Von einem, der auszog, die Artenvielfalt zu schützen

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Grand demonstriert die Regenwurmvielfalt

Die Artenvielfalt gilt als Garant für ein gesundes Ökosystem und als Vorsorge für die Veränderungen der Zukunft. Biobauer Alfred Grand verrät, wie diese Diversität auch landwirtschaftlich Platz findet und wie du sie schützen kannst:

Ein wenig überraschender, erdiger Geruch schlägt uns beim Eintreten in die große, überdachte Halle entgegen. Hier, unter dicken Planen, liegt das Ergebnis der Erkenntnisse aus 20 Jahren Wurmkompostierung. Wir befinden uns im niederösterreichischen Absdorf auf der Regenwurmfarm von Alfred Grand, Biobauer und Leiter des Workshops „Vielfalt am Acker“, organisiert vom Verein Arche Noah. Grands Regenwurmbetrieb ist Teil der GrandFarm, einem Hof, der schon seit dem 17. Jahrhundert in Betrieb ist.

„Wir wollen das Feld in die Gesellschaft tragen,“

sagt der Biobauer und erzählt, wie er es sich auf 90 Hektar zum Ziel gemacht, in Austausch mit Universitäten, Forschungseinrichtungen und der breiten Gesellschaft zu treten. Sein Ziel ist es, die Artenvielfalt am Feld zu schützen und die dabei erlangten Erkenntnisse zu teilen.

Verlust der Arten

Dieses Anliegen rückte erst kürzlich wieder in den Fokus: Ein Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES zeigte, dass etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Der Verlust dieser Arten stellt ein gleich großes Risiko wie der Klimawandel dar und bedroht uns Menschen gleichermaßen. „Ist jede Nische in einem System besetzt, dann kann keine Art überhand nehmen und außerdem haben wir so mehr Garantie, dass eine Lücke gefüllt wird, falls eine Funktion ausfallen sollte“, so Grand. Eine These, die auch die Leitlinie von Arche Noah bildet.

Gegenüber der Regenwurmhalle beginnen die Flächen der GrandFarm, auf denen die Theorie in Aktion erlebt werden kann. Quasi um die Vielfalt auf dem Acker noch zu unterstreichen, fliegt über uns eine Feldlerche, deren Bestand in den vergangenen 20 Jahren um die Hälfte geschrumpft ist. Etwas, das auch auf die schnell gewachsenen und dichten Intensivkulturen zurückzuführen ist. Der trillernde Gesang, der unseren Rundgang begleitet, klingt noch länger als Beweis nach, dass auch eine andere Form von Landwirtschaft möglich ist – wenn man sie zulässt.

8 Tipps von Bauer Grand, wie du die Artenvielfalt schützen kannst:

1 Kraft der Regenwürmer

Seit 13 Jahren ist Grand Biobauer, seit 25 Jahren benützt er keinen Pflug mehr. Dünger oder Pestizide werden nicht eingesetzt, stattdessen auf die Fähigkeiten eines gesunden, artenreichen Bodens gesetzt, den er auch durch den Einsatz seines selbst hergestellten Regenwurmhumus erhält. Ein Teil der Ernte wird hierher gebracht, mit etwas Pferdemist und Strauchschnitt vermischt. Danach wird der Rohkompost zwei Mal die Woche an die Würmer verfüttert.

„Das Endprodukt ist der beste Dünger der Welt“,

sagt Grand wenig bescheiden. Seine Argumentation? Pflanzen hätten in ihrer langjährigen Evolution gelernt, damit umzugehen und die Vorteile des Naturproduktes für sich zu nützen.

Regenwürmer haben bis zu 10.000 Mikroorganismen in ihrem Darm. Durch ihre Ausscheidungen und den Schleim, den sie produzieren, werden Phytohormone der Pflanzen angeregt, die wiederum zur Zellteilung in ihren Wurzeln führt. „Wenn eine Wurzel in so ein Regenwurmloch hineinwächst, ist das für sie wie ein Lotto Sechser“, meint er. Platz, Luft, Feuchtigkeit und Nährstoffe des Regenwurmkotes findet sie dort vor. „Und das ist nur ein Detail, das wir über den Boden kennen. Jetzt muss man sich vorstellen, wie viele solche Funktionen und Kooperationen es noch gibt.“

2 Fruchtfolge

Seit Jahren setzt Grand auf diese extensive Methode. Sie wird als gezielte Gegenmaßnahme zu einseitigen Pflanzengemeinschaften wie mehrjährigen Monokulturen gesehen. Durch eine Abwechslung von Arten und Sorten und ihren jeweiligen Bedürfnissen, können Nährstoffkreisläufe natürlich reguliert werden. So kann man etwa die Stickstoff-Versorgung verbessern, indem man sogenannte Leguminosen (zum Beispiel Erbsen oder Klee) einsetzt, die Stickstoff aus der Luft fixieren. Es wird so etwa oft zuerst eine Nicht-Leguminose (zum Beispiel eine Getreideart) angebaut, gefolgt von einer Leguminose, die die Stickstoffvorräte wieder aufbaut. Auch Un- bzw. Beikräuter und Krankheitserreger können so natürlich vermieden werden.

3 Seltene Kulturarten und -sorten

Arche Noah setzt sich für den Erhalt und die Verbreitung der Vielfalt seltenen Kulturguts ein. Der Aufbau eines Genpools und eines Samenarchivs sorgt für Ernährungssicherheit, sollte eine Art oder Sorte ausfallen. Lagern, sammeln und das Gut wieder in die Gesellschaft zu bringen, sieht auch Grand als eine der Grundaufgaben in der Vielfaltserhaltung.

4 Blühstreifen

Blühstreifen fördern Insekten, Wildtiere und dadurch auch das Bodenleben. Je länger sie bestehen bleiben, desto mehr Vielfalt könne sich entwickeln. „Das einzige Problem ist die Frage, wann ich den Streifen am besten mähen soll, um etwa bodenbrütende Vögel nicht zu verletzen.“ Er selbst mäht nur einmal im Jahr und lässt die drei bis sechs Meter breiten Streifen ansonsten unberührt als Rückzugsort stehen.

5 Winterbegrünung

„Ab fünf Pflanzenfamilien wird es spannend“, meint Grand und erzählt von der Methode der Winterbegrünung. Setzt man auch in den kalten Monaten Pflanzen, fördern diese das Bodenleben, Insekten und den Aufbau von Humus. Alles Dinge, die den eigentlichen Erntepflanzen und der Bodengesundheit an sich später zu Gute kommen.

6 Unter- und Mischsaaten

Hier wartet man, bis sich eine Saat etabliert hat. Bevor man den Boden das letzte Mal bearbeitet, sät man außerdem noch eine weitere Art, etwa Klee, ein. Der kann wiederum Stickstoff sammeln, mit den anderen Pflanzen zusammenarbeiten und so das Risiko minimieren, dass sich die Pflanze (aufgrund von Trockenheit oder anderen Gründen) nicht etablieren kann. Dazu kommt, dass das Pflanzenteam mehr Erosionsschutz für den Boden bietet und die Kombination mehrerer Arten laut seiner Erfahrung auch die Biomasse an sich steigert.

7 Agroforst

Auch der Einsatz von Bäumen auf dem Feld können Nützlinge, wie etwa Insekten, fördern und außerdem Schutz vor Wind bieten. Er selbst hat so vor ein paar Jahren rund 5.000 (Obst)Bäume in Streifen zwischen seinen Feldern gepflanzt, die er in Zukunft auch beernten will. Dazu kommt, dass in den Pflanzen Kohlenstoff gespeichert und so dem Klimawandel entgegengewirkt wird.

8 Vielfaltsgärtnerei

Neben den Ideen, die Grand in der Vergangenheit schon umgesetzt hat, geht es stets weiter. Sein neuestes Projekt ist eine Vielfaltsgärtnerei, die auf rund zwei Hektar Fläche entstehen und für die Direktvermarktung verwendet werden soll. Bewusst werden dort dann alte Kultursorten gepflanzt und außerdem auf Bewusstseinsbildung gesetzt. Der Vielfalt steht somit auch im Gemüsebeet nichts mehr im Wege!

 

Autorin: Katharina Kropshofer

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