“Der Kipfler schmeckt besonders gut im Salat”, flüstert mir Sitznachbar Ernst zu. Seine Vorfreude geht mit den anderen 20 TeilnehmerInnen viral durch den Sesselkreis der Kartoffel-Enthusiasten: Willkommen im Workshop “Kartoffeln anbauen und gesund erhalten” der ARCHE NOAH, welcher am 14. April 2018 im Wiener WUK stattfindet. Hier lernen Kartoffelbauern und Bäuerinnen, Kleingartelnde und interessierte StadtgärtnerInnen alles über die ovalrunden Feldfrüchte.  

 

Ich erhoffe mir vom Kurs zu erfahren, ob und wie die braunen Knollen im Hochbeet gedeihen. Es sei verraten: Meine Frage wird beantwortet. Und nicht nur diese: Am Ende des Workshops halte ich stolz eine Urkunde in der Hand und weiß: Niemand in meinem Bekanntenkreis weiß mehr über Kartoffeln als ich!

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Zu Beginn serviert die Kursleiterin Mara Müller theoretisches Kartoffelwissen: Dass die Kartoffel mindestens drei Anläufe brauchte, um flächendeckend als Grundnahrungsmittel auf unseren Tellern zu landen. Nachdem das Nachtschattengewächs nämlich von Südamerika nach Europa verfrachtet wurde, galt es aufgrund seiner hübschen Blüten lange Zeit als Zierpflanze und schmückte die Frisuren der Adelswelt. Dann ging sie über den Apothekentisch: es hieß, sie sei eine besonders gesundheitsstärkende Pflanze. Erst später, Ende des 18. Jahrhunderts, hätte man speziell ein Feld abgezäunt und dort Kartoffeln “exklusiv für den König von Preußen” angepflanzt. Dies sei der Startschuss für die “Des kenn´ma net, des moch´ma net”-Kultur gewesen, die Kartoffel im großen Maße anzubauen. Schließlich konnte ja das Beste für den König nur gut genug für sein Fußvolk sein. Der König als Influencer der Frühen Neuzeit also. Und bis heute dominiert sie die deutsch/österreichische Küche.

Kartoffeln pflanzen wie ein Profi

Die vegetative (ungeschlechtliche) Vermehrung erfolgt aus der Knolle. Nicht, wie ich angenommen habe, aus den Samen. Wenn die Samen nämlich neu angesetzt werden, kommt pro Samen eine neue Sorte ans Licht. Um eine verlässliche Ernte zu erhalten, klont man deshalb die Kartoffel aus der gesunden Saatknolle.

Man vermehrt die Feldfrucht entweder mit dem Brückenschnitt (Saatkartoffel wird mit einem Messer nahezu in der Mitte auseinander geschnitten, sodass ein dünner Steg bleibt. Die offene Wunde sollte dann mit Asche oder Urgesteinsmehl desinfiziert werden. So werden die Augen zum Treiben angeregt.) Oder anhand des “Äugelns”: Man schneidet Anfang März die kleinen runden Triebe der Kartoffel heraus und setzt sie in die warme Erde eines Töpfchens ein.

Danach heißt es: Erde befeuchten (ja nicht gießen, die Kartoffeln ertragen keine Staunässe!) und an einem warmen, hellen Ort austreiben lassen. Nach der Austreibungsphase werden sie anschließend 10 cm auf flach gehäufelte Reihen in die warme Erde gelegt, im Abstand von 30 cm zueinander. Nachdem das Pflänzchen wächst und kurz davor ist, den Boden mit Laub zu bedecken, gehört das Beikraut gejätet. Wenn die Pflanze 15 cm über die Erde ragt, wird gehäufelt, also der Erdwall erhöht (wie im Kartoffelturm). So wird die Knollenbildung angeregt.

Im Krieg hätte man übrigens die Kartoffeln bloß dick geschält und die dicke Schale mit den Augen nach oben auf das Feld gelegt. So konnte man die Frucht noch essen und hoffen, dass aus der dicken Schale mit den Augen noch weitere Triebe heranwachsen.

Nach dem Spruch ...

“Leg´mich im April, komm ich wann ich will. Leg mich im Mai, komm ich schnell herbei”

.... lässt sich das hierzulande ganz gut prophezeien. Auf jeden Fall den letzten Frost abwarten, mahnt Mara Müller, denn Frost halten die Feldfrüchte aus Südamerika nicht aus!

Wann ernte ich die Feldfrucht?

Sobald die Pflanze anschließend blüht, sind die Knollen angelegt. Nach der Blüte legen die Kartoffeln noch etwas an Masse zu. Wenn die Pflanze “einzieht”, also die Blätter welk werden, sind die Knollen bereit für die Ernte. “Heurige” mit ihrer feinen Schale werden zu diesem Zeitpunkt gewonnen und die runden Delikatessen landen gleich darauf auf den Tellern. Die Kartoffeln sollen gelagert werden? Dann sollte man noch zwei Wochen bis zum Abfall des Laubs mit der Ernte warten. Schlussendlich ist die Schale dick genug, um lagerfit zu sein. Apropos lagerfit: Die Kartoffeln werden am besten dunkel bei niedrigen Temperaturen (2 bis 4 Grad Celsius) eingekellert.

Kartoffeln lagern und ernten

Wenn man neue Kartoffeln aus den gelagerten Sorten anbauen möchte, sollten sie im Frühjahr vorkeimen, sprich die Knollen etwa vier Wochen nach dem Auspflanzen aus dem Lager holen, und bei Licht (nicht direktem Sonnenlicht) den Keimbeginn beschleunigen – und somit einen Vorsprung gegen die Krankheiten wie Krautfäule, Triebfäule oder Wurzeltäter zu ergattern.

Mara Müller empfiehlt, bei trockenem Wetter zu ernten. Und wenn jemand Erfahrung mit dem Rein-Raus-Spiel der Kartoffeln hat, dann sie. Sie erhält nämlich die alten Sorten der ARCHE NOAH lebendig, indem sie diese im Frühjahr auf das Feld bringt und sie anschließend auch wieder erntet, lagert, wieder aus neuen Saatkartoffeln züchtet, aussät, erntet … und das jedes Jahr aufs Neue im frostfreien Zeitfenster.

Bei anhaltend schlechtem Wetter ereignen sich nicht selten Dramen am Kartoffelacker. So erzählt sie von einem besonders verregneten Sommer, als sie bei Wind und Wetter versuchte, die fertigen Knollen zu retten. Und der Nachbar seine ganze Kartoffelernte aufgrund des schlechten Wetters und damit verbunden Pilzbefalls verlor.

Kartoffeln im Hochbeet

Die Kartoffeln können auf dem Stängel Wurzeln bilden, wollen mit ihren Knollen also hoch hinaus. Und deshalb bietet sich ein Kartoffelturm bestens zum Anpflanzen des Nachtschattengewächses an. So wird Ende April die erste Jungpflanze oder ein Trieb eingesetzt. Nachdem die Pflanze 10 bis 15 cm gewachsen ist, kann man die nächste Erdschicht häufeln. Wenn dann das Pflänzchen wiederum 10 bis 15 cm aus der Erde herausragt, kann man die nächste Erd- bzw. Kompostschicht aufschütten. So geht das nach Belieben weiter, bis die Blätter welk werden und die Pflanze so ihr Zeichen setzt, dass die Knollen fertig ausgebildet sind. Beim Abtragen der Erde purzeln einem so die fertigen Kartoffeln entgegen.

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Ihre Feinde und Leibwächter

Jeder kennt ihn, den Kartoffelkäfer. Zum Staunen brachte mich die Tatsache, dass sich der krabbelnde Einwanderer aus Mexiko und die südamerikanische Kartoffel erst auf europäischem Festland trafen, und eine recht einseitige und zerstörerische Liebe entflammte (seitens des Käfers natürlich). Der Kartoffelkäfer frisst die Blätter, macht eine Fotosynthese unmöglich und zerstört somit die ganze Pflanze. Was er jedoch lieber mag als Kartoffeln: Litschi-Tomaten und Melanzani! Mit diesen Pflanzen können KartoffelbäuerInnen die Käfer quasi umleiten. Eine Jauche aus Farnkraut, gepflanzte Bienenweiden oder Tagetes halten die Schädlinge im gestreiften Kleid ebenso fern.

Fasan schlägt Huhn

Ansonsten frißt der Fasan die gefräßigen Käfer mit Vorliebe. Hühner, so die Erfahrung von Mara Müller, picken leider einen großen Bogen um sie. Früher, erzählt Ernst der Runde, seien sogar ganze Schulklassen vom Unterricht abgezogen worden, um die Eier und Larven der Kartoffelkäfer einzusammeln.

Die Abwechslung macht´s 

Ganz wichtig sei noch die Fruchtfolge auf dem Feld zu beachten, schließt Mara Müller mit dem Thema Kartoffelkäfer ab, da die Schädlinge in der Erde überwintern. Also einen Abstand von mindestens 5 Jahren halten und nie aufeinanderfolgend Erdäpfel und Tomaten anbauen. Ein Kartoffelbauer aus dem Kurs meint, er würde seit Jahrzehnten auf dem gleichen Acker anbauen. Ein kurzes Staunen und Raunen und dann doch einstimmiger Beschluss im Sesselkreis: Ausnahmen bestätigen halt wieder einmal die Regeln.

Krankheiten und bevorzugte Nachbarn

Neben dem Kartoffelkäfer macht die Braunfäule das Leben der Kartoffel schwer. Die angefallenen Blätter sollten bei Trockenheit entfernt werden. Erfährt die Kartoffel Stress, wird die Knollenhaut von Pilzen befallen. Hier hilft das Beizen der Saatknolle mit Senfölen, also Krenn, um Schädlinge zu töten. Auch ausgekühlter Kamillen- und Fencheltee halten als biologische Fungizide die schädlichen Pilze in Schach. Gegen Nassfäule hilft ebenso das Beizen mit Senfölen. Wenn die Kartoffelpflanze es bunt treibt, also Farbe und Form der Blätter willkürlich sind, sowie die Knolle ringförmige Flecken aufweist, ist die Pflanze meistens von einem Virus befallen und gehört vom Feld bzw. aus dem Kartoffellager entfernt.

Der Erdapfel harmoniert nicht mit der Tomate, Erdbeere, Sonnenblume, Kürbis, Gurke, Sellerie, Rote Rübe und Zwiebel und möchte diese nicht in seiner Nähe wissen.

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Wie die Kartoffel prächtig gedeihen kann

Die Kartoffel mag die Bienenweide als Feldnachbarin, weil diese die lästigen Kartoffelkäfer fernhält. Sonst schlägt sie ihre Wurzeln und bildet ihre nahrhaften Knollen in einer sandigen, leichten, nährstoffversorgten Erde. Und kann auch gut mit kargen Böden. Zu Mist, Mulch, Bio-Kompost, Hornspäne oder Schafwolle sagt sie auch nicht nein. Bei Überdüngung geht sie aber schnell ins Kraut und ist anfälliger für Pilzerkrankungen.

Jetzt wird geäugelt!

Zum Schluss zeigt Mara Müller uns alte Kartoffelsorten, erzählt uns, dass die wohlschmeckenden Sorten wie Kipfler oder Linzer Delikatessen besondere Sensiebelchen sind und dass es die "eierlegende Wollmilchsau" auch bei den Erdäpfelsorten nicht gibt. Wir müssten uns entscheiden: entweder feinster Geschmack oder Robustheit.

Dann durften wir anschließend die alten Sorten wie Industrie, Paterson Victoria, Kipfler Pranze, British Colombia Blue, Mrs. Moerle's Purple Baker oder Industrie äugeln, in ein Pflanzentöpfchen einsetzen und mit nach Hause nehmen. Mit der Verantwortung, diese vier Sorten auch zu erhalten, gingen alle mit vier Töpfchen in der Hand und enorm viel Kartoffelwissen im Gepäck unsere Wege: zum Kartoffelacker, dem Balkongärtchen oder in den Kleingarten.

Autorin: Stephanie Fischer

Alte Sorten vor den Vorhang!

Der Verein ARCHE NOAH bewahrt alte Sorten und hält österreichweit regelmäßig Kurse und Workshops zum Erhalt der Artenvielfalt! Mehr erfahren.

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