„Zitruspflanzen sind schnell beleidigt“

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Heimo Karner hegt und pflegt die 500 Pflanzen umfassende Zitrussammlung im Schönbrunner Schlosspark in Wien. Mit Daniela Illich spricht er über Erde aus Buchenlaub und Pferdemist, über deformierte Sorten und Zitronenspaghetti.

Herr Karner, warum wachsen bei uns eigentlich keine Zitronenbäume in der freien Natur?

Zitruspflanzen vertragen keinen Frost. Bei weniger als acht Grad wird es kritisch, unsere Wintertemperaturen würden sie also nicht überleben. Ursprünglich sind Zitruspflanzen ja in Südostasien heimisch, südlich von Florenz gedeihen sie etwa wunderbar – weiter nördlich überwintern sie dann schon in Orangerien. Es gibt einige wenige winterharte Zitrussorten wie die Poncirus trifoliata. Wir haben diese Sorten auch in unserem Botanischen Garten, sie sind aber ungenießbar und werden nur als Veredelungsunterlage verwendet.

Was brauchen Zitruspflanzen, um gut zu gedeihen?

Sie brauchen einen sonnigen, halbschattigen Platz und müssen windgeschützt sein. Wasser ist natürlich wichtig – und gute Erde. Im Handel gibt es eine eigene Zitruserde, die ist ideal für Pflanzen bis zu zwei Meter. Für unseren Bestand in Schönbrunn ist sie nicht geeignet, weil sie sehr torfig ist und zu wenig Halt für große Pflanzen bietet. Deshalb mische ich unsere leicht saure Ackererde unter anderem aus Buchenlaub, Pferdemist und Lehm nach alter Literatur. Es dauert bis zu fünf Jahre bis ich zum Beispiel die fertige Lauberde aus Schönbrunner Buchenlaub verwenden kann. Vorher muss das Laub immer wieder gewendet werden. Zitruspflanzen sind da sehr heikel und schnell beleidigt.

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Welche besonderen Zitruspflanzen findet man in Ihrer Schönbrunner Sammlung?

Wir haben ein umfangreiches Sortiment mit ungefähr 100 Arten und einem Altbestand, der bis zu 180 Jahre alt ist, sowie einige seltene, sehr interessante Sorten. Zum Beispiel die deformierte, monströse Bitterorange Distorto Monstroso. Die habe ich bislang nicht einmal in Italien gesehen. Oder die Bizzarria, die mit ihren Ausfurchungen und Knospenmutationen ganz außergewöhnlich ist. Buddhas Hand oder die gestreifte Deutsche Landsknechtshose haben wir auch. Letztere ist anfangs hellgrün mit dunkleren Streifen und wird mit der Zeit gelb mit orangen Streifen.

Wo gibt es in Österreich oder in Europa vergleichbare Zitrusbestände?

Die Orangerie in Schönbrunn ist nach Versailles die zweitgrößte in Europa. Ich kenne keine andere Schlossanlage in Österreich, die solche Bestände hat. Schloss Hof hat eine Orangerie mit einigen Zitruspflanzen. In der Nähe von Lucca in Italien gibt es viele Schlossanlagen mit Zitrussammlungen, zum Beispiel im Boboli-Garten, aber auch in Deutschland: im Barockgarten Großsedlitz bei Dresden, im Schloss Sanssouci und im Neuen Garten in Potsdam, auf der Insel Mainau oder in der Residenz Ansbach.

Wie sieht die Zitrus-Saison in Schönbrunn aus?

Ich pflege meine Pflanzen das ganze Jahr über. Nach dem Winter kommen einige raus in den Kronprinzengarten, wo sie auch besichtigt werden können. Dort haben sie viel Sonne und das Schloss schützt sie vor dem Westwind. Manche werden trotzdem befestigt, weil sie sehr windanfällig sind. Wenn es richtig warm wird, gieße ich manchmal bis zu sechs Stunden am Tag. Nach der warmen Jahreszeit brauche ich bis zu drei Wochen, bis alle Pflanzen wieder im Glashaus verstaut sind.

Kann man Ihre Pflanzen auch mit nach Hause nehmen?

Bei den Wiener Zitrustagen (Anm: jedes Jahr im Mai) kann man kleine Zitrusbäume kaufen. Manche Früchte wie die Australische Fingerlimette oder Buddhas Hand werden im Winter in der Gastronomie verwendet. Und Ende Dezember oder Anfang Jänner verkaufe ich an insgesamt drei Tagen über den Esskultur-Blog von Katharina Seiser Bitterorangen in kleinen Mengen.

Was raten Sie für die Zitruspracht im eigenen Garten?

Man braucht einen geeigneten, windgeschützten Standort und muss die Pflanzen im Sommer düngen. Dunkelgrüne Adern sind optimal, wenn die Blätter gelb sind, fehlt Eisen. Je später man die Pflanzen einwintert, desto besser – jeder Tag im Freien ist ein gewonnener Tag. Zitruspflanzen brauchen es in ihrem Winterquartier kühl, müssen ruhen können und sollten nicht austreiben; das tun sie über zwölf Grad. Der Morgenfrost im Herbst ist für die Pflanzen kein Problem. Im April kann man sie dann wieder ins Freie stellen. Wenn Frostschäden auftauchen, am besten mit kaltem Wasser beregnen. Das mache ich, damit die Blätter nicht erfrieren.

"Jeder Tag im Freien ist für Zitruspflanzen ein gewonnener Tag." Heimo Karner

Mögen Sie Zitrusfrüchte eigentlich auch in Ihrem Essen?

Für meine Familie koche ich sehr gerne Zitronenspaghetti mit geriebenen Schalen und Kurkuma. Orangenmarmelade mag ich auch.

Und wie sieht die Zukunft der Schönbrunner Sammlung aus?

Ich bin mit vielen Gärtnern vernetzt, etwa mit dem Arbeitskreis der Orangerien und Schlossgärten in Deutschland, und habe mit der Villa Castello in Florenz interessante Quellen in Italien. Aus Platz- und Zeitmangel komme ich aber selten dazu, mich um neue Sorten zu kümmern. Generell muss man bei der Einfuhr von Zitruspflanzen, auch als Urlauber, aufpassen, dass man keine Krankheiten wie das Feuerbakterium oder den Zitrusbockkäfer importiert. Ich sehe die Pflege der Schönbrunner Zitruspflanzen als meine Lebensaufgabe und lerne nach wie vor immer wieder etwas dazu. Irgendwann möchte ich dieses große Potential an einen jungen Gärtner weitervererben.

Hintergrund

Heimo Karner arbeitet seit mehreren Jahrzehnten bei den Bundesgärten. 1998 ist er auf die Zitrone gekommen und kümmert sich seitdem in der historischen Gartenanlage von Schloss Schönbrunn um die Zitrusschätze.

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