Was bedeutet das konkret für einen Betrieb, der konsequent auf Tierwohl, Kreislaufwirtschaft und Naturschutz setzt? Unser Partnerbetrieb Georg Prantl gibt im Interview Einblick in seinen Alltag – und erklärt, warum viele Landwirt:innen überparteilich derzeit auf die Straße gehen – von Paris über Brüssel bis nach Wien.
Wenn du heute mit Kolleginnen und Kollegen sprichst: Was bringt Betriebe derzeit am meisten an ihre Grenzen?
Der Schuh drückt an vielen Stellen, und man muss hier genauer hinschauen. Zusammengefasst lässt sich die Situation so beschreiben: Der Spagat wird immer größer und zunehmend schwieriger. Auf der einen Seite stehen regionale Produktionsbedingungen mit höheren Umweltstandards und dementsprechend höheren Preisen.
Wir müssen – und viele von uns wollen das auch – nach höheren Standards und Auflagen produzieren. Genau das trägt dazu bei, dass unsere Kulturlandschaft erhalten bleibt und unsere Lebensmittel qualitativ hochwertig sind.
Auf der anderen Seite würde das Mercosur-Abkommen zusätzliche landwirtschaftliche Produkte auf den europäischen Markt bringen, die zu deutlich niedrigeren Kosten erzeugt werden. Diese Preisunterschiede hängen damit zusammen, dass in den Herkunftsländern Produktionsmethoden erlaubt sind, die in der EU nicht zulässig sind – etwa der Einsatz problematischer Pestizide, Regenwaldzerstörung und Massentierhaltung, die es in Österreich so nicht gibt. Für heimische Betriebe entsteht so ein Wettbewerb mit unfairen Regeln.
Es geht letztlich um mehr Wertschätzung für heimische Urprodukte.
Man sollte auch die zahlreichen Ausgleichsmaßnahmen genauer prüfen, die dieses Spannungsfeld abfedern sollen. Es braucht eine kritische Analyse, ob diese Programme tatsächlich bei den Betrieben ankommen oder ob auf dem Weg von Brüssel oder Wien zum Hof zu viele Mittel durch Bürokratie gebunden werden. Auch stellt sich die Frage, wie groß der tatsächliche Nutzen dieser Maßnahmen für die landwirtschaftlichen Betriebe ist.
Hinzu kommt, dass die Inflation die Wirkung der Ausgleichszahlungen jedes Jahr schmälert und die Budgets in jeder neuen Gemeinsamen-Agrarpolitik-Periode tendenziell gekürzt werden.
Du produzierst hochwertiges Bio-Tierwohl-Fleisch: Was würde das Mercosur-Abkommen konkret für deinen Betrieb bedeuten?
Künftig wird es für Konsument:innen immer schwieriger nachvollziehbar sein, wo Mercosur-Fleisch enthalten ist – die aktuelle Herkunftskennzeichnung ist dafür oft nicht ausreichend klar. Bei meinem Fleisch ist das anders: Für meine gewerblichen Abnehmer, die das Fleisch weiterverarbeiten, ist es eine Grundvoraussetzung für eine nachhaltige und wertschätzende Partnerschaft, die Herkunft und damit den Mehrwert eindeutig zu deklarieren.
So wird auch der Mehrwert sichtbar: maximales Tierwohl, Weidehaltung, viel frische Luft und Sonne sowie eine artgerechte 100-prozentige Grasfütterung („grass fed and finished“) – das ist unsere Philosophie. „It's not the cow, it's the how.“
Wenn landwirtschaftliche Familienbetriebe mit ihrer Vielfalt und kleinstrukturierten, standortangepassten Wirtschaftsweise verschwinden, werden ihre Flächen zunehmend von größeren, fremdfinanzierten und fremdgesteuerten Betrieben bewirtschaftet. Dort fehlt oft das notwendige Gespür für Biodiversität und nachhaltige Kreisläufe – gerade im Hinblick auf kommende Generationen.
Stattdessen rückt die kurzfristige Profitabilität in den Vordergrund, während Natur-, Klima- und Artenschutz ins Hintertreffen geraten. Aus Sicht des Naturschutzes sollte daher ein großes Interesse daran bestehen, die bäuerlichen Familienbetriebsstrukturen zu erhalten.
Die Versorgungssicherheit wird oft als Kritik bei Mercosur genannt: Was würde das konkret im Alltag der Konsument:innen bedeuten?
Das lässt sich gut mit einer Metapher beschreiben: Mit Versorgungssicherheit scherzt man nicht. Heute ist die Straße von Hormus blockiert – und morgen könnte, wenn Österreich stärker von importierten landwirtschaftlichen Rohstoffen abhängig ist, sinnbildlich eine „Straße von Mercosur“ geschlossen werden.
Ich glaube, die Folgen wären deutlich spürbar: steigende Lebensmittelpreise, leere Regale, unterbrochene Lieferketten und mehr Unsicherheit in der Bevölkerung.
Österreich hat grundsätzlich das Potenzial zur Selbstversorgung – aber nur, wenn die landwirtschaftlichen Strukturen und die dezentralen Verarbeitungsbetriebe erhalten bleiben. Wenn diese unter den Druck des globalen Wettbewerbs geraten und zunehmend verschwinden, verlieren wir Schritt für Schritt eine wichtige Grundlage unserer Versorgungssicherheit.
Du gehst am 1. April mit dem überparteilichen „Bündnis Zukunft Landwirtschaft“ in Wien auf die Straße: Wann wäre der Protest für dich ein Erfolg?
Ein Erfolg wäre erreicht, wenn Gesellschaft, Konsument:innen und Politik erkennen, wie ernst die Lage ist: Die landwirtschaftlichen Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand. Es ist kein Platz mehr für ein ideologisches Farbenspiel – es geht um das Grundrecht der Versorgungssicherheit in Österreich.
Ohne Bäuerinnen und Bauern gibt es keine regionale Lebensmittelproduktion mehr – dieser Zusammenhang ist vielen im Alltag nicht mehr bewusst.
Wenn der Protest dazu beiträgt, dieses Verständnis zu stärken und die Wertschätzung für heimische, regionale Produkte – auch Urprodukte, sprich landwirtschaftliche Rohstoffe – wieder wächst, wäre das ein Gewinn für alle und ein Beitrag zu einer gemeinsamen Zukunft ohne Abhängigkeit in der Versorgung.
Warum machst du trotz all dieser Belastungen weiter – und was würde passieren, wenn Menschen wie du aufgeben?
Ich denke in Generationen und versuche, über den Tellerrand hinauszublicken. Aufgeben ist für mich keine Option, denn es ist eine große Verantwortung, „Systemerhalter“ zu sein.
Ein Sprichwort begleitet mich dabei besonders: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern – die anderen Windmühlen.“ Ich zähle mich zu Letzteren. Denn wenn Menschen wie wir aufgeben, verliert nicht nur die Landwirtschaft – sondern die gesamte Gesellschaft.
Denn klar ist: Die Zukunft der Landwirtschaft betrifft uns alle – nicht zuletzt als Konsument:innen, die täglich mitentscheiden, wie und wo unsere Lebensmittel produziert werden.
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Am 1. April auf die Straße gehen und ein Zeichen setzen – für unsere Bäuerinnen und Bauern und regionale Landwirtschaft.
Ab 13 Uhr am Stubenring 1: vom Landwirtschaftsministerium bis zum Parlament. Mehr Informationen.
Georg Prantl ist Teil der unterstützten Projekte "Rinderbeweidung am Hundsheimer Berg" und "Rinderbeweidung am Spitzerberg".