Winter: Finde das weiße Lamm

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Die Lämmer sind los! Und somit die nächste Generation der tierischen Beweider des stark gefährdeten Trockenrasens am Parabluiberg bei Retz, einem Refugium für viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

 

Blühendes Österreich begleitet die Familie Hirsch beim Jahreszyklus ihrer Schafherde. Aktuell im Winter dreht sich das Rad des Lebens schwungvoll mit der Geburt der Lämmer. Wir haben dem Nachwuchs unlängst einen Besuch abgestattet und kamen bei den „Herdengschicht’n“ nicht selten ins Staunen:

 

„Ich plane bereits meine zweite Herde,“ strahlt der Schafhirte Stefan Hirsch über das ganze Gesicht. Wollige Kandidaten scheint er mit den reichlichen Geburten, die jetzt in den Wintermonaten anstehen, genug zu haben. Und täglich kommen Neue hinzu. „Jedes Weibchen, dem noch kein Lämmchen folgt, wird bald die nächste Gebärende sein,“ erzählt Stefan froh gesinnt. Allzeit bereit ist er, der Geburtshelfer, der während des Ablammens bei Bedarf die Köpfchen in die richtige Richtung dreht. Zwischen einer halben und drei Stunden dauert so eine Geburt, kommt darauf an, ob es Drillinge, Zwillinge oder „Einlinge“ sind. Hier ein Blöken, dort ein Mähn. Noch ist es einfach, sein Mutterschaf in der Herde zu finden.

Gefunden hat Stefan auch unlängst ein 2,5 kg leichtes Zwillingslamm (Normalgewicht bei Zwillingslämmern liegt bei 3,5 bis Kilo), das kurz nach der Geburt für Tod erklärt wurde. Doch als es von seiner Familie separiert wurde, hörte man ein starkes und lebensbejahendes „Määähhäää“. Da seine Mutter es verstoßen hat, kann sich dieses staksige Lamm glücklich schätzen, vom Schafhirten exklusiv mit der Flasche großgezogen zu werden. Zum Glück hatte Elisabeth Hirsch noch Kolostrum eingefroren (die nahrhafte Erstmilch), mit der das Lamm den nötigen Kickstart ins Leben erhalten hat. Nun wohnt es im Heizraum und wird alle zwei Stunden gefüttert, bis es alt genug ist, sich der Herde anzuschließen. Wie es heißt, wollen wir wissen. „Namen bekommt es leider keinen, dann tut es nicht so weh, wenn der Metzger es holen kommt,“ bringt uns Herr Hirsch Senior wieder an den Boden der Tatsachen zurück. Aber da es ein Weibchen ist, stehen ihre Chancen gut, bei Stefans Herde, bestehend aus:

  • Schwarzkopf-,
  • Merino-,
  • Wald-,
  • und Bergschaf,

zu bleiben. Die Männchen werden nach ca. sechs Monaten, wenn sie 50 kg wiegen, an den Fleischer vom Nachbarort verkauft.

Die Stadt Retz und die Stiftung Blühendes Österreich unterstützen im Zuge des Naturschutzprogramms FLORA den Schäfer Stefan Hirsch, die Herde – als Landschaftspfleger der wertvollen Naturschutzflächen am Parabluiberg- auf Trab zu halten.

Schwarze Schafe in der Überzahl

Von den bislang 15 geborenen Lämmern ist nur eines weiß! Und wir machen uns gleich daran, den jungen „Exoten“ in der Herde zu suchen. Gut getarnt im Schnee liegend, hat der Schäfer es schon fast intuitiv aufgespürt. „Wir wundern uns über die große Anzahl der schwarzen Lämmer,“ grinst Stefan, während er es behutsam hochnimmt, „schließlich ist der Bock auch weiß.“ Überrascht über die interessante Erbfolge entdecken wir noch ein ungewöhnliches Herdenmitglied:

Rot-Braun getigert hat sich noch ein anderer, schnurrender Gefährte der Schafherde angeschlossen: Ein wilder Kater, der der wolligen Sippe im Frühling sogar zum Parabluiberg folgt. Im Winter wird er nicht selten beim Kuscheln mit einem Schaf erwischt (Nein, der Kater ist nicht schwarz). Denn, mitgefangen, mitgehangen – die Herde ist das ganze Jahr über draußen! „Erfroren ist bei uns noch keines“, lacht Stefan, als er in unsere besorgten Gesichter blickt. „In den ersten Stunden der Geburt bette ich die Frischgeborenen allerdings auf etwas Stroh, damit sie nicht am Boden anfrieren.“ Ansonsten wärmt das Lanolin im Wollvlies die Wiederkäuer durch die kalte Jahreszeit hindurch.

Bis ins Frühjahr mit der Schneeschmelze stapft die Herde nun am Hof der Familie Hirsch und teilt sich das Gehege noch mit zwei Hasen und 250 Hühnern, die Überbleibsel von ehemaligen Zuchttieren. Nicht selten werden diese – unfreiwillig – zu den Spielgefährten der Lämmer auserkoren: „Nachdem die Kleinen ein paar Tage alt sind, sind sie schon richtige Lauser,“ erzählt Stefan. Und just in diesem Moment stellt sich ein Lamm auf die Hinterhufe und boxt zwei Hühner. Mit dem großartigen Foto im Kasten und den vielen interessanten Geschichten im Gepäck lassen wir die „Herde der Namenlosen“, die bald wieder im Auftrag des Naturschutzes grast, unter sich. Bis zum Frühling, wenn der Nachwuchs vollzählig ist und die Schur auf dem Programm steht: Dann werden wir Familie Hirsch und Großfamilie Schaf einen weiteren Besuch abstatten.

 

Text: Stephanie Fischer
Fotos: Alex Papis


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