Der wilde Imker – Interview mit dem Wildbienenzüchter Peter Fuchs

Mehr Lesen

Im Rahmen der Kampagne für Streuobstwiesen hat sich Blühendes Österreich auf die Suche nach besonders gelungenen Initiativen und ihren Helden gemacht. Beim Mauerbienenzüchter Peter Fuchs ist die Stiftung fündig geworden.
 
Ein Gespräch über wilde Bienen und Bestäubung, über Nistkästen und biologische Schlechtwetterversicherungen.

Wildbienen

(c) Peter Fuchs

Lieber Peter Fuchs, wie wird man Wildbienenzüchter?

Sie werden staunen, denn eigentlich bin ich Professor für Molekulare Biologie. Bienen, Hummeln und andere soziale Insekten haben mich aber schon als Kind fasziniert! Der Garten meiner Eltern und die ländliche Umgebung daheim in Oberösterreich boten da reichlich Gelegenheit, diese wunderbaren Tiere zu beobachten und kennenzulernen. Später, während meines Studiums, bin ich dann auf ein Buch gestoßen, das sich mit der Haltung und Ansiedlung von Hummeln beschäftigt. Von da an wurden die Bastelei, also das Anfertigen von Nistkästen, und die Zucht wilder Bienen zu einem Hobby, das mit der Zeit immer mehr Platz in meinem Leben eingenommen hat.

Machen Wildbienen eigentlich Honig?

Kaum! Unsere Honigbienen produzieren den Honig ja, um ihr Volk über den Winter zu bringen. Bei den meisten Wildbienen überleben die kalte Jahreszeit nur die Puppen oder einzelne junge Königinnen, die dann im Frühling für neue Nachkommen sorgen. Allerdings produzieren Hummeln – und die werden auch zu den Wildbienen gezählt! – manchmal etwas Honig als Vorrat für schlechte Zeiten. Diese Mini-Mengen aus einem Hummelnest zu ernten wäre aber sehr unfair und außerdem mehr Aufwand als Mäusemelken.

Wildbiene

(c) Peter Fuchs

Warum fühlen sich Wildbienen in Streuobstwiesen wohl und warum sind sie dort so nützlich?

Es gibt hunderte Wildbienenarten. Kleine und große. Manche nisten im Boden, andere im Holz. Es gibt wählerische Wildbienen und solche, die an vielen verschiedenen Blütensorten Nektar suchen und Pollen sammeln. In einer Streuobstwiese finden viele von ihnen sowohl einen guten Platz für ihr Nest, als auch geeignete Blütenpflanzen. Der gesammelte Nektar und Pollen dient als Zucker bzw. Eiweißquelle für den Nachwuchs, der Nektar aber quasi auch als Flugbenzin für die sammelnde Biene selbst.

Gibt es Bienenstöcke, besorgen in Obstgärten natürlich die Honigbienen den größten Teil der Bestäubung. Honigbienen fliegen allerdings nur zu bestimmten Zeiten und vor allem wenn es warm genug ist. Viele Wildbienen arbeiten hingegen auch bei niedrigeren Temperaturen. Manche trotzen sogar Nieselregen! Fällt also die Obstblüte beispielsweise in eine Kälteperiode, sind Wildbienen fast unverzichtbar. Sie sind so etwas wie eine Schlechtwetterversicherung für den Obstbauer. Studien haben außerdem gezeigt, dass manche Wildbienen Blüten von Obstbäumen gründlicher bestäuben. Das liegt vor allem am Bau ihrer Pollenbürsten. Liegt ihr Nest in der Streuobstwiese, können sie die Blüten auch in kürzeren Abständen anfliegen.

"In einer Streuobstwiese finden viele von ihnen sowohl einen guten Platz für ihr Nest, als auch geeignete Blütenpflanzen."

Wildbienen kann man also wirklich züchten?

Ich baue und verkaufe Nistvorrichtungen für zwei Arten von Mauerbienen. Das sind Wildbienen, die ihre Nester in bestehenden Hohlräumen, zum Beispiel in Löchern in Holz und Lehmwänden oder in Schilfrohr von Dächern anlegen. Die beiden Bienenarten können gut vermehrt werden und eignen sich besonders für den gezielten Einsatz als Bestäuber. In anderen Ländern werden sie schon seit langer Zeit sehr erfolgreich als Hauptbestäuber im Obstbau verwendet. In Japan liegt inzwischen der Anteil an Apfelplantagen, die von Mauerbienen bestäubt werden bei über 70 %!
Die Nisthilfen befinden sich in einem Gehäuse und beinhalten je einen Satz spezieller Röhrchen, welche die Bienen zur Anlage ihrer Nester nutzen. Mit viel Hingabe ist es mir gelungen, dieses System jahrelang zu perfektionieren. Das Um und Auf dabei ist die Kontrolle der Parasiten, wobei ich natürlich keine chemische Keule einsetze! Die Nistkästen sollten im Obstgarten an besonders warmen und windstillen Plätzen aufgestellt werden. Wer nicht warten will, dass sich wilde Mauerbienen von selbst ansiedeln oder keine natürlichen Bestände in der Nähe hat, dem biete ich auch fertige Kokons an. Mit einem solchen Starterpaket kann jeder eine kleine Wildbienenpopulation aufbauen, um die Bestäubung seiner Obstbäume zu sichern und den Ertrag zu steigern.

Macht die Wildbienenzucht glücklich?

Glücklich bin ich sicher in einer schönen Streuobstwiese. An einem warmen Frühlingstag, wenn die Massenblüte der Bäume einsetzt. Wenn alles leuchtet und lebt und summt. Wo ein seltener Vogel von Ast zu Ast huscht und die Wildbienen durch die Luft sausen. Glücklich macht mich auch die Vorstellung, dass meine Nistkästen bei einem Biobauern stehen wo ihre Bewohner keine Insektizide fürchten müssen. Dass sich der Landwirt über die wilden Helferlein und eine reiche Ernte freuen kann. Vielleicht schenkt er mir im Herbst einen Apfel von dort?


Zur Person:

Dr. Peter Fuchs ist in Steyr, OÖ aufgewachsen. Nach der Matura studierte er Biologie (Studienzweig Genetik) und ist an der Universität Wien als Außerordentlicher Professor für Molekulare Biologie beschäftigt. Vor wenigen Monaten startete er als Kleinunternehmer und verkauft Mauerbienen sowie Nisthilfen. Kontakt: fuchsp67@gmail.com

Streuobstwiese

(c) Blühendes Österreich / Alex Papis

Unser Obst is koa´ Sünd!

Gesucht: Österreichs schönste Streuobstwiese!

Blühendes Österreich sucht gemeinsam mit der ARGE Streuobst von 23. April bis 24. Juni 2018 die schönste Streuobstwiese der Alpenrepublik!

Die schönsten drei Streuobstwiesen und Hausgärten aus allen Bundesländern werden prämiert. Die 54 Gewinner bekommen je zwei regionaltypische Obstbäume geschenkt. Der Bundessieger aus der Kategorie Streuobstwiese erhält die Erntewundermaschine „Obstraupe“, der Hausgartengewinner eine Haus-/Hydropresse. Alle 54 Preisträger bekommen eine Plakette als Auszeichnung.

 


Kompaktes Wildbienenwissen:

Die Wildbienen-Expertin Esther Ockermüller über die große Liebe zwischen wilden Bienen und Streuobstwiesen:

„In Österreich leben an die 700 Arten von Wildbienen. In etwa die Hälfte von ihnen gilt als gefährdet, andere sind bereits ausgestorben! Neben Umweltgiften setzt ihnen besonders der Verlust an natürlichen Lebensräumen zu. Für die Anlage ihrer Nester ist beispielsweise ein Großteil der Wildbienen auf offenen Lehm- oder Sandboden angewiesen. Einige Arten benötigen Totholz, andere wiederum leere Schneckenhäuser, um für Nachkommen zu sorgen. In einer ausgeräumten Landschaft finden Wildbienen weder geeignete Nistplätze, noch ausreichend blühende Pflanzen als Nahrungsquelle. Obwohl manche Arten hochspezialisiert sind, bieten blütenreiche Halbtrockenrasen oder Magerwiesen mit ihren typischen Wiesenblumen vielen Wildbienen genügend Nektar und Pollen zur Versorgung ihrer Brut. 

Streuobstwiesen können wahre Wildbienenparadiese sein. Zwischen Baumkronen, dicken Stämmen, blühender Wiese, Trockenmauern und sandigen Wegen fühlen sich Arten mit den unterschiedlichsten Ansprüchen wohl. In einer oberösterreichischen Streuobstwiese konnte ich vor einiger Zeit fast 100 verschiedene Wildbienenarten nachweisen!  Ein gutes Drittel davon nahm auch an der Bestäubung der Obstbäume teil. Die perfekte Streuobstwiese? Um Wildbienen zu schützen muss sie ohne Pflanzenschutzmittel auskommen und möglichst extensiv bewirtschaftet werden. Die Wiese sollte nicht gedüngt, eher spät gemäht oder besser noch beweidet werden, da die Tiere mit ihren Hufen so auch immer wieder offene Stellen am Boden schaffen. Es gibt Sträucher, Baumruinen, Holzstapel und Böschungen. Und duftende Blüten von März bis Oktober!“


 

Das Ökosystem Streuobstwiese hat dein Interesse geweckt? Unser Newsletter informiert dich laufend darüber.

Ich stimme zu, dass diese Seite Cookies für Analysen verwendet.

Mehr Erfahren