Was bewegt Wildgänse dazu in Scharen und in eigenartigen Formationen am Himmel über dem Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel zu fliegen? Der Gänsestrich natürlich. Wir haben uns rund um ihre Raststätte umgesehen und wollten herausfinden, was dieser Gänsestrich überhaupt ist.

 

Insofern man kein Experte ist, lässt einen der Titel der heutigen Veranstaltung etwas ratlos zurück. „Der Gänsestrich“, steht hier und insbesondere der zweite Teil des Titels löst bei mir viele Fragen aus: Heißt das, dass die Gänse in einer Linie schwimmen werden? Oder, dass sie in ihren Formationen den Himmel füllen und schwarz erscheinen lassen?

Etwa 50 Interessierte jeden Alters haben sich heute, ein paar Tage vor dem ersten Schnee des Jahres (jedoch schon mit entsprechendem Temperaturen), vor dem Infozentrum des Nationalparks Neusiedler See Seewinkel versammelt. Der Gänsestrich, so erfahren wir noch vor unserem Aufbruch, bezeichnet ein Phänomen, bei dem Gänse, die im Nationalpark leben oder aus dem hohen Norden gekommen sind, in Linien am Himmel zu sehen sind. Über größere Distanzen, fliegen sie in der typischen V-artigen Formation.

Im Rahmen eines Projektes werden die Gänse dabei auch jährlich gezählt. Heute soll das auch bestimmen, wo wir genau hinfahren. Es heißt also flexibel sein.

Generell befinden wir uns beim zweitgrößten Schilfgürtels Europas in einer flachen, steppenartigen Zone. Diese ist jedoch zum Teil nur sekundär, also durch menschlichen Einfluss entstanden.  Hier, fernab der nicht-begehbaren Bewahrungszone und am Rande einer Salzlacke, versuchen wir heute unser Glück.

 

Image

Schnattern in der Ferne

Während die Exkursionsleiter Josef und Flora noch die ersten allgemeinen Informationen zu Nationalpark und Gänsen preisgeben, hört man in der Ferne schon das Schnattern der Protagonisten des heutigen Nachmittags. Ihr Aufenthalt im Nationalpark hat verschiedene Motivationen: Da sind einerseits die Graugänse mit ihrem rosa Schnabel, von denen 1200 Brutpaare meist das ganze Jahr im Nationalpark bleiben. Anders sieht es um die Blässgänse aus, die ihre charakteristische weiße Blässe im Gesicht tragen. Die Art, die man zu dieser Jahreszeit am häufigsten hier antrifft. Sie sind mehrheitlich aus Sibirien angeflogen und nützen Wasserflächen im Schilfgürtel als Rastplatz und Schutz vor Füchsen oder Adlern. In Glücksfällen kann man auch Zwerggänse oder Rothalsgänse beobachten. Ebenfalls Gäste aus dem hohen Norden. Insgesamt ergibt sich so eine gewaltige Zahl: Bis zu 40.000 bis 50.000 Gänse werden hier, auf der Raststation ihrer Zugstrecke, jedes Jahr gezählt.

Doch wieso tun sie sich das überhaupt an? Blickt man in die bibbernden Gesichter der Besucher, liegt die Antwort nahe. Jedoch ist es nicht primär die Kälte, die sie das winterliche Weite suchen lässt. Denn durch ihre Füße und einer speziellen Struktur der Blutgefäße sind sie eigentlich an die Kälte gut angepasst. Die Arterien bilden mit den aus den Füßen aufsteigenden Venen eine Art Gegenstrom-Wärmeaustausch. Das Blut in den Venen übernimmt die Wärme des absteigenden, arteriellen Bluts und wir sozusagen vorgewärmt, bevor es in den Körper zurückfließt, erklären die Exkursionsleiter. Eine notwendige Anpassung, um nicht zu erfrieren.

Endlich wird uns auch die Definition des Gänsestrichs klarer!

Vielmehr sind es die Nahrungsquellen, die den Vögeln im hohen Norden fehlen. Endlich wird uns auch die Definition des Gänsestrichs klarer: Bei Sonnenaufgang fliegt der Gänsetrupp auf umliegende Felder, um gewohnt vegetarisch Gras, Körner oder übrig gebliebene Feldfrüchte mit ihrem mit Lamellen versehrten Schnabel zu picken. Beim sich jetzt schon nähernden Sonnenuntergang geht es wieder zurück. Geflogen wird in Gruppen aus verschiedenen Arten, bei längeren Strecken sind aber Familienverbände unterwegs.

Striche am Himmel

Immer wieder sieht man nun solche „Striche“ in der Ferne. Ein Trupp zieht am Himmel vorbei, oft auch in V-Formation. „Das hilft um Energie zu sparen“, sagt Josef. Auch kommt einem sofort das Phänomen der Schwarmintelligenz in den Kopf, welches bis heute noch nicht ausreichend erklärbar ist. In der Welt der Ornithologie bleibt es weiter ein Mysterium und eine der ungelösten Fragen der Vogelwelt – ebenso wie die genauen Mechanismen der Navigation während des Vogelzugs, wie Josef anmerkt.

Um dem weiter auf den Grund zu gehen, hat man dieses Jahr zum ersten Mal auch 16 der Gänse mit einem Sender versehen. Mit Hilfe einer App namens animal tracker kann jeder und jede so den Weg der Tiere genau nachverfolgen. So sehen wir, dass „Johanna“ (wie eine der Gänse getauft wurde) vor kurzem in den Norden Deutschlands und dann in den Seewinkel geflogen ist. „Viele der Gänse haben einen extra Mauserplatz und überwintern später bei uns“, erklärt Josef, „da kommt dann schon einiges an Kilometern zusammen.“

Eine andere Gans befindet sich gerade an der bosnisch-kroatischen Grenze.

Eine der Fragen, die die Besenderung beantworten soll, lautet auch, wie weit und ob die Gänse überhaupt noch ziehen. So bleiben viele Graugänse zum Beispiel auch vermehrt über den Winter im Nationalpark, manche ziehen weiter nach Süd- oder Osteuropa. Früher seien viele der Tiere bis nach Nordafrika weitergeflogen. Die Vermutung ist jedoch, dass es sich für die Vögel nicht mehr auszahlt, sich der Gefahr über dem Meer auszusetzen. Denn auch hier finden sie mittlerweile aufgrund von längeren Vegetationsperioden und geringerer Schneedecke genügend Nahrung. Durch höhere Temperaturen und weniger frostige Tage bleiben die Gewässer oft eisfrei – ein weiterer Vorteil.

Durch das Spektiv, das in die andere Richtung gerichtet ist, erkennt man nun auch gut einen Trupp an Blässgänsen, auch wenn sie sich – für Kenner - schon vor dem Blick durch das Fernglas mit ihrem Geschnatter verraten haben. Der Nachwuchs ist mittlerweile schon groß und nur schwer von den anderen Tieren zu unterscheiden. Blässgänse brüten nicht hier, zeigen aber ein ähnlich interessantes Sozialverhalten wie die Graugänse.

Image

„Hauptsache nicht single“

So war schon Konrad Lorenz, der Begründer der Verhaltensbiologie auf die markanten „Familienaufstellungen“ der Gänse – vor allem der Graugänse - aufmerksam geworden. Prinzipiell leben diese in einer monogamen Dauerehe. Jedoch keineswegs zu 100 Prozent. Vater und Mutter Gans kümmern sich zwar beide um den Nachwuchs, jedoch sind sie nur während deren Aufzucht strikt monogam. Der Grundsatz? „Hauptsache nicht single“, sagt Josef grinsend. Einzelgänger werden nämlich vom Rest der Gruppe weggebissen.

Während wir auf weitere vorbeiziehende Striche warten, erklären die beiden Exkursionsleiter auch die verschiedenen Gesten der Gänse. Hals im rechten Winkel, Schnabel geradeaus, aufrechter Stand? Das heißt Aufmerksamkeit. „Entweder lauert Gefahr, oder es stimmt was innerhalb der Gruppe nicht“, so Josef.  Auch kann der Hals nach vorne gerichtet sein. Ist das von aufgeregtem Schnattern begleitet, will die Gans einfach nur grüßen. Pfaucht sie jedoch, kann man sich denken, dass das nicht das beste Zeichen ist. Auch stolz und Verliebt-sein drücken die Gänse durch ihre Körperhaltung aus.

Vielsagende Blicke werden in der Runde ausgetauscht: So komplex haben sich viele das Leben der Gänse vermutlich nicht vorgestellt. Auch wenn wir das Verhalten heute nicht im Detail beobachten können, reichen die Bilder, die sie erzeugen, wenn sie beinahe kitschig im Sonnenuntergang über das Wasser fliegen. (Autorin: Katharina Kropshofer)

Aktiv werden!

Finde die passende Veranstaltung zum Thema Vögel oder Neusiedler See in unserem Naturkalender!

Verwandte Lexikon Artikel

die brennnessel 2019

Große Brennnessel

Blumen & Gräser
Das Jucken auf unserer Haut, verursacht durch ihre mit langen Brennhaaren besetzte Nesselblätter, kennen wir nur zu gut. Aber kaum eine Pflanze ist so vielseitig verwendbar wie die Große Brennnessel.
Große Brennnessel
Saatkraehe im Flug

Saatkrähe

Vögel
Die Saatkrähe gehört zur Familie der Rabenvögel und ist mit den Aaskrähen verwandt.
Saatkrähe
Edelkastanie

Edelkastanie

Bäume & Sträucher
Im Herbst gehört sie einfach dazu, die "Maroni", aber was die Edelkastanie abgesehen von ihrer Frucht noch zu bieten hat erfährst du hier.
Edelkastanie

Verwandte Naturerlebnisse

Berge lesen

Berge lesen

11. Dez. Ab 18:00 |
Steiermark
Icon Pin_brown

Johnsbach 65
Johnsbach 8912
Österreich

Johnsbach, 8912

Veranstalter: Nationalpark Gesäuse GmbH

Literatur im Wirtshaus
Auf Initiative der Alpenkonvention feiern viele Orte in den Alpen den Tag der Berge mit alpiner Kultur und alpiner Literatur. Im Gesäuse heißt das: ein fröhlicher Vorleseabend im Wirtshaus! Die Besucher/-innen selbst lesen eigene oder fremde Texte vor, bringen ein Gedicht oder singen ein Lied. Auch nur Zuhören ist erlaubt.

Anmeldung nicht erforderlich

Treffpunkt: 19:00 Gasthof Kölblwirt in Johnsbach 65

Dies soll kein Abend im Sinne einer Lesung sein - es geht im Grunde einfach darum, zusammenzusitzen, zu plaudern und im Zuge dessen andere an eigenen Lieblingstexten teilhaben zu lassen - oder auch, ein Lied zu singen, ein Gedicht zu bringen... Immer wieder kommt einem ein Absatz oder eine Stelle unter, die einen berührt, oder anspornt, oder was auch immer. Vielleicht denken andere gleich. Vielleicht erhält man einen Denkanstoß. Oder man läßt sich einfach nur berieseln. Lockere Atmosphäre, mal ein paar Zeilen hier, mal ein Absatz da, so könnte der Abend aussehen.

Wir freuen uns auch über jeden buchlosen Zuhörer - Vorlesen ist nicht Muß, man kann auch nur als Genießer kommen!

Hintergrund:

„Berge lesen“ wurde erstmals vom Deutschen Vorsitz der Alpenkonvention 2015-1016 und dem Ständigen Sekretariat ins Leben gerufen, um den International Tag der Berge 2015 zu feiern. Die Idee ist es, Veranstaltungen an vielen unterschiedlichen Orten rund um die Alpen zu initiieren, die der Lesung moderner Alpenliteratur gewidmet sind. Kerntag ist der Internationale Tag der Berge, der jedes Jahr am 11. Dezember gefeiert wird. Das "Berge lesen Festival" ermutigt das Feiern von kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten in den Alpen und verbindet gleichzeitig Berge und Kunst.

Im ersten Jahr wurden bereits an die 100 Veranstaltungen organisiert, in allen Alpenländern, in den vier Alpensprachen und vielen Dialekten. Und dieses Jahr sind auch wir im Gesäuse ein Teil davon.

Berge lesen Der Fährte folgen
Schauplatz Natur Klimawandel

Schauplatz Natur: Der Klimawandel und die Steiermark 2019

12. Dez. Ab 17:00 |
Steiermark
Icon Pin_brown

Joanneumsviertel
Graz 8010
Österreich

Graz, 8010

Veranstalter: Naturkundemuseum Universalmuseum Joanneum

Kuratiert von: Michael Pinter und Markus RieserTreffpunkt: Foyer und Auditorium Joanneumsviertel
Kosten: Eintritt frei

Seine Folgen sind bereits spürbar und in der wissenschaftlichen Literatur unbestritten – die Rede ist vom Klimawandel. Im Rahmen der Reihe „Schauplatz Natur“ nimmt sich das Naturkundemuseum dieses Themas an.

Gemeinsam mit Expertinnen und Experten wichtiger Forschungsinstitutionen sowie mit der Stadt Graz und dem Land Steiermark soll diese globale Entwicklung speziell auf die Auswirkungen für Graz und die Steiermark beleuchtet werden. Das Naturkundemuseum wird dabei zum Ort für Information, Austausch und Aufklärung.

Auch Fragen aus der Bevölkerung werden hier beantwortet. Was ist hier in Zukunft zu erwarten und wie eröffnen sich Chancen bei rechtzeitigem Handeln?

Schauplatz Natur: Der Klimawandel und die Steiermark 2019 Der Fährte folgen
13 WanderungAbsamMax

Geführte Wanderung Absam: Die Jagd zur Zeit Maximilian I. - Weidmanns Heil!

13. Dez. Ab 08:00 |
Tirol
Icon Pin_brown

Absam 6067
Österreich

Absam, 6067

Veranstalter: Tourismusverband Region Hall-Wattens

Besonders an dieser Wanderung ist die atemberaubendeBergkulisse des größten Naturparks Österreichs, des Karwendelgebirges. Erfahren Sie viel Wissenswertes zu Flora
und Fauna im Allgemeinen und der Jagd im späten Mittelalter
bzw. der Neuzeit im Speziellen. Das Kaiser-Max-Gedenkjahr steht
ganz im Zeichen Maximilian I. und seiner Bedeutung für Jagd und
Fischerei. Mit etwas Glück lassen sich auf dem wildromantischen Steig Gämsen, Steinböcke und Steinadler beobachten. Ein unvergessliches Erlebnis, Natur pur! Für Gäste kostenlos!
Dauer: ca. 5 Stunden
Treffpunkt: Parkplatz Halltal, Absam
Normaltarif: EUR 10,– pro Person
Mindestteilnehmerzahl: 2 Personen
Anmeldung: bis Donnerstag 18.00 Uhr im Tourismusbüro Hall
Bergschuhe, wetterfeste Kleidung und Proviant (Getränke!)
unbedingt erforderlich!

Geführte Wanderung Absam: Die Jagd zur Zeit Maximilian I. - Weidmanns Heil! Der Fährte folgen