Bergwiesen und Almen: 5 Gründe warum wir sie pflegen müssen

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Steil, steiler, am steilsten präsentieren sich viele unserer Bergwiesen und Almen in den Alpen. Sie zu bewirtschaften ist harte Arbeit, schweißtreibend und zum Teil durchaus gefährlich. Warum sollte man also seine Tiere so hoch in die Berge schicken oder Steilflächen heute noch mähen, wo doch im Tal genug Wiesen stehen, auf denen Heu oder Silage produziert werden kann? Wir nennen dir fünf gute Gründe, warum den Almen, den Bergwiesen und dem Bergwiesenheu besondere Bedeutung zukommt.

 

1 Erhalt des Landschaftsbildes

Wie schön ist es doch, auf einer Wanderung aus dem Wald heraus zu treten und die bunten Almwiesen vor sich zu haben. Hier ist es sonnig, der Blick schweift weit über die Hänge, auf die gegenüberliegenden Gipfel oder ins Tal. Insekten summen und brummen, die Kühe liegen zufrieden und wiederkäuend zwischen den Almblumen. Die Alm lockt mit selbst gemachten Produkten – Bergkäse, Milch und Butter auf ofenfrischem Brot.

Ja, so stellt man sich das vor, aber die Idylle ist selten geworden.

Die Leistung echter Senner ist enorm, die Tage sind lang und die Arbeit körperlich sehr anstrengend. Dazu kommen strenge Hygienevorschriften und gewerberechtliche Auflagen, im Besonderen in der Direktvermarktung. Wer tut sich das noch an?

Aufgelassene Almen sind allerdings für den Sommertourismus fatal. Die idyllische Landschaft verändert sich, wächst zu, Ausblicke verschwinden hinter Bäumen. Bilder, die das Tourismusmarketing befeuern und eine entsprechende Erwartungshaltung erwecken, sind schließlich in der Realität nicht mehr vorhanden. Aus diesem Grund haben bewirtschaftete Almen auch einen gesellschaftlich hohen Stellenwert für Erholung und Entspannung, sanften Tourismus und regionale Wertschöpfung.

Übrigens, um die Alm als Alm zu stärken, gibt es sogar einen Alminspektor.

2 Förderung der Artenvielfalt

 Unsere Almen sind ein Produkt einer Jahrhunderte alten Kulturlandschaft. In Zeiten, als die Selbstversorgung noch vorrangiges Ziel war, wurde jeder Quadratmeter Land äußerst sorgfältig genutzt. So wurden im Sommer die Talregionen und die warmen Sonnenhänge für den Getreideanbau genutzt, während das Vieh auf die Almen getrieben wurde – meist in einer Stufenwirtschaft, wie dies z.B. im Biosphärenpark Großes Walsertal auch heute noch praktiziert wird.

Die kleinstrukturierte Berglandwirtschaft, der mosaikartige Wechsel von Wald, Wiese, Alm, Getreideflächen, unterschiedlichen Schnittzeiten und Anbauformen, schufen zahlreiche Nischen für eine große Anzahl von Tier- und Pflanzenarten. Vor allem das Offenhalten der Almflächen begünstigte die Artenvielfalt in einer Zone, wo sonst Wald und damit auch weniger Arten, zu finden wären. Je größer die Artenvielfalt desto besser greifen die Zahnräder des Ökosystems ineinander, desto stabiler ist es und desto besser kann es auf Veränderungen – z.B. Klimawandel – reagieren. Projekte zur Rettung der Almwiesen stehen daher auch bei uns hoch im Kurs und brachten der Sektion Leogang des Österreichischen Alpenvereins erst kürzlich „Die Brennessel“, den größten heimischen Naturschutzpreis, ein.

Gepflegte Almfläche (c) Ch Schwann

3 Sicherung vor Naturgefahren

Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeographie am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, stellt in seinem Buch „Zwischen Wildnis und Freizeitpark – Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen“, Rotpunktverlag 2015, die provokante Frage, ob der Mensch der Natur weichen solle? Ob es nicht egal wäre, Almen und Bergwiesen sich selbst zu überlassen, weder das Vieh aufzutreiben noch zu mähen? Was würde passieren? Die Flächen würden nach und nach verbuschen, der Bergwald würde sie sich zurückholen, zumindest bis an die Baumgrenze. Ein natürlicher Vorgang, der allerdings eine ganze Menge an Veränderung mit sich bringt.

Vor allem in der Zwischenzeit, also in der Zeit von einem stabilen System (gepflegte Kulturlandschaft, Weide und Mahd) zum nächsten (Bergwald) hätten wir es mit einer instabilen Phase zu tun, in der es vermehrt zu Hangrutschungen, Lawinenabgängen und Muren kommen könnte. Warum? Weil unter anderem das lange, ungeschnittene Gras als perfekter Rutschuntergrund dient, Schnee daran anfriert und im Falle eines Lawinenabganges gleich die ganze Grasnarbe mittreißt.

Um die Almflächen zu erhalten, kannst auch du mitarbeiten, z.B. im Rahmen eines Bergwaldprojektes des Alpenvereins.

Auch die Initiativen von Landwirt und Schäfer Thoma Schranz, ebenfalls ein Gewinner der Brennessel, im Tiroler Oberland gehen in diese Richtung – und sogar noch ein Stück weiter: Herdenmanagement lautet sein Schlagwort. Im Beitrag „Warum es den Schäfer braucht“ erläutert er im Detail, um was es dabei geht.

Heumilch-Produkte (c) Ch Schwann

4 Produktion gesunder Lebensmittel

Heu von bester Qualität – noch dazu auf steilen Hängen – zu erzeugen ist aufwendig und verlangt einiges an Wissen. Schließlich sollen die Halme nicht zu stark gebrochen werden, Blätter nicht gänzlich abfallen, der Schnittzeitpunkt muss weise gewählt und das Wetter im Auge behalten werden. Das Heu muss zudem gut trocknen können, am besten in der Sonne am Boden, auf Stangen gehängt oder gut belüftet in der Scheune. Ziemlich jedes Alpental zeigt hier seine regionsspezifischen Methoden, die sich über die Jahrhunderte bewährt haben.

In der normalen – im Flachland anzutreffenden – Landwirtschaft haben große, schwere Maschinen die Handarbeit praktisch zur Gänze ersetzt. Vor rund 25 Jahren folgte dann der Siegeszug der Silage, ein Gärungsprozess, der das Gras haltbar macht.

Studien zeigen allerdings, dass die Silage zwar eine praktische Erfindung, aber bei weitem nicht das Gelbe vom Ei ist. Tatsächlich konnte nachgewiesen werden, dass Heumilch ein ernährungsphysiologisch günstigeres Fettsäurespektrum aufweist und daher gesünder ist.

Eine besondere Bedeutung kommt dem Heu – vor allem hochwertigem Bergwiesenheu – in der Käseproduktion zu. In der Silagemilch finden sich hohe Keimzahlen an Clostridien, Listerien und Bazillen, die die Käseherstellung hemmen. Aus Bergwiesenheumilch hingegen kann gänzlich ohne Zusätze bester Käse hergestellt werden, was auch beim Kunden voll im Trend liegt.

Die 2003 gegründete ARGE Heumilch hat es sich zum Ziel gesetzt, das Image der Heubauern wieder zu verbessern und der Silage mit einem durchdachten Marketing entgegen zu wirken. Denn unbestritten hat mit der Silage – man bedenke, dass im Jahr 2010 nur mehr 15 % der heimischen Bauern gänzlich ohne Silage wirtschafteten – auch die Artenvielfalt drastisch abgenommen. Die Wiesen werden stärker gedüngt, früher und häufiger gemäht. Die Pflanzen kommen gar nicht mehr zum Aussamen. Auch viele Tiere traditionell bewirtschafteter Wiesen haben mit dem Silieren ein großes Problem. Blütenbesucher finden oft keine Blüten mehr, Pflanzenfresser verlieren bei jeder Mahd auf einen Schlag ihr Futter und die Lebensraumstrukturen.

Das Mosaik aus zeitlich unterschiedlich geschnittenen Wiesen verschwindet zunehmend und mit ihm die Artenvielfalt.

Die ARGE Heumilch fördert Bauern, die nur reine Heumilch produzieren, ohne Kunstdünger auskommen und sich verpflichten, Biodiversitätsflächen zu bewirtschaften. Vor allem Bergbauern profitieren von der Marke „Heumilch“, mit der sie sich auf dem Markt besser behaupten können. Sie erzielen fairere Preise und liefern ein regionales und ehrliches Produkt, das Wertschätzung und Wertschöpfung erntet.

Blumenvielfalt im Valsertal (c) Ch Schwann

5 Große Nachfrage nach gutem Heu

Bergwiesenheu ist aufgrund seiner artenreichen Zusammensetzung aber nicht nur für Milchkühe besonders gesund. Pferde sind beispielsweise sehr wählerisch und sollten aufgrund ihres empfindlichen Verdauungssystems ausreichend bestes, duftendes Heu bekommen. Da das Reiten in Österreich einen regelrechten Boom erlebt, bieten Pferdeställe ein nicht unerhebliches Abnehmerpotential für gutes Heu.

Auch in der Rotwildfütterung wird ausschließlich auf bestes Heu – meist auch nur der erste Schnitt – gesetzt. Selbiges gilt, wenn auch nicht in gleichem Mengenausmaß, für die Kleintierhaltung – Hasen, Meerschweinchen und Co – sie alle lieben Bergwiesenheu und das lässt sich im Zoofachmarkt zu horrenden Preisen verkaufen.

Bergwiesenheu riecht zudem wunderbar und soll eine tiefe, regenerierende Wirkung auf den Körper haben. Hochpreisige Hotels bieten Heubäder, Heuwickel und Nächte im Bergwiesenheu für ihre Gäste an.

Selbst die Mahd, das Sensen der steilen Wiesen, lässt sich touristisch vermarkten, wie ein Pilotprojekt im Tiroler Oberland zeigt, bei dem Gäste einen Tag „Erlebnis Heumahd“ buchen können.

Aber ganz egal, was auch immer aus dem Bergwiesenheu entsteht – eines steht fest: Die Pflege der alpinen Natur- und Kulturlandschaft hat eine essentielle Bedeutung für die Erhaltung der Artenvielfalt, der Sicherung vor Naturgefahren, der Stärkung alter Traditionen und der regionalen Wertschöpfung. Ziele, die Österreich ohnehin aufgrund des Berglandwirtschaftsprotokolls der Alpenkonvention umzusetzen hat. (Autorin Christina Schwann)


Aktiv werden:

Wenn du Lust hast, dich mit feinstem Bergwiesenheu zu umgeben und gleichzeitig ein altes Handwerk erlernen möchtest, dann komm am 8. September 2018 in den Biosphärenpark Großes Walsertal, wo du aus frischem Walserheu Körbe flechten kannst.

Wann: Samstag, 8. September 2018, 9:30 bis 13.00 Uhr

Wo: Biosphärenparkhaus, Gr. Walsertal, Vorarlberg

Mehr Infos.


 

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