Die Salzlacken im Seewinkel zählen zu den außergewöhnlichsten Lebensräumen Europas. Mal liegen die Salzflächen trocken und weiß in der Sonne, dann füllen sie sich nach Regen mit Wasser und wirken wie flache Seen.
Nur hoch spezialisierte Arten überleben hier: Watvögel waten durch die seichten Lacken, Urzeitkrebse schlüpfen nach Regen aus jahrzehntealten Eiern, Salz-Aster, Salz-Melde und die stark gefährdete Zwerg-Mandel gedeihen in Salz und Trockenheit. Doch dieses fragile Naturwunder verschwindet. In den vergangenen 150 Jahren sind rund 80 Prozent der Salzlacken verloren gegangen. Sinkende Grundwasserspiegel, extensive Landwirtschaft, lange Dürreperioden und invasive Pflanzen setzen den letzten Salzlandschaften Europas stark zu.
Genau hier wollte das Jugendnetzwerk GYBN Austria im Rahmen des Changemaker #nature-Fördercalls von Blühendes Österreich ansetzen: mit einem Pflegeeinsatz gegen invasive Mähnengerste. Doch das Hochwasser 2024 stellte plötzlich alles auf den Kopf. Als die Mitglieder im Frühjahr zur Sodalacke zurückkehrten, war ihr geplanter Einsatzort kaum wiederzuerkennen. Dort, wo Monate zuvor trockene, bedrohte Flächen lagen, stand nun Wasser. „Auf einmal war klar: Unser Plan ergibt so keinen Sinn mehr, die Mähnengerste wurde vom Hochwasser selbst verdrängt“, erzählt Julia Balasch, Obfrau des Österreichischen Jugendbiodiversitätsnetzwerks GYBN Austria.
Wochenlange Vorbereitung schien hinfällig. Absagen kam trotzdem nicht infrage. Das Team musste neu denken.
Mit Sägen gegen die Verbuschung
Nach der unerwarteten Planänderung fanden die jungen Naturschützer:innen gemeinsam mit dem Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel rasch eine neue, dringliche Aufgabe: Rund um die Lange Lacke rückten sie der invasiven Ölweide zu Leibe, die die offenen Salzlandschaften zunehmend überwuchert.
Mit Astscheren, Sägen und viel Einsatzkraft entfernten die Freiwilligen die dichten Sträucher, um seltenen Arten wieder Raum zu geben. Denn die empfindlichen Sodalacken leiden nicht nur unter Dürre und sinkendem Grundwasserspiegel, sondern auch unter Pflanzen, die die offenen Flächen langsam verdrängen. Unterstützung kam auch von BILLA: Das Team der BILLA Plus Filiale Neusiedl am See versorgte die Helfer:innen beim Einsatz.
Lange blieb es jedoch nicht bei diesem einen Pflegeeinsatz.
Schilf in Flammen
Im Frühjahr 2026 brannte es nördlich von Illmitz. Schilf- und Wiesenflächen standen in Flammen. Zwischen verkohltem Schilf tauchten dann plötzlich alte Metallteile, Dosen und Schrott auf – Dinge, die jahrelang unter dichtem Bewuchs verborgen gelegen hatten. „Nach dem Brand war plötzlich sichtbar, wie viel dort eigentlich entsorgt worden war“, erzählt Balasch.
Gemeinsam mit dem Nationalpark organisierte GYBN Austria deshalb kurzfristig einen weiteren Einsatz. Freiwillige sammelten Altmetall und Abfälle aus den sensiblen Flächen, räumten verbrannte Bereiche frei und trugen Müll aus der Landschaft, der dort teils über Jahre verborgen gelegen hatte.
Zwischen schwarzer Erde und ersten grünen Trieben wurde dabei etwas deutlich, das ursprünglich gar nicht Teil des Projekts gewesen war: wie schnell aus einzelnen Einsätzen dauerhafte Zusammenarbeit entstehen kann.
Wenn Engagement weitere Kreise zieht
Für GYBN Austria endet Naturschutz nicht am Rand einer Lacke. Aus einem ursprünglich gescheiterten Pflegeeinsatz entstand ein wachsendes Netzwerk junger Menschen, die Biodiversität nicht nur diskutieren, sondern praktisch mitgestalten. Gemeinsam mit dem Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel entstanden neue Pflegeeinsätze und Kooperationen mit anderen Changemakern von Blühendes Österreich – etwa mit OrtoLandschaftspflege oder Ökocampus Wien. „Was mit einem Projekt begonnen hat, ist zu einem starken Netzwerk für Biodiversität geworden“, sagt Julia Balasch.
GYBN Austria organisiert zudem nicht nur Pflegeeinsätze, sondern auch Konferenzen und Weiterbildungen rund um Biodiversität. Junge Menschen aus Wissenschaft, Umweltbildung, Kunst und Kultur bringen ihre Perspektiven ein – und tragen den Naturschutz weit über die Salzlacken hinaus.
Die Sodalacken des Seewinkels bleiben empfindliche Lebensräume. Dürreperioden, invasive Arten und menschliche Eingriffe setzen ihnen weiter zu. Doch die vergangenen Jahre haben auch gezeigt: Nach Hochwasser, Feuer oder Trockenheit stehen wieder junge Menschen mit Handschuhen, Sägen und Gummistiefeln in der Landschaft. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke solcher Projekte: Naturschutz verläuft nicht nach Plan. Er entsteht dort, wo Menschen bereit sind, auf eine Landschaft zu reagieren, die ständig in Bewegung ist.
Mehr Infos zum Projekt.
Dieses Projekt wird durch den Biodiversitätsfonds des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft gefördert, die NextGenerationEU und von Blühendes Österreich - BILLA gemeinnützige Privatstiftung kofinanziert.