Nach 60 Jahren verändern Rinder das Landschaftsbild am Hundsheimer- und Spitzenberg mit dem Ziel, den Europas Hotspot für Schmetterlinge wieder aufleben zu lassen.

Eine Landschaft für Spezialisten

Die Hundsheimer Berge sind Österreichs östlichstes Bergland. Sie erheben sich zwischen Wiener Becken und ungarischer Tiefebene über die pannonische Landschaft.

Zwischen Kalkfelsen und Steppenrasen wachsen seltene Pflanzen wie die Hainburger Federnelke oder die Pannonische Küchenschelle. Neben der bedrohten Falterart Berghexe, finden Sägeschrecken und Ziesel einen Lebensraum vor, der in Mitteleuropa einzigartig ist. 

Doch wo früher Schafe grasten, breiten sich heute Sträucher und Gehölze aus. Lichtliebende Pflanzen verschwanden zuerst, danach flatternde und summende Bestäuber. Was als unberührte, wilde Natur erscheint, führt in Wirklichkeit zum Verlust hoch spezialisierter Lebensräume und mit ihnen seltene Tiere und Pflanzen. Dagegen helfen nun Rinder.

Mehr Schwung für die Vielfalt

Naturschutzfachliche Beweidung mit Rindern hat Biss: Anders als Schafe fressen sie weniger selektiv. Sie halten Flächen offen, entfilzen mit ihren Hufen verwachsene Bodenstellen und verhindern, dass sich dichte Grasschichten bilden – für sensible Arten des Trockenrasens wird das zur Überlebensfrage.

Denn zahlreiche Pflanzen brauchen Licht und Platz zum Keimen. Viele Insekten wiederum sind auf genau diese Pflanzen spezialisiert. Selbst der Dung der Rinder kurbelt einen Kreislauf an: Käfer, Larven und Mikroorganismen nutzen ihn als Nahrung – und werden wiederum zur Lebensgrundlage für Vögel und andere Tiere.

Die ersten, die von der Rückkehr der schweren Weidetiere profitieren, sind kaum größer als ein Daumennagel. Dungkäfer rollen frische Kugeln durch den staubigen Boden. Zwischen offenen Erdstellen kriechen Wildbienen in neue Brutgänge. Und dort, wo Hufe die verfilzte Grasdecke aufbrechen, können wieder seltene Pflanzen keimen, denen das Licht zum Aufblühen fehlte.

Dass nach 60 Jahren wieder Rinder auf den Flächen grasen, hat sich schon herumgesprochen: Schilder informieren Interessierte über den wichtigen Einsatz für den Erhalt des Naturjuwels am Hundsheimer- und Spitzerberg.

Viel Handarbeit für Geduldige

Bis die Tiere tatsächlich auf die Weiden konnten, war allerdings monatelange Vorbereitung nötig. Zäune, Wasserleitungen und Tränken mussten in einem Gelände errichtet werden, das kaum mit Fahrzeugen erreichbar ist. „Die Umsetzung ist sehr herausfordernd, weil das Gebiet extrem uneben ist und die Zauntrassen nicht befahren werden können“, erzählt Bio-Bauer Prantl. „Am Ende war fast alles Handarbeit.“

Eine Herde als Hoffnungsträger

Für Bürgermeister Josef Köck aus Prellenkirchen reicht die Bedeutung des Projekts weit über die Beweidung hinaus. „Der Trockenrasen gehört zur Identität unserer Region“, sagt er. „Diese Landschaft mit ihrer besonderen Flora und Fauna zu erhalten, ist auch eine Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.“

Ob die Wiederbeweidung langfristig Erfolg hat, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Naturschutzfachliche Beweidung ist ein komplexes System: Wie lange Tiere auf den Flächen bleiben, wann beweidet wird und wie intensiv, all das muss präzise abgestimmt werden. Denn hinter der Rinderherde steht eine andere Herde: Gemeinden, Naturschutzorganisationen, Landwirtschaft, Stiftungen und Regionalentwicklung arbeiten hier gemeinsam daran, diese einmaligen Inseln an biologischer Vielfalt zu schützen und zu fördern.

Was die Berghexe braucht

Eine artenreicher Trockenrasen stirbt leise. Zuerst stehlen Büsche und Gehölze das Licht.  Pflanzen verschwinden, mit ihnen die Tiere. Was in den Hundsheimer Bergen jetzt beginnt, ist der Versuch, diesen Prozess umzukehren — nicht mit großen Maschinen, sondern mit Geduld, Handarbeit und einer Herde Rinder, die einfach das tut, was Rinder seit Jahrtausenden tun. Ob die Berghexe stellvertretend für andere gefährdete Arten in großer Zahl zurückkommt, wird die Zeit zeigen. Dass man es versucht, ist schon ein Anfang.

 

Über das LEADER-Projekt 

Die bedeutendsten Trockenrasen des  Hundsheimer Berges befinden sich seit den 1970er-Jahren im gemeinsamen Eigentum des WWF Österreich mit der Gemeinde Hundsheim und werden in Kooperation mit der Schutzgebietsbetreuung Büro VINCA (im Auftrag des Landes NÖ) verwaltet. Das Projekt wird durch “LEADER Römerland Carnuntum” zu 60 Prozent gefördert und erfolgt in Zusammenarbeit mit dem WWF Österreich, der Gemeinde Hundsheim, der Marktgemeinde Prellenkirchen, der Naturschutz Beweidung KG, und wird unterstützt von Blühendes Österreich – BILLA gemeinnützige Privatstiftung und der Abteilung für Naturschutz des Landes NÖ. Ziel ist es, die wertvollen Flächen langfristig zu schützen und nachhaltig weiterzuentwickeln.

Amtsschimmel oder wilder Hengst?

Wilder Hengst! Dann bist du auf Österreichs größter Plattform für Naturerlebnisse genau richtig.

Jetzt registrieren

Verwandte Naturerlebnisse