Rekordwachstum in Mindestzeit
Vor allem eine Familie unter den Nachtfaltern hat es mir besonders angetan und steht deshalb auch im Zentrum meiner umweltpädagogisch motivierten Schmetterlingszucht: Es sind die Schwärmer (Sphingidae), die mich seit Jahren ins Schwärmen bringen. Unter den etwa 180.000 bekannten Schmetterlingsarten stellen sie zwar nur etwa 1200, aber von diesen wenigen vollbringen gleich mehrere Arten Rekordleistungen in der Welt der Schmetterlinge.
Ihr Körper ist im Verhältnis zu ihren Flügeln deutlich größer und schwerer als bei vielen anderen Schmetterlingsarten, weshalb auch ihre Raupen spektakuläre Größen erreichen. Und das zumeist in Mindestzeit. So werden die bis zu 10 Zentimeter langen Raupen des amerikanischen Tabakschwärmers (Manduca sexta) nach dem Schlüpfen aus dem Ei in nur drei Wochen bis zu zehntausendmal schwerer. Nur zur Orientierung: Ein gleich schnell wachsendes Menschenbaby wäre nach drei Wochen bereits so schwer wie sechs Elefanten. Genau bei dieser Art wurde auch eine andere erstaunliche Entdeckung gemacht. In einem Experiment brachte man den Raupen bei, einen bestimmten Geruch zu meiden. Als die fertigen Falter aus ihren Puppen schlüpften, zeigten sie Wochen später immer noch dasselbe Verhalten. Schmetterlinge sind also nicht nur lernfähig, sondern behalten zumindest Teile ihrer Erinnerung, obwohl sie sich im Puppenstadium in beinahe völlig neue Wesen mit anderem Aussehen, anderen Fähigkeiten und anderen Lebenszielen verwandeln.
Als größter Schwärmer wird häufig die amerikanische Art Cocytius antaeus genannt mit bis zu 17 cm Flügelspannweite. Die Raupe soll bis zu 16 cm lang werden, vielleicht die längste Raupe der Welt.
Flugkünstler ohnegleichen
Haben sich die dicken Schwärmer aus ihren Puppen gezwängt und ihre Flügel entfaltet, so mag man sich fürs Erste fragen, warum gerade diese Falter-Familie die schnellsten und wendigsten Flieger der Schmetterlingswelt hervorgebracht hat. Denn viele Schwärmer-Arten weisen einen sehr wendigen, aber ebenso energieaufwändigen Flugstil auf. Wie Kolibris stehen sie mit bis zu 60 Flügelschlägen pro Sekunde schwirrend und ruhig zugleich wie kleine Helikopter über den passenden Blüten und treffen im Dunkeln mit ihren langen Rüsseln in enge Blütenöffnungen, um ihren hohen Nektarbedarf zu decken. Diese Art der Nahrungsaufnahme schützt sie vor dem Zugriff vieler Fressfeinde. Denn nicht selten lauern Spinnen, Fangschrecken oder Raubwanzen gut getarnt auf oder unter Blüten, um den bestäubenden Insekten den Garaus zu machen. Wer jedoch mehrere Zentimeter über der Blüte schwirrend nur seinen dünnen Rüssel in Blütenkelche taucht, hat deutlich bessere Karten, Feinden zu entwischen.
Einige Schwärmer-Arten sind ausgesprochene Wanderfalter. Die riesigen Totenkopf-, Oleander, Winden- und die Großen Weinschwärmer, deren Flügelspannweite ebenfalls 10 Zentimeter deutlich überschreiten kann - fliegen alljährlich aus Afrika über das Mittelmeer bis zu uns nach Mitteleuropa, teilweise sogar bis nach Skandinavien. Österreich zählt somit zu ihrem Wanderraum, jedoch nicht zu ihrem angestammten Lebensraum, denn ihre Puppen sind frostempfindlich und vermögen unsere Winter nicht zu überstehen.
Wie aber legen diese Falter mit ihren massigen Körpern tausende Kilometer zurück? Das Geheimnis liegt in ihrer besonders stark entwickelten Flugmuskulatur. Haben sie diese durch ausgiebiges Warmzittern erst einmal auf die Betriebstemperatur von etwa 40 Grad gebracht, ermöglicht sie ihnen selbst bei Gegenwind Kurs zu halten und auch schneebedeckte Gipfelregionen trotz kühler Nachttemperaturen zu überqueren. Der Windenschwärmer (Agrius convolvuli) erreicht dabei Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h. So schaffen es diese Falter in wenigen Tagen von Afrika bis nach Mitteleuropa vorzudringen
Was schmeckt den Schwärmern?
Voraussetzung für solche Höchstleistungen ist allerdings eine ausreichende Energieversorgung. Dafür fliegen sie vor allem nektarreiche Blütenpflanzen an. Einige davon haben sich in einer Co-Evolution mit den langen Rüsseln der Schwärmer auf die Bestäubung durch diese Falter-Familie spezialisiert. Sie weisen röhrenförmige Blüten oder Blütensporne auf, an deren unterem Ende reichlich Nektar auf die energiehungrigen Falter wartet. Der Pollen wird beim Trinken an die Rüssel geklebt und so zur nächsten Blüte transportiert. Einige dieser Pflanzen öffnen ihre Blütenkelche erst in der Abenddämmerung und beginnen gleichzeitig, besonders süß zu duften. So vermeiden sie eine Plünderung des Nektars durch tagaktive Bestäuber, sondern bewahren ihn für ihre nächtlichen Besucher. Diese Spezialisierung von Pflanzen auf die Bestäubung durch Schwärmer-Arten wird auch Sphingophilie genannt, was man als „Liebe (der Pflanzen) zu den Schwärmern“ übersetzen könnte. In Österreich zählen dazu Heckenkirschen-Arten wie das Echte Geißblatt (Lonicera caprifolium) und das Wald-Geißblatt (Lonicera periclymenum), aber auch die Weiße Lichtnelke (Silene latifolia), das Gewöhnliche Seifenkraut (Saponaria officinalis), Arznei-Baldrian (Valeriana officinalis), das Nickende Leimkraut (Silene nutans), die Türkenbund-Lilie (Lilium martagon) oder auch Orchideen wie die Weiße und die Grünliche Waldhyazinthe (Platanthera bifolia und Platanthera chlorantha).
Als nicht heimische Zierpflanzen werden auch Phlox-Arten wie Phlox paniculata, Echter Jasmin (Jasminum officinale) oder Nachtkerzen (Oenothera biennis) gerne angeflogen. Letztere werden allerdings aufgrund des potenziell invasiven Charakters nicht als Gartenpflanze empfohlen. Der wunderschöne Oleanderschwärmer nutzt in unseren Breiten Oleander in Trögen, um sowohl seine Eier abzulegen als auch den Nektar zu nutzen. Schlüpft die bei uns entwickelte Sommergeneration rechtzeitig vor dem Herbst, können die Falter rechtzeitig wieder zurück in den Süden fliegen
Einige wenige heimische Schwärmer sind tagaktiv. Dazu gehören die leider schon seltenen Skabiosen-, und Hummelschwärmer, sowie einer der wendigsten und bekanntesten Schmetterlinge Österreichs, das Taubenschwänzchen. Es vermag sogar rückwärts zu fliegen und überwintert bei uns wie Zitronenfalter, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs oder Trauermantel als Falter in einer Winterstarre. Man sieht es deshalb auch schon im zeitigen Frühjahr an Schlüsselblumen oder Duftschnellball saugen.
Es fliegt auch gerne Balkone an, sodass man diese wendigen Vielflieger wie wahrscheinlich auch einige nachaktive Schwärmer nicht nur im Garten, sondern auch auf dem Balkon mit Phlox, Baldrian oder Seifenkraut anlocken und stärken kann.
Denn in unseren häufig schon ab dem Spätfrühling blütenarmen Landschaften ist die Versorgung für energiehungrige Schwärmer schwierig zu bewerkstelligen und so sind auch die Populationen des Mittleren Weinschwärmers, des Liguster- oder Wolfsmilchschwärmers im Sinkflug begriffen.
Welche Falter welche Pflanzen als Nektarquelle nutzen, ist übrigens noch lange nicht abschließend erforscht. Wenn Du also Schmetterlinge, die gerade Nektar saugen inklusive der Blüte fotografierst und diese Fotos auf die Schmetterlings-App von Blühendes Österreich hochlädst, so hat dies zusätzlichen, wissenschaftlichen Wert.
Rüssel der Rekorde
Wohl keine andere Schmetterlingsfamilie weist übrigens so unterschiedliche Rüsselformen auf wie die Schwärmer. Besonders berühmt ist die madagassische Art Xanthopan praedicta. Charles Darwin untersuchte in England eine madagassische Orchidee mit einem bis zu 35 Zentimeter langen Lippensporn, in dessen unterem Teil Nektar produziert wird. Er stellte daraufhin die These auf, dass es auf Madagaskar einen Schmetterling mit einem extrem langen Rüssel geben müsse, um diese außergewöhnliche Pflanze zu bestäuben. Dreißig Jahre später – Darwin war schon verstorben – wurde dieser besondere Schwärmer mit einem Rüssel von bis zu 25 Zentimeter Länge schließlich auf Madagaskar entdeckt. Die Art heißt heute Xanthopan praedicta (vom lateinischen Wort praedictus „der Vorausgesagte"). Beim amerikanischen Schwärmer Amphimoea walkeri wurden sogar Rüssellängen bis zu 28 Zentimeter gemessen.
Der Rüssel des Totenkopfschwärmers ist hingegen nur etwa 1 Zentimeter lang und gleicht mehr einem dicken Rohr. Mit diesem fliegt der Falter nicht mühsam hunderte Blüten an, um Nektar zu trinken, sondern sticht in Bienenstöcken Honigwaben an und schöpft somit aus dem Vollen. Sein Fiepen – eine Besonderheit bei Schmetterlingen – soll jenem von Bienenköniginnen gleichen und sein Geruch ebenfalls bienenähnlich sein. So wird er nur selten von den Bienen als Eindringling erkannt und erspart sich viel Energie, welche andere Schwärmer für den Flug von Blüte zu Blüte aufwenden müssen.
Einige Arten wie der Linden-, der Eichen- und der Pappelschwärmer, sowie das Abendpfauenauge haben hingegen verkümmerte Rüssel und nehmen als Falter somit gar keine Nahrung auf. Sie leben von den Fettreserven, welche sie sich als Raupen angefressen haben und die nach der aufwändigen Metamorphose noch übriggeblieben sind. Sie reichen für gewöhnlich nur für einige Tage, in denen Paarung und Eiablage erfolgreich stattfinden müssen.
Der Name verrät die Vorlieben der Raupe
Umso mehr fressen die Raupen. Im Namen des Schwärmers ist deshalb sehr oft ihre Lieblingsfutterpflanze enthalten. So weiß man als Gartenbesitzer gleich, mit welchen Pflanzen man diversen Schwärmern die Eiablage und Raupenentwicklung im eigenen Garten ermöglicht, wie zum Beispiel mit Liguster, Winden, Eichen, Wildem Wein, Linden, Pappel-Arten, Wolfsmilchgewächsen, Kiefern oder Skabiosen. Häufig ist der jeweilige Raupenspeiseplan aber noch deutlich breiter als der Name des Schwärmers es vermuten lässt.
Gehörnte Meister der Tarn- und Schrecktrachten
Die Raupen der Schwärmer haben bei aller Unterschiedlichkeit in Färbung und Futterpflanzen-Wahl eine Gemeinsamkeit, an welcher man sie gut erkennen kann. Zumindest die heimischen Arten tragen alle ein sogenanntes Analhorn am achten Hinterleibs-Segment. Es kann je nach Art sehr unterschiedlich groß sein, glatt, gebogen, spitz und schwarz wie beim Ligusterschwärmer, oder mit unzähligen, weiteren Stacheln bestückt sein wie beim Totenkopfschwärmer. Manche Arten wie die knallbunten und giftigen Raupen des Wolfsmilchschwärmers tragen am Hinterleibsende eine Gesichtszeichung, um zusätzlich zur Ungenießbarkeit Feinde zu verwirren und sie vom empfindlichen Kopf abzulenken.
Andere Raupen wie die des Kleinen und des Mittleren Weinschwärmers tragen hinter dem Kopf große Augenflecken. Bei Gefahr ziehen sie den Kopf ein und verdicken die Brustsegmente. Sie ähneln dann Schlangen mit großen Augen und können so ebenfalls Feinde in die Flucht schlagen. Die Raupen der Oleanderschwärmer wirken mit ihren Augenflecken fast wie eine Comic-Figur.
Viele Schwärmerraupen nehmen in Ruhestellung eine sogenannte Sphinxhaltung ein. Forscher fanden jedenfalls, dass sie damit einer Sphinx ähneln und gaben der Familie der Schwärmer deshalb den wissenschaftlichen Namen Sphingidae.
„Faltertänze“ als Drohgebärde
Besonders interessant finde ich die Drohgebärden der Falter. Alle Schwärmer, die ich bis jetzt gezüchtet habe, zeigen bei Berührung ein ähnliches Verhalten. Nehme ich sie auf die Hand, um sie freizulassen, reagieren Sie mit einem je nach Art unterschiedlich langem “Tanz“, bei dem viele ihre bunten Hinterflügel zeigen. Beim Abendpfauenauge tragen die Hinterflügel bunte Augenflecken, sodass sie mit ganzem Körpereinsatz den Kopf eines großen Tiers nachahmen. Leider habe ich nur wenig zu diesem Verhalten in der Literatur gefunden, aber ich nehme an, dass gerade bei den schweren Körpern der Schwärmer eine rasche Flucht bei Angriffen nicht möglich ist, weil die Muskeln fürs Fortfliegen erst länger warmgezittert werden müssen. So verfallen die Falter stattdessen in rhythmische Bewegungen, welche Feinde zugleich mit den bunten augenähnlichen Flecken oder den bunt gestreiften Körpern - wie beim fiependen Totenkopfschwärmer -verstören sollen. Anbei habe ich dir zum Abschluss dieses Artikels ein lustiges Video zusammengestellt. Ich hoffe es gefällt dir und du pflanzt auf deinem Balkon oder in deinem Garten eine oder einige der im Artikel genannten Nahrungspflanzen für unsere Schwärmer, damit dir diese spannenden Tiere einmal einen Besuch abstatten und zudem noch lange durch unsere Nächte schwirren.