Ökotourismus im Schilf: Beobachtung, Bewunderung, Bedrohung

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(c) Katharina Kropshofer

Im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel findet sich ein seltener Lebensraum: die zweitgrößte Schilffläche Europas. Doch das Schilf und seine Bewohner sind bedroht – auch von uns als Besucher im Rahmen eines Ökotourismus. Unsere Autorin erzählt von ihren Erlebnissen zwischen den Halmen und den Denkanstößen, die sie dort bekommen hat:

„Je länger man hier steht, desto mehr sieht man“, sagt Barbara Kofler und deutet auch schon auf die nächste Art, die sich aus dem Schilf erhebt. Es ist ein Silberreiher, der gemächlich über die Halme zieht, wie die Exkursionsleiterin des Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel sofort an dem weißen, fast glänzenden Körper erkennt.

Wie ein Fenster in eine andere Welt wirkt die kleine Ausblickshütte, die mit Hilfe eines Stegs, der mitten ins Schilf führt, erreichbar ist. Und tatsächlich: meine Augen, die sich wie an die Dunkelheit, nun an die wiederkehrenden Muster des Schilfmeers gewöhnt haben, sehen nach einigen Minuten plötzlich mehr. Viel mehr: da ist die Gruppe an Bartmeisen, die sich mit ihren kleinen Füßen an das obere Ende der Halme klammern und so dem Schilf eine weitere Schattierung hinzufügen. Oder der Haubentaucher, der sich gut getarnt am Rande eines prominenten Schilfbüschels sein Nest gebaut hat und nun auf das Schlüpfen seiner Jungen wartet.

„Je länger man hier steht, desto mehr sieht man“

Eines wird schnell klar: der Schilfgürtel mag zwar nur aus einer Pflanzenart besteht, aber der Lebensraum ist alles andere als monoton. Neben den Vögeln finden sich auch zahlreiche Insekten, Fische und Säugetiere. „Vielleicht könnte man aber auch sagen, dass sich gerade deswegen so viele Vögel dort aufhalten“, sagt Kofler. Die Eigenschaften des Grases lassen eine Einteilung und Zonierung des Gebietes auf mehreren Ebenen zu. So formt das unterschiedliche Alter der Halme und die Strukturierung des Röhrichts eine Vielzahl verschiedener kleiner Lebensräume innerhalb des großen Schilfgürtels.

Exkursionsleiterin Barbara Kofler demonstriert den Lotuseffekt auf den Schilfblättern (c) Victoria Werner

Verschobene Brutflächen

350 Vogelarten gibt es im Nationalpark, etwa 150 brüten hier. Ein Kiebitz, der meist auf den Wiesen am Rande des Schilfgürtels brütet, stolziert hier, am zweiten Aussichtspunkt vorbei. Die sogenannte Warmblutkoppel wird auf einer Seite vom Schilf, auf der anderen durch Kulturland begrenzt, wo Weideflächen die weitere Ausbreitung der Pflanze aufhalten sollen. Auch wenn die Weideflächen nicht unbedingt eine natürliche Fläche sind, sondern stark vom Menschen beeinflusst, sind sie notwendig, um Arten wie den Kiebitz zu schützen.

Aber wir sind nicht nur zum Beobachten hier. Eine Diskussion über die Bedrohung des Lebensraums dringt beinah gleichermaßen in den Vordergrund, wie die Lachmöwen, die in ihren großen Scharen die Sicht auf viel seltenere Arten verbieten. Denn das Schilf, viele seiner Bewohner, und insbesondere die Salzlacken, die sich am Rande des Schilfgebiets befinden, haben schon bessere Zeiten gesehen. Nehmen wir den Silberreiher. Er ist einer der Vögel, der so wie der Kiebitz regelmäßig hier brütet. Doch von den etwa 800 Brutpaaren waren letztes Jahr nur mehr etwa die Hälfte da, erzählt Barbara Kofler. Der Bestand anderer Arten, wie der Mariskensänger oder der des Kleinen Sumpfhuhns haben in den letzten 20 Jahren dramatisch abgenommen. Ihre Anzahl schwindet mit dem Verlust ihres Lebensraums, ihre Jagd- und Brutflächen sind stark vom Wasserstand abhängig. Der See ist in seiner Geschichte schon mehrfach ausgetrocknet und der Wasserstand kann innerhalb eines Jahres abhängig vom Niederschlag stark fluktuieren. Aber das Gebiet wurde für die Landwirtschaft und Besiedlung der Region oft großräumig entwässert, wodurch ehemalige Sumpfgebiete verschwinden und der Grundwasserpegel sinkt.

Beunruhigend wird es auch beim sogenannten Lackensterben. Salzlacken sind sensible Lebensräume, die vom Grundwasserspiegel in der Region abhängig sind und einen Lebensraum für viele seltene Arten bietet. „Man kann sich das wie bei einem Schwamm vorstellen: wenn nicht genug Grundwasser da ist, saugt er sich nicht voll genug, um Wasser an die Oberfläche zu leiten. Der Salztransport aus dem Boden hängt mit diesem Mindestniveau des Grundwasserspiegels zusammen“, beschreibt Kofler die Lage. Flache Gewässer, die nicht durch Salz gespeist sind, können dann schnell zu einer Wiese werden.

Der neue Steg führt auf eine Ausblicksplattform mitten im Schilf (c) Katharina Kropshofer

Ein fragiler Lebensraum

Schon auf der Hinfahrt, vorbei an den urbaneren Orten Neusiedl am See oder Podersdorf, kommt man nicht um den Gedanken herum, dass am Neusiedler See zwei Welten aufeinander prallen. Naturschutz hat hier die höchste Priorität, aber diese besondere, schützenswerte Natur sorgt gleichzeitig auch für eine Anziehungskraft. Es herrscht ein wahrhaftiger Bauboom. Im Gespräch mit Victoria Werner, einer Biologin, die in diesem Gebiet arbeitet und auch an der Exkursion teilnimmt, ergeben sich die Paradoxa der Situation: die Menschen wollen die Natur und Stille, ziehen raus aus der Stadt, kaufen ein Haus am Neusiedler See, und leisten dadurch auch einen Beitrag zur Zerstörung der natürlichen Landschaft. Denn die umfangreichen Bauprojekte können die natürlichen Lebensräume durch Lärm oder hohen Wasserverbrauch stören.

Langsam ist es Zeit, wieder an den Rückweg zu denken. Auf der Straße, die von der Schilffläche zum Infozentrum der Station führt, liegt eine überfahrene Schlange. „Das passiert andauernd“, sagt Kofler. Die Fragilität des Lebensraums, die Rolle der Menschen und BesucherInnen, die vermeidliche Vorherrschaft über die Natur – all das sind Fragen, die mir nun nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie bringen mich zurück ins Informationszentrum des Nationalparks. Ich bin hier um mit Alois Lang zu sprechen. Er ist Mitarbeiter im Nationalpark und koordiniert dort den Bereich Ökotourismus und internationale Zusammenarbeit. Denn auch Ökotourismus und Wissensvermittlung gehören zu den Aufgaben eines Nationalparks. Ohne diesen Bildungsauftrag, wäre die heutige Exkursion gar nicht erst möglich gewesen.

Der Nationalpark als Fleckerlteppich

Doch wie kann man diese Arbeit machen, sodass man hier eine Balance zwischen naturbelassenem Raum und Werbung für attraktive Angebote findet? Und wie bestimmt man überhaupt was geschützt wird und was nicht? „Die Frage, was schützenswert ist, stellt sich nicht, sondern welche Flächen man für Naturschutzzwecke bekommt und ob das leistbar ist“, sagt Alois Lang. Die Flächen des Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel, der von den MitarbeiterInnen liebevoll als ‚Fleckerlteppich’ bezeichnet wird, sind alle gepachtet. Und auch viele Flächen in unmittelbarer Nachbarschaft, seien genauso wertvoll. Die BesitzerInnen wollen sie jedoch nicht immer verpachten oder verkaufen und es scheint, als würden die verschiedenen Interessen einmal mehr weit auseinander liegen.

Was die BesucherInnen angeht, spricht Lang von einer Bewusstseinsspaltung. Klar, der Nationalpark selbst zieht nur noch weitere TouristInnen an, aber viele würden mit falschen Erwartungen kommen: „Viele Leute kommen mit Bildern im Kopf hier her, die sie aus Naturdokus kennen. Das ist von den normalen Abläufen in der Natur oft weit entfernt.“ Für den Nationalpark wird deswegen eine Sache groß geschrieben: „Je besser die Vorinformation ist, desto weniger Defizite gibt es dann vor Ort.“

„Man muss den Leuten ehrlich kommen und sagen: Naturerlebnis lasst sich nicht beschleunigen.“

Brutgebiete, die sich verschieben, einzigartige, schutzbedürftige Flächen, die wichtiger Lebensraum und Raststation für viele Arten sind. Alles Dinge, deren Bewältigung zu den Aufgaben eines Nationalparks gehören. Was ist es also, das man als BesucherInnen machen kann? Wie kann man die Natur so genießen, dass auch das Bewusstsein in den Vordergrund kommt und nicht nur auf der Ebene der Sensation bleibt? Alois Lang sieht die Sache pragmatisch: „Man muss den Leuten ehrlich kommen und sagen: Naturerlebnis lasst sich nicht beschleunigen.“ Nur so könne man es schaffen, dass der Besuch im Nationalpark über eine Art Sightseeing hinausgeht und die Gäste mit einem anderen Bewusstsein nach Hause gehen.

Und plötzlich macht das frühe Aufstehen, das ruhige Warten, und der Verweis darauf, dass man mehr sieht, je länger man beobachtet, umso mehr Sinn. Wer schützen will, muss sich Zeit nehmen und auf die Natur einlassen. Wer verantwortungsvoll Handeln will, muss seine eigenen Handlungen hinterfragen. Was damit einhergeht ist nicht nur ein respektvoller Umgang mit kostbaren Lebensräumen und ein neues Wissen über viele Arten und ihre Ökologie. Es ist auch eine innere Entschleunigung und Wertschätzung, die ganz unbewusst stattgefunden hat. Wer hätte gedacht, dass im Schilf so viele Lebensweisheiten stecken?  (Autorin: Katharina Kropshofer)


Den Lebensraum Schilf kann man auch weiterhin auf Exkursionen entdecken. Zum Beispiel am Freitag, den 27. Juli. Wer sich über das Thema Naturschutz und Ökotourismus gedanken macht, kann im November im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel dazu diskutieren.


 

Jede Lacke ein Erlebnis: Blühendes Österreich für mehr Biodiversität im Seewinkel

Gottes Gnadenkraut, Gottesanbeterin oder Großtrappe: Um den Neusiedler See verbergen sich Schätze der Vielfalt, die es aufgrund ihres Lebensraumverlusts zu bewahren gilt. Mit dem Naturschutzprogramm FLORA (Förderung von LandwirtInnen und Organisationen zur Rettung unserer Artenvielfalt) von Blühendes Österreich werden seit 2015 Ackerbrachen und Wiesen sowie aufgelassene Weingärten mit reicher Biodiversität wachgeküsst.

Insgesamt soll ein Mosaik an “Ökowertflächen” im Ausmaß von 31 Hektar revitalisiert werden. Finanziert wird dieses Vorhaben durch den Verkauf von Produkten der Marken „Da komm´ ich her!“, „MERKUR Immer grün“, „Ich bin Österreich“, „bi good“, sowie „Wegenstein“. Ein Cent pro verkauftem Produkt fließt direkt in die regionalen Naturschutzprojekte von Blühendes Österreich.

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