Für Wildtier-Voyeure: Rotwild-Beobachtung im Habachtal

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Bei der Schaufütterung im Salzburger Habachtal kann man Rotwild ganz bequem beobachten. Auf einer Führung im Nationalpark Hohe Tauern erfährst du, warum das Wild im Winter gefüttert wird. Und wieso manche Hirsche regelmäßig SMS an den Jäger schicken.

Rotwild / (c) NPHT, F. Rieder

Flashmob im Winterwald

Wer hätte das gedacht: An einer Hirschfütterung kann’s zugehen wie bei den Katzen zu Hause, wenn man mit der Trockenfutter-Packung raschelt: Von allen Seiten kommen plötzlich Tiere daher. Nur dass die Hungrigen hier Geweihe tragen. Sieht aus wie ein Flashmob im Winterwald.

Aber alles schön der Reihe nach: Wir befinden uns an der Schaufütterung im Salzburger Habachtal, am Rande des Nationalparks Hohe Tauern.

SMS vom Hirschen

Rückblende: Bruno Gruber, der Nationalpark-Berufsjäger, bringt uns ins Tal hinein – zuerst am Traktoranhänger, dann zu Fuß. „Hier im Habachtal haben wir ein Forschungsprojekt zur nationalparkgerechten Jagd und zum Wildtiermanagement“, erzählt Bruno. „Manche Hirsche tragen einen Sender um den Hals. Die schicken uns alle vier Stunden ein SMS.“ So wird regelmäßig die Position der Tiere übermittelt. Daraus lässt sich rekonstruieren, wann sich das Rotwild wo aufhält.

Auf einmal bleibt Bruno stehen. Er zieht eine Furche in den Schnee: „Das ist eine Sperrlinie“, erklärt er. „Ab hier bitte nicht mehr sprechen, um das Wild nicht zu beunruhigen.“ Wir gehen stumm weiter, wie bei einem Schweigeseminar. Und dann sind wir da: Vor uns liegt die Beobachtungshütte.


„Die Hirschen schicken uns alle vier Stunden ein SMS.“


 

Sauna ohne Durchblick

Wir treten ein und sehen: genau gar nichts. Denn die Hütte besitzt eine Glasfront, um das Wild an der Fütterung zu beobachten. Und die beschlägt augenblicklich. 28 Personen atmen 28-mal feuchte Luft aus.

Daher erzählt uns Bruno zuerst einmal etwas über das Leben von Hirsch, Hirschkuh und Hirschkalb (zusammen: „Rotwild“). Denn hier drinnen darf wieder gesprochen werden. Michi Lagger, sein Kollege, teilt inzwischen Ferngläser an die BesucherInnen aus. Die sitzen auf Holzbänken in mehreren Etagen hintereinander – wie in der finnischen Sauna. Apropos: Auch die Hüttenheizung legt sich mächtig ins Zeug. „Lange Unterwäsche und vier Schichten Oberbekleidung waren wohl übermotiviert“, schießt es durch meinen Kopf. Der ist inzwischen hochrot und fühlt sich an wie ein Druckkochtopf kurz vorm Pfeifen.

Hauptwohnsitz: Berg

Aber halt! Warum wird Rotwild in einem Nationalpark überhaupt gefüttert? „Weil es aus den Bergen nicht mehr zu den ehemaligen Winterrevieren im Tiefland ziehen kann“, erklärt Bruno. Straßen, Siedlungs- und Skigebiete verhindern hier im Oberpinzgau den Zugang. So wurde das Rotwild zum Ganzjahresbewohner im Gebirge. Inklusive minderwertigem Futter im Dauerabo. Da wird es eng mit dem Überleben, auch wenn das Rotwild erstaunliche Anpassungen an harte Winter entwickelt hat. Damit nicht zu viele Tiere verenden, füttert sie der Mensch. Und um den Schutzwald zu entlasten.


„Das Rotwild kann nicht mehr zu den ehemaligen Winterrevieren im Tiefland ziehen.“


 

Wild„schäden“: Kann denn Fressen Sünde sein?

Denn das Rotwild knabbert gerne an den Trieben von jungen Bäumen, v. a. an Laubhölzern und Tanne. Diese können dadurch absterben. Was ungünstig ist, weil der Wald gerade hier im Gebirge Häuser, Straßen oder Bahnstrecken schützt: vor Lawinen, Steinschlag und Hangrutschungen. Mit klug positionierten Winterfütterungen kann man das Rotwild zumindest in unbedenklichere Waldregionen lenken.

Berufsjäger Bruno Gruber (links) bereitet die Schaufütterung vor / (c) NPHT, F. Rieder

CSI Rotwild

Nach einiger Zeit klart die Sicht auf. Wir können das scheue Rotwild in aller Ruhe beobachten. Die Tiere dagegen bemerken uns nicht. Schließlich ist die Glasfront der Hütte nur in eine Richtung blickdurchlässig, genau wie im Verhörraum beim Fernsehkrimi. CSI-Gefühl kommt auf.

Hirsche, Hirschkühe und Kälber stehen an der Fütterung beisammen. Was ungewöhnlich ist. Denn normalerweise hält Herr Hirsch wenig von Väterkarenz und zieht nach der Paarung im Herbst rasch Leine. Noch ungewöhnlicher: Auch Gämsen sind hier. Lange Zeit mieden sie Fütterungen. Bis eine draufkam, dass es auch leichter geht im Winter.

Gechillte Gämsen

Immer rascher finden sich nun Tiere an der Fütterung ein. Fünfzig bis sechzig werden es bereits sein. Plötzlich schreckt das Rotwild auf, flüchtet geschlossen in den nahen Wald. Es dauert fast eine Stunde, bis sie zur Fütterung zurückkehren. Ganz anders die Gämsen: Die sind hauptberuflich tiefenentspannt. Als die Hirsche Reißaus nehmen, rühren sie kein Pelzohrwaschl. Im Gegenteil: Eine Gams steigt seelenruhig in den Futtertrog, legt sich ins Heu, an dem sie eben noch geknabbert hat, und döst genüsslich ein.

Kurz vor der Dämmerung verlassen wir die Beobachtungshütte wieder. Uns zieht es nach Hause. Von einem warmen Bett kann das Rotwild hingegen nur träumen: Es wird eine weitere frostige Nacht verbringen, bei Temperaturen wie im Dreistern-Gefrierfach. So wie gestern. Und morgen auch. Bis es wieder Frühling ist.

(Autor: Uwe Grinzinger)


Aktiv werden:

Schaufütterung im Nationalpark Hohe Tauern

Du willst Rotwild in freier Wildbahn beobachten? Dann bist du bei der Winter-Schaufütterung im Salzburger Habachtal gut aufgehoben! Hier zeigen sich Hirsche, Hirschkühe und Kälber aus nächster Nähe.

Termine:
Von 2. Jänner bis 6. März 2019, 12:00 bzw. 13:00 Uhr
Treffpunkt: Parkplatz Habachtal, Bramberg
Anmeldung erforderlich!

Übrigens: Wird kein Wild gesichtet, ist der nächste Besuch der Schaufütterung kostenlos!


 

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