Weshalb der Trockenrasen in der Liga des Urwaldes spielt

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Was das Great Barrier Riff für Australien ist, ist der Trockenrasen für Österreich – ein Hotspot der Artenvielfalt mit hunderten Tierarten und tausenden Pflanzenarten. Eine gigantische Vielfalt, die der dürftige Name “Trockenrasen” leider nicht vermittelt und nur die wenigsten Menschen um seinen Reichtum Bescheid wissen:

Zugegeben, beim Wort Trockenrasen denkt man eher an einen durstigen englischen Rasen anstatt ein quirliges und munteres Biotop. Derweil schlägt der Trockenrasen, auch „Heide“ oder „Steppe“ genannt, eine normale Blumenwiese (Biotop: Magerwiese) mit seinen tierischen und pflanzlichen Bewohnern um ein Vielfaches. So lassen sich auch die Schmetterlinge – als wichtige Bio-Indikatoren – mit Vorliebe in einem Trockenrasen zeigen:  “Auf der Perchtoldsdorfer Heide haben wir über mehrere Jahre die Schmetterlingsarten erheben lassen und konnten auf 25 Hektar rund 1.200 Arten von den insgesamt etwa 4.000 in Österreich vorkommenden Arten dokumentieren!”, schwärmt Irene Drozdowski, Gründerin des Landschaftspflegevereins Thermenlinie, über ihr – zurecht – bevorzugtes Biotop.

Irene Drozdwoski und Manuela Achitz (c) Stephanie Fischer

Große Kuhschelle, Frühlings-Adonis, Gelbe Skabiose, Gelber Zahntrost und Zypressen-Wolfsmilch: Mithilfe dieser pflanzlichen Raritäten erkennst du das seltene Habitat auf einen Blick. Die Steppen- oder Heidelandschaften sind hauptsächlich im Osten Österreichs verbreitet und vereinzelt in den inneralpinen Trockentälern zu finden – wo die Blumen vom Frühling bis in den Spätherbst blühen.

“Urwälder und Trockenrasen im Offenland sind die artenreichsten Lebensräume Österreichs.”
– Irene Drozdowski

Der Trockenrasen als ewiger Pflegefall

Doch der üppige Lebensraum gedeiht heute alles andere als selbstverständlich: Mit der Aufgabe der Viehbeweidung und zunehmenden Monokultur in der Landwirtschaft, dem Umbruch oder der Verbauung der Flächen und dem starken Eintrag von menschengemachten Stickoxiden (Verkehr, Heizung, Industrie) aus der Luft wird das seltene Biotop in die Enge getrieben. Und auch wenn es Platz zum Aufatmen hätte – ein Trockenrasen ist auf die Hilfe von grasenden Tieren oder hilfsbereiten Menschen angewiesen. Wenn heute die Flächen nicht beweidet oder per Hand gepflegt werden, verbuschen sie. Ohne diese Unterstützung würde in zwanzig, dreißig Jahren auf dem einstigen Trockenrasen der Wald dominieren.

Sofern also Mensch, Ziegen oder Schafe nicht Hand bzw. Huf anlegen, verschwinden sie und ihre ganze Armada an Vielfalt ist Geschichte – und das wortwörtlich, weil viele Arten, die in Heiden und Steppen leben, vom Aussterben bedroht sind.

Je „nährstoffärmer“, “trockener” und „strukturreicher“ desto artenreicher – hier sind die Top 5 der Biodiversität-Oasen im Offenland:

  1. Trockenrasen und Halbtrockenrasen
  2. Magerwiesen (Trespenwiesen)
  3. extensiv genutzte Bergwiesen
  4. extensiv genutzte Almweiden
  5. Feuchtwiesen

 

Manuela Achitz (c) Stephanie Fischer

Rettung vor dem Wald: Schnipp, schnapp Büsche ab

Initiativen wie der Landschaftspflegeverein Thermenlinie rufen regelmäßig auf, bei einer Trockenrasenpflege die Ärmel raufzukrempeln, um den hoch hinaus wollenden Sträuchern und Jungbäumen Parole zu bieten. So auch am 20. Oktober 2018 bei der Trockenrasenpflege im Kurpark in Baden, einst ein beweidetes Gebiet, das heute hauptsächlich bebaut oder noch während der Monarchie im 19. Jahrhundert mit Föhren aufgeforstet wurde  – bis auf ein paar kleine, unscheinbare Flächendie größte davon: die kleine Steppe oberhalb der Ferdinand Raimund Aussicht.

32 Freiwillige, darunter 14 AsylwerberInnen, versammelten sich auf dem besagten Trockenrasen. Sägen, Krampen, Astscheren und Heckenscheren drängten die Büsche wieder in den Wald zurück. Der Radius der Fläche wurde wieder erweitert, sodass Rote Röhrenspinne, Gottesanbeterin oder Smaragdeidechse wieder an Lebensraum gewinnen.

“Weshalb kann man den Wald nicht einfach roden und Offenland schaffen?” kam die Frage auf. “Man muss sich eine Bewilligung bei der Forstbehörde holen. Die geben aber nur ungern einen Baum zum Fällen frei, da der Wald meist oberste Priorität hat. Wenn eine Forstbehörde dann grünes Licht für die Rodung gibt, zahlt man in der Regel eine Entschädigung von 3 Euro pro Quadratmeter oder muss Ersatzmaßnahmen zur Verbesserung des umliegenden Waldes durchführen, was bei großen Flächen zu Buche schlägt,“ erklärte Irene Drozdowski aus der Praxis der Landschaftspflege.

Deshalb ist eine regelmäßige Pflege notwendig. Wenn ein Baum die 3-Meter-Höhen-Grenze nämlich erreicht hat und die Bäume 50 % der Fläche überschirmen, ist die Fläche Wald nach Forstgesetz und ein Entfernen der Bäume ist nicht mehr erlaubt. So ging es dem Flieder, Liguster und Hartriegel und anderen Büschen beim Pflegetermin schnell “an die Wurzel” und sie wurden ausgegraben und entfernt. Aber Vorsicht: Bei der Aktion sollte immer ein Biologe oder eine Biologin vor Ort sein, damit geschützte Pflanzen wie der Felsenkreuzdorn beispielsweise nicht Opfer der guten Sache werden.

Für die gute Sache haben sich auch Ronald Würflinger und Manuela Achitz von Blühendes Österreich an diesem Samstagvormittag eingesetzt, um den  Landschaftspflegeverein nicht nur finanziell zu unterstützen – sondern auch tatkräftig mitzuhelfen, die Steppe zu erhalten, damit neben den Schmetterlingen ihr Leitspruch gilt: Make Trockenrasen Great Again! (Autorin: Stephanie Fischer)

Irene Drozdowskis nimmt derzeit am Lehrgang 2018/2019 des Visionary Programs von Ashoka teil, damit sich der Landschaftspflegeverein Thermenlinie – Wienerwald – Wiener Becken betrieblich und strategisch nachhaltig aufstellt.


Östliche Heideschnecke (c) Stephanie Fischer

Wissenswertes aus dem Trockenrasen:

Schneckenhaus wird Bienenhaus

Einige Wildbienenarten legen die Eier in leere Schneckenhäuser, wie jene der Östlichen Heideschnecken. Die Biene transportiert Pollen und Nektar in das Schneckenhaus, legt das Ei hinzu, bildet eine Wand und dann kommt wieder ein Ei, Polle und Nektar in die nächste gefertigte Kammer usw. Ganz hinten drinnen liegen die Weibchen und weiter vorne die Männchen, die zuerst schlüpfen.

Hunde und Trockenrasen verstehen sich nicht

Neben dem Umstand, dass Ziesel, Feldhase oder Smaragdeidechse unnötig von freilaufenden Hunden in ihrem Lebensraum gestört werden, sind die Nährstoffe im Hundekot für den nährstoffarmen Trockenrasen ein Problem. So werden nämlich hochwüchsige Pflanzen begünstigt und die typischen Tier- und Pflanzenarten des Biotops verdrängt.

Blumen und Kräuter pflücken?

Der Trockenrasen ist Teil der „Rote Liste der gefährdeten Biotoptypen Österreichs“ und ein Großteil seiner an den trockenen Standort angepassten Pflanzen sind vom Aussterben bedroht. Blumen für den Strauß und Kräuter für den Tee müssen anderswo gepflückt werden.


 

Du kennst einen Trockenrasen oder ein anderes wertvolles Biotop und möchtest, dass es mit reichlich Summen und Flattern wiederbelebt wird? Geh‘ zu deiner Gemeinde, die rechtlich dafür verpflichtet ist, gefährdete Biotope zu schützen. Hol‘ dir auch tatkräftige Unterstützung bei den Schulen und Kindergärten, um bei den Jungen ein Bewusstsein für die Juwele der Artenvielfalt zu schaffen. Mehr Unterstützung bietet die Brennnessel – der größte Naturschutzpreis Österreichs.

Aktiv werden für den Naturschutz!

Im Veranstaltungskalender von Blühendes Österreich sind zahlreiche Aktivitäten rund um die Natur versammelt. Jetzt Freiwilligeneinsatz oder Abenteuer in der Natur finden!

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