Eine Landschaft für Spezialisten
Die Hundsheimer Berge sind Österreichs östlichstes Bergland. Sie erheben sich zwischen Wiener Becken und ungarischer Tiefebene über die pannonische Landschaft.
Seltene Pflanzen wie die Hainburger Federnelke, Adriatische Riemenzunge oder die Pannonische Küchenschelle gedeihen auf Kalkfelsen und Steppenrasen. Neben der bedrohten Falterart Berghexe, finden Sägeschrecken und Ziesel einen Lebensraum vor, der in Mitteleuropa einzigartig ist.
Doch wo früher Rinder und Schafe grasten, breiten sich heute ohne aktiver Beweidung Sträucher und Gehölze aus. Lichtliebende Pflanzen und damit flatternde und summende Bestäuber drohten zu verschwinden. Was als unberührte, wilde Natur erscheint, führt in Wirklichkeit zum Verlust von artenreichen Lebensräumen, mitsamt seltener Pflanzen und Tiere. Dagegen hilft Beweidung mit Rinder.
Aufschwung für die Artenvielfalt
Naturschutzfachliche Beweidung mit Rindern hat Biss: Anders als Schafe fressen sie weniger selektiv. Sie halten Flächen offen, entfilzen mit ihren Hufen verwachsene Bodenstellen und verhindern, dass sich dichte Schichten aus totem Gras bilden – für sensible Pflanzen wird so das Überleben gesichert.
Denn zahlreiche Pflanzen brauchen Licht und Platz zum Keimen. Vom Aussterben bedrohte Schmetterlingsarten wie die Berghexe, unzählige Wildbienenarten und andere Insekten sind wiederum auf genau diese Pflanzen spezialisiert. Selbst der Dung der Rinder kurbelt einen Kreislauf an: Käfer, Larven und Mikroorganismen nutzen ihn als Nahrung – und werden wiederum zur Lebensgrundlage für Vögel und andere Tiere.
Geplante Schilder sollen bald Interessierte über den wichtigen Einsatz für den Erhalt des Naturjuwels am Hundsheimer- und Spitzerberg informieren.
Viel Handarbeit für Geduldige
Bis die Tiere tatsächlich auf die Weiden konnten, war allerdings monatelange Vorbereitung nötig. Zäune, Wasserleitungen und Tränken werden in einem Gelände errichtet, das kaum mit Fahrzeugen erreichbar ist. „Die Umsetzung ist sehr herausfordernd, weil das Gebiet extrem uneben ist und die Zauntrassen nicht befahren werden können“, erzählt Bio-Bauer Prantl. „Am Ende war fast alles Handarbeit.“
Eine Herde als Hoffnungsträger
Für Bürgermeister Johann Köck aus Prellenkirchen reicht die Bedeutung des Projekts weit über die Beweidung hinaus. „Der Trockenrasen gehört zur Identität unserer Region“, sagt er. „Diese Landschaft mit ihrer besonderen Flora und Fauna zu erhalten, ist auch eine Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.“
Naturschutzfachliche Wiederbeweidung braucht einen langen Atem: Erste Erfolge werden oft erst nach Jahren sichtbar. Sie ist ein komplexes System: Wie lange Tiere auf den Flächen bleiben, wann beweidet wird und wie intensiv, all das muss präzise abgestimmt werden. Denn hinter der Rinderherde steht ein starkes Netzwerk: Gemeinden, Schutzgebietsbetreuung des Landes NÖ, Naturschutzorganisationen, Landwirtschaft, Stiftungen und Regionalentwicklung arbeiten hier an einem Strang, um diesen Hotspot der biologischer Vielfalt zu schützen und zu fördern.
Was die Berghexe braucht
Die ersten, die von der Rückkehr der schweren Weidetiere profitieren, sind kaum größer als ein Daumennagel. Dungkäfer rollen frische Kugeln durch den staubigen Boden. Auf offenen Erdstellen kriechen Wildbienen in neue Brutgänge. Und dort, wo Hufe die verfilzte Grasdecke aufbrechen, können wieder seltene Pflanzen keimen, denen das Licht zum Aufblühen fehlt.
Ein artenreicher Trockenrasen verschwindet leise. Was in den Hundsheimer Bergen jetzt beginnt, ist der Versuch, diesen Prozess umzukehren — nicht mit großen Maschinen, sondern mit Geduld, Handarbeit und einer Herde Rinder, die einfach das tut, was Rinder seit Jahrtausenden tun. Ob sich die Berghexe im Gebiet weiter ausbreitet und damit stellvertretend für viele andere gefährdete Arten zurückkehrt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Über das LEADER-Projekt
Die bedeutendsten Trockenrasenflächen des Spitzerbergs und der Hundsheimer Berge befinden sich seit den 1970er-Jahren im gemeinsamen Eigentum des WWF Österreich und der Gemeinde Hundsheim. Weitere Flächen sind in Privatbesitz. Die Betreuung und Verwaltung erfolgen in Kooperation mit der Schutzgebietsbetreuung Büro VINCA im Auftrag des Landes Niederösterreich.
Das Projekt wird durch LEADER Römerland Carnuntum, die Gemeinden Hundsheim und Prellenkirchen, das Land Niederösterreich, den WWF Österreich sowie durch Pfandspenden von Blühendes Österreich – BILLA gemeinnützige Privatstiftung finanziert. Die Umsetzung erfolgt gemeinsam mit allen Projektpartnern sowie Biolandwirt Georg Prantl. Ziel ist es, die wertvollen Trockenrasenflächen langfristig zu erhalten und naturschutzfachlich weiterzuentwickeln.
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Pfand fürs Land
Wiederbeweidung Europaschutzgebiet Spitzerberg, Niederösterreich