Herbst: Die Schafe verlassen die Weide

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Biss für Biss für die Artenvielfalt. Den ganzen Sommer über hat eine Schafherde den Halbtrockenrasen am Parapluiberg im Weinviertel beweidet, damit Orchidee und Schmetterling (über-) leben können. Jetzt, wo im Herbst das Summen und Flattern verstummt, haben die malmenden Saisonarbeiter ihre Arbeit getan und gehen nun – nicht ganz freiwillig – zurück zum Hof der Familie Hirsch.

Stefan Hirsch wird gerade gerügt. Seine Mutter will wissen, warum das Auto „so ausschaut“. Ganz einfach: Stefan hat ein Schaf darin transportiert. Stefan Hirsch ist Schafbauer und weiß was er tut. Bei seiner letzten Visite auf der Wiese am Parapluiberg, dem Sommerdomizil seiner rund 20„auserwählten“ Schafe (die Temperamentvollen mussten am Hof bleiben), kam ihm das Verhalten des dreizehn Jahre alten Schafes etwas seltsam vor. „Es hat mich so komisch angeschaut“, erzählt er. „Da hab’ ich es in den Kofferraum gesetzt und mit heimgenommen, um es besser im Auge zu haben“.

Zu Hause, das ist ein Hof im westlichen Weinviertel nahe Retz mit einem großen Stall und Freigehege für die rund 250 Hühner der Familie Hirsch und einer weitläufigen Wiese für Stefans Schafe. Die Wiese war über die vergangenen Sommermonate allerdings etwas verwaist. Denn auf dem Parapluiberg gab es Arbeit zu tun für die wolligen Merinos, die Schwarzkopf- und Waldschafe. Der Trockenrasen auf dem Berg drohte zu verbuschen und verwildern: Kein Platz also für seltene Pflanzen- und Tierarten. Das Beweiden der Wiese durch die Schafe ist eine natürliche Art, dem Zwergsauerampfer oder der Besenheide mitsamt Rosenkäfern und Heidelerche wieder einen Lebensraum zu bieten.

Es kann natürlich etwas dauern, bis sich die Natur erholt hat. Für insgesamt drei Jahre lässt Stefan seine Schafe deswegen von Mai bis Oktober auf dem Parapluiberg weiden. Er wird sie täglich besuchen, ihnen jedes Mal rund 75 Liter Wasser bringen, sie einfangen, wenn sie ab und zu ausbüchsen und dann auf der Wiese bei der nahegelegenen Windmühle grasen.

Ein Leben mit Schafen

Angefangen hat alles vor 17 Jahren. Stefan wollte unbedingt Schafe haben. Also besorgten seine Eltern, eigentlich spezialisiert auf Gänse-, Enten- und Hühnerzucht, Mecki und Blacky. Nachdem zwei Schafe irgendwann nicht mehr genug waren, kam ein Schafbock dazu und fünf Monate darauf Lämmchen Willi auf die Welt. Familie Hirsch musste Willi mit der Flasche aufziehen, weil seine Mutter ihn nicht annahm. Keine Seltenheit bei der ersten Geburt. Viele weitere Lämmer folgten – Schafe bekommen nach rund 170 Tagen meist Zwillinge, manchmal auch Drillinge – und Stefan kaufte weitere Schafe zu. Heute zählt seine Herde 80 Tiere, 200 sollen es irgendwann sein. Willi war übrigens das letzte Tier, das einen Namen bekam. Denn als Schafbauer züchtet man die Tiere natürlich, um sie irgendwann an einen Schlachter zu verkaufen. Und das fällt einem nicht leichter, wenn man ihnen Namen gibt, wie Stefans Mutter uns erzählt. Glauben wir sofort.

Überhaupt ist die Schafzucht nichts für schwache Nerven. Stefan erzählt ganz nebenbei vom Pansenstich: „Wenn ein Schaf zu viel frisches Gras frisst, bläht sich der Magen und es kann sterben. Dann hilft nur noch ein gezielter Stich in den Pansen, um es zu retten“, sagt er. Und wenn ein Schaf nach links umfällt, hat es ziemlich sicher einen Herzfehler. Nach diesen Geschichten wollen wir ein bisschen Erfreulicheres hören und die Schafe persönlich kennenlernen und sehen, wo sie den Sommer über verbracht haben.

Das Streiken der Lämmer

Jetzt im Herbst ist es für die grasenden Landschaftspfleger an der Zeit, sich wieder zurück auf den heimatlichen Hof zu machen. Am Weg zum Parapluiberg wird noch ein kleiner Stopp eingelegt. Beim „Marterl in der Kurve“, sagt Stefans Mutter Elisabeth, „dürfen wir uns im Weingarten der Nachbarn ein paar Trauben holen“. Dann geht es schließlich ans Einfangen der ersten Schafe, die nun mit dem Anhänger in mehreren Fuhren zurück zum Hof gebracht werden sollen. Es wird der letzte, richtig sommerliche Tag in diesem Jahr sein, und die Schafe geben ihr Sommerdomizil nicht so einfach auf. Sie in den Anhänger zu befördern, soll zu einer etwas schweißtreibenden Angelegenheit werden. 

Die Tiere haben über die letzten Monate jedenfalls ganze Arbeit geleistet. Auf dem Halbtrockenrasen ist jetzt wieder genug Licht und Raum für verschiedene Gräser- und Kräutersorten und für die Hauswurz, die nach einem Regenguss so schön aufgeht, wie uns Frau Hirsch noch beim abschließenden Familienmittagessen erzählt. Und wir hören auch noch ein paar Geschichten vom Leben am Hof, von der Aufzucht der Lämmer und wie schwer es manchmal ist, sich von ihnen zu trennen. „Aber das ist eben so“, sagt Stefan, bevor er sich nochmals auf den Weg zum Parapluiberg macht, um seine Schafe für den kommenden Winter nach Hause zu holen. Im Jänner wird es neue Lämmchen geben.

Der Jahreszyklus dreht sich:

Winter: Finde das weiße Lamm

Frühling: Schafe scheren – wenn es der Wolle an den Kragen geht

Sommer: Im Schafsgalopp auf die Weide

 

Blühendes Österreich unterstützt die Familie Hirsch und die wolligen Landschaftspfleger beim Erhalt des wertvollen Halbtrockenrasens am Parapluiberg bei Retz.

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