Michael Jungmeier erforscht seit über 30 Jahren, wie Mensch und Natur nachhaltig zusammenwirken können. Als UNESCO-Lehrstuhlinhaber und neues Vorstandsmitglied von Blühendes Österreich setzt er auf messbare Ergebnisse statt bloßer Absichtserklärungen. Ein Gespräch über Wirkung, politische Rahmenbedingungen und neue Perspektiven.

Herr Jungmeier, herzlichen Glückwunsch zur Berufung in den Vorstand von Blühendes Österreich. Was hat Sie motiviert, diese Funktion zu übernehmen?

Seit über 30 Jahren arbeite ich im Naturschutz – und mit der Zeit erkennt man recht genau, ob eine Initiative etwas bewegt oder nur gute Absichten formuliert. Blühendes Österreich gehört klar zur ersten Kategorie. Die Einladung in den Vorstand hat mich deshalb sehr gefreut. Ich sehe hier die Chance, meine wissenschaftliche Perspektive einzubringen, um die Wirkung von Biodiversität weiterhin nachvollziehbar und belegbar zu machen.

Wann sind Sie erstmals mit Blühendes Österreich in Berührung gekommen?

Das muss 2019 im Natura-2000-Gebiet Lendspitz–Maiernigg am Wörthersee gewesen sein. Blühendes Österreich hat ein Ufer-Renaturierungsprojekt realisiert – ein anspruchsvolles Vorhaben in einem sensiblen Ökosystem. Dabei habe ich zum ersten Mal den frischen Wind wahrgenommen, den die Organisation mitbringt. Die Art, wie Blühendes Österreich Naturschutz denkt: positiv, pragmatisch, partnerschaftlich, unbürokratisch, mit echtem Gestaltungswillen. Diese Kombination ist nicht selbstverständlich.


Welchen konkreten Beitrag kann Blühendes Österreich aktuell für Biodiversität und Naturschutz in Österreich leisten?

Ich sehe hier zwei Ebenen. Erstens die Fläche: Blühendes Österreich realisiert sinnvolle Naturschutzprojekte direkt auf der Fläche im ganzen Land – sichtbar und messbar. Das zeigt sich in renaturierten Ufern und Wäldern, artenreichen Naturwiesen, geförderten Streuobstwiesen.

Zweitens die Erzählung. Naturschutz wird in Österreich oft als Einschränkung kommuniziert – als Verbot, als Verlust, als Bedrohung wirtschaftlicher Entwicklung. Das halte ich für einen strategischen Fehler. Wenn Naturschutz dauerhaft Akzeptanz finden soll, darf er nicht als Verzichtserzählung geführt werden. Er muss als Win-Win für alle verstanden werden. Faktisch profitieren ja auch alle von einer gesunden Natur, auch die Wirtschaft. Genau hier setzt Blühendes Österreich an.


Welche Rolle spielt dabei die Wissenschaft?

Wissenschaft ist dann relevant, wenn sie Praxis berührt. Wir brauchen reale Flächen, reale Daten, reale Experimente. Genau das bieten die Projekte von Blühendes Österreich.

Ein Beispiel ist die Schmetterlings-App: Sie verbindet Citizen Science mit wissenschaftlicher Datenerhebung. Viele kleine Beobachtungen ergeben ein umfangreiches Gesamtbild. Mit den Daten kann man sinnvoll Schutzgebiete errichten.

Mein Ziel ist es, diese Schnittstelle weiter auszubauen: Projekte als Lernräume, Daten als Entscheidungsgrundlage, Forschung als Qualitätssicherung. Biodiversität darf kein Gefühl bleiben – sie muss messbar sein.

Sie leiten ein Forschungszentrum mit rund 40 Forschenden. Wo sehen Sie konkretes Potenzial in der Zusammenarbeit?

An der FH Kärnten arbeiten wir am Interdisciplinary Center for Ecosystem Services and Biodiversity (ICEB) an Fragen des Schutzgebietsmanagements und der Biodiversitätsmessung.
Die Projekte von Blühendes Österreich sind für uns als Hochschule ein echter Glücksfall. Unsere Studierenden können ihre Abschlussarbeiten direkt in der Natur umsetzen – draußen, nicht am Schreibtisch. Die erhobenen Daten fließen direkt in unsere Forschung ein, während wir die Projekten wissenschaftlich begleiten und evaluieren.

„Entscheidend ist der wechselseitige Nutzen: Praxis informiert Wissenschaft – Wissenschaft stärkt Praxis."


Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage des Naturschutzes in Österreich?

Wir stehen unter Druck. Naturschutz gehört leider zu jenen Bereichen, bei denen als erstes gespart wird. Öffentliche Budgets werden enger, der politische Rückenwind für ökologische Themen ist spürbar schwächer geworden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen – etwa durch das EU-Renaturierungsgesetz, das enorme Koordination zwischen Bund und Ländern verlangt.

Und dennoch: Es gibt berechtigte Hoffnung. Kleine, positive Beispiele schaffen es immer wieder in den öffentlichen Diskurs und zeigen, was möglich ist. Eine Einrichtung wie Blühendes Österreich kann keine staatlichen Aufgaben übernehmen – aber sie kann punktuell und überzeugend demonstrieren, in welche Richtung es gehen muss. Gerade in Zeiten, in denen Naturschutz politisch an Gewicht zu verlieren droht, kann Blühendes Österreich Hektar für Hektar den Unterschied machen.

Sie haben den UNESCO Chair inne. Welche Perspektive bringen Sie aus diesem internationalen Kontext mit?

Ein UNESCO-Lehrstuhl ist Teil eines globalen Netzwerks von über tausend Einrichtungen. Unser Auftrag ist klar: die Brücke zwischen Wissenschaft und Umsetzung.

International sehen wir zwei Trends: Erstens wird Biodiversität zunehmend als Sicherheits- und Wirtschaftsfrage verstanden. Zweitens wächst der Druck, die Wirkung transparent nachzuweisen.

Diese Perspektive möchte ich einbringen: Projekte nicht nur gut gemeint, sondern nachvollziehbar wirksam zu gestalten.

Wie schätzen Sie das Engagement von BILLA mit der Stiftung Blühendes Österreich ein?

Das Engagement ist ungewöhnlich, innovativ und mutig – und ich meine das als ausdrückliches Lob. Dass ein Lebensmittelhändler gezielt Projekte fördert, die unmittelbar mit seinem Geschäftsmodell verbunden sind, ist eine intelligente und glaubwürdige Positionierung. Es sendet ein positives Signal in Richtung Kund:innen – und ebenso in Richtung Produzent:innen. Mir ist in Österreich keine vergleichbare Stiftung bekannt. Diese Nähe zum Kerngeschäft ist einzigartig: Es wäre schön, wenn dieses Modell Schule macht.

Woran würden wir in fünf Jahren erkennen, dass Blühendes Österreich eine reiche Ernte einfährt?

Es gibt drei Dimensionen, an denen ich den Erfolg messen würde. Die erste ist quantitativ und flächenbezogen: Wie viele weitere Flächen wurden konkret geschützt, renaturiert und aufgewertet? Das lässt sich zählen und kartieren.

Die zweite Dimension ist schwerer messbar, aber nicht weniger wichtig: Was hat sich in den Köpfen der Menschen verändert – bei den unmittelbaren Projektbeteiligten, aber auch bei den Nachbar:innen, in der Bevölkerung, in der Politik?

Und dann gibt es noch eine dritte Ebene, die mir besonders am Herzen liegt: die wissenschaftliche Messbarkeit von Biodiversität. An unserem Institut arbeiten wir daran, Biodiversität mit modernen Technologien messbar zu machen. In fünf Jahren werden diese Methoden ausgereifter sein – und dann werden wir in der Lage sein, Verbesserungen viel präziser nachzuweisen als heute.

Das ist für mich der Bogen, den ich in meiner neuen Funktion als Vorstand von Blühendes Österreich schließen möchte: zwischen der praktischen Arbeit von Blühendes Österreich und der Wissenschaft, die diese Arbeit sichtbar und weiter wissenschaftlich belegbar macht.

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Vorstand  Blühendes Österreich

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