Am gleichen Tag.

Kurz darauf hören wir ein “Sisisisi Sisisisi”. Alle Feldstecher sind gezückt. Um anschließend zu erkennen, dass drei Meter vor uns eine Schwanzmeise sitzt. Entzückend! Der drollige Vogel, der auch Pfannenstiehlchen genannt wird, hat es mir wirklich angetan und bis heute würde ich mich über ein Sisisisi in Hernals freuen.

Bestandsaufnahme: Vögel in der Lobau

„Early Birdies“. (c) Stephanie Fischer

Und dann gehen wir weiter, am Mühlwasser entlang, durch die Auen, bis hin zum Josefsteg, DEM Hotspot für Birdies. Tatsächlich flogen ein paar Graugänse (“Schauts Kinder, wie bei Nils Holgersooon”) über unsere Köpfe. Und ein fliegender Kuckuck, der während des Fluges fistelte. Selten sei das, sagt Oma Brigitte, ein fliegender Kuckuck

In der Mitte des Stegs im meterhohen Schilf machen wir Halt. Christoph stellte seinen Ferrari unter den Fernrohren in Position und nun dürfen auch gaaaanz vorsichtig die Kleinen durchschauen. Mit etwas Glück könnte man einen Eisvogel oder Bartmeise erspähen. Da das Glück ja bekanntlich ein Vogerl ist, bleiben uns diese Highlights aber verwehrt. 

 

 

Allerdings sichten Brigitte und ich als „Team Robin“ folgende Vögel im Namen des BirdRace 2018:  

  1. Buchfink
  2. Goldammer
  3. Graugans
  4. Kuckuck
  5. Teichrohrsänger
  6. Schwanzmeise
  7. Straßentauben
  8. Rauchschwalben
  9. Drossel
  10. Höckerschwan
  11. Stockente
  12. Nebelkrähe
  13. Star
  14. Mönchsgrasmücke
  15. Hausrotschwanz

Die Gewinner vom letzten Jahr zählten in Kärnten übrigens 101 Arten. Das Duo GREBI sah auch wesentlich sportlicher aus – ohne Kind und Kegel, sondern in Tarnfarben per Fahrrad. Und im Vergleich zu den 92 angeführten Vogelarten im Nationalpark Donau-Auen ist unser Ergebnis auch nicht rekordverdächtig. Aber uns hat auch das Naturerlebnis mit der Familie und weniger der Ehrgeiz gepackt. 

Ab dem Josefsteg gehen schließlich alle ihre Wege. Mit reichlich Wissen im Gepäck und einem Rucksack voller beflügelten Abenteuer wandern auch wir, Team Robin und Familie, zurück zum Ausgangspunkt. Dankbar über den schönen Nachmittag und den sympathischen Vogelkundlern, die jede noch so laienhafte Frage auf Augenhöhe beantworteten. Dankbar, die Lobau und ihre gefiederten Bewohner erlebt haben zu dürfen. Dankbar, dass auch das letzte Mundl-Vorurteil aus Transdanubien ad Acta gelegt wurde, denn einen Vogel im Feinripp-Unterleiberl sahen wir nicht. (Autorin Stephanie Fischer)

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