Im 18. Jh. zu horrenden Preisen und unter teils skurrilen Verfolgungsjagden gehandelt, ist die nachtaktive Schönheit heute in ihrer Raupenform ganz unspektakulär zu finden:

Bärige Vielfalt

56 (!) Bärenarten sind aktuell aus Österreich bekannt, und das ohne den großen Namensvetter, den Braunbären. Die Rede ist hier von den viel kleineren, aber teilweise umso bunteren Schmetterlingen aus der Gruppe der Bärenspinner.

Augsburger Bär und Brauner Bär, Schönbär und Russischer Bär sind besonders prächtige Beispiele, ihre bunten Farben zeigen eines auf: Vorsicht ich bin giftig!

Namensgebend ist für alle Bärenarten jedoch die starke Behaarung der Raupen. Sie schützt, wenigstens manchmal, vor Fressfeinden wie Schlupfwespen, aber auch vor Vögeln, ist jedoch völlig ungiftig und vorsichtiges Streicheln durchaus ungefährlich. Dem mit Sicherheit berühmtesten Bären unter den Schmetterlingen ist dieser Artikel gewidmet: dem Alpenbären alias Engadiner Bär. 

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Engadiner Bär Raupe

Blaue Mauritius der Schmetterlinge

Um 1770 züchtete Hortensia von Salis [was für ein klingender Name], die Schwester des damaligen Schlossherren von Marschlins in Graubünden, aus einer unbekannten Raupe einen erstaunlichen Falter. Auch wenn zuerst nur eine ungewöhnliche Form des Braunen Bären diskutiert wurde, so sprachen die Indizien eindeutig für eine spektakuläre, neue Art. 

Es war Johann Caspar Fuessly vorbehalten, diese erstmals zu beschreiben und zu benennen, die Taufstunde des Engadiner Bären (Arctia flavia). Mit dem Wiederfund 1849 nahe St. Moritz und dem Geschäftssinn eines Augsburger Lepidopterologen (Schmetterlingskundler) setzte ein reger und geradezu skurriler Handel mit dem Tier ein. Astronomische Preise von 50.- Schweizer Franken pro Exemplar – der damals durchschnittliche Quartalslohn – machten den Händler reich. Um sein Monopol halten zu können, versuchte er bei seinen Reisen in die Schweiz mögliche Verfolger durch mehrfachen Wechsel der Kleidung abzuschütteln. Erst unter dem Einfluss von Alkohol konnte ihm das wertvolle Geheimnis entlockt werden. 

Über Generationen zog die geheimnisumwitterte Art geradezu magisch Schmetterlingssammler an, deren abstruses „Jagdverhalten“ von Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse im Essay „Der Alpenbär“ vortrefflich beschrieben wurde.

Heute ist der Bär glücklicherweise nicht mehr Sammelobjekt, hat aber umgekehrt von seiner Faszination nichts verloren.

Nachtaktive Schönheit im Scheinwerferlicht

Mit bis zu acht Zentimeter Flügelspannweite, schwarzen und weiß gebänderten Vorderflügeln, leuchtend gelben und schwarz gefleckten Hinterflügeln, sowie roten Streifen am Hinterleib ist der Alpenbär ein spektakulärer Falter. 

Trotzdem wird er kaum beobachtet, denn Lebensraum und Lebensweise machen ihn zu einem mystischen Tier. Wer kommt schon auf die Idee in einer Gletschermoräne oder im Schuttbereich um etwa 2.500 m Seehöhe nach Schmetterlingen zu suchen und das gar in der Nacht? Die vereinzelten Forscher und Forscherinnen, die hier versuchen mit Kunstlicht die Art zu erheben, brauchen in der Tat einen langen Atem. 

Hauptflugzeit der Art ist weit nach Mitternacht, meistens erst in den frühen Morgenstunden. Die kurze Flugzeit von etwa zwei Wochen trägt dazu bei, dass der Falter wenig gefunden wird. Dank des Einsatzes einer automatischen Lichtfalle (sie arbeitet die ganze Nacht und ermöglicht den Forschern Ruhepausen) hatte der Autor und die äußerst aktive Schmetterlingapp-Userin Monika Klocker Ende Juli 2020 das seltene Glück, einen Falter bewundern und ablichten zu dürfen.

Etwas einfacher ist der Nachweis der Art über die Raupe. Nach der Eiablage zwischen Mitte Juli und spätestens Ende August schlüpfen aus den gut unter Steinen versteckten Eispiegeln die Raupen. Sie fressen zuerst die Eischale und ernähren sich in Folge wahllos von allem was grün ist – selbst Flechten werden zur Not genommen. 

Nach dreimaliger Häutung überwintert die Jungraupe und nutzt den drauf folgenden Sommer, um die Entwicklung im Optimalfall weitgehend zu beenden und sich nach nochmaliger Überwinterung zu verpuppen. Nicht alle Raupen schaffen das und sind dann gezwungen, ein drittes Mal zu überwintern. 

Die Verpuppung erfolgt wiederum unter Steinen und zwar in einem charakteristischen doppelten Gespinst. Sowohl die nachtaktiven Raupen als auch Puppen bzw. leere Gespinste können durch vorsichtiges Umdrehen (und wieder zurücklegen!) von Steinen jederzeit gefunden werden.

Sibirischer Bär?

Egal ob Alpenbär oder Engadiner Bär, korrekter wäre eigentlich Sibirischer Bär, denn die Art ist in Sibirien viel weiter verbreitet und häufig. Letzte Zweifel, ob es sich um ein und dieselbe Art handelt, ließen sich anlässlich einer Expedition in das Altai-Gebirge beseitigen.

Tiere aus Sibirien stimmen genetisch völlig mit alpinen Exemplaren überein. Es ist anzunehmen, dass der Alpenbär nach der letzten Kaltperiode von Osten eingewandert ist und das ehemalige riesige Verbreitungsgebiet als Folge der nacheiszeitlichen Klimaänderung zerstückelt wurde. Alpenbären sind somit wahrscheinlich alte Relikte aus Asien. 

Die aktuelle Verbreitung ist auch in den Alpen nur noch kleinräumig und beschränkt sich auf die Zentralalpen Österreichs, der Schweiz, Italiens und Frankreichs. In den Kalkalpen fehlt die Art hingegen. 

Aus Österreich sind nur relativ wenige Vorkommen zwischen Silvretta im Westen und Hohen Tauern im Osten bekannt. Da die Verbreitungsgebiete meistens zwischen 2.200 und knapp 3.000 m liegen, ist keine unmittelbare Gefährdung abzusehen, ausgenommen die Unabwägbarkeiten der Klimaänderung.

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Engadiner Bär

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