Das gesammelte Regenwasser ist aufgebraucht. Gepflanzte Hecken und Bäume werden mit der Gießkanne gegossen. Man rettet, was man kann. Die Hitze und historische Trockenheit bringen Tiere, Pflanzen und Menschen ans Limit, die ihre Landwirtschaft und Naturräume bewahren wollen.
Auch die junge „Vielfaltsoase Atzenbrugg“ sitzt auf dem Trockenen. Mit fünf Schulen und dutzenden Freiwilligen als Arche für die Natur geschaffen, kämpft das Gewinnerprojekt von Blühende Gemeinden heute gegen den Dürresommer.
Ein Sommer, der an die Substanz geht
Folgert Duit wirkt gehetzt und besorgt zugleich: „Wir sind hauptsächlich damit beschäftigt, die Hecken und Bäume in unserem Garten zu gießen. Diese Trockenheit ist unglaublich bedrohlich, das Wasser geht überall aus. Es ist kein unbeschwerter Sommer.“ Dennoch bleibt ein Funken Hoffnung: „Ich hoffe sehr, dass bald wieder Regen kommt und sich die Tonnen füllen.“
Vom ausgedienten Acker zur Arche der Biodiversität
Die gleiche Sorge begleitet die Vielfaltsoase Atzenbrugg. Das Naturjuwel soll als Zufluchtsort für gefährdete Arten wie Feldhamster oder Rebhuhn in einer intensiv genutzten Agrarregion dienen – eine Idee, die auch die Förderung des Calls „Blühende Gemeinden“ von Blühendes Österreich sicherte.
Doch wie kam es überhaupt zum ausgedienten Acker in Atzenbrugg? „Ein Vater aus unserem Waldkindergarten kam auf mich zu: Er hatte einen konventionell bewirtschafteten Acker geerbt und wollte etwas Nachhaltiges daraus machen. Die Idee einer Vielfaltsoase hat ihm sofort gefallen“, erzählt Duit. Gemeinsam mit Gertraud Grabherr vom Verein FUER Königstetten wurde das Konzept weiterentwickelt.
Nur die Distanz fordert ihren Preis: Atzenbrugg liegt rund 20 Kilometer vom Verein Naturheilraum entfernt. Wer ohne Auto unterwegs ist, nimmt den Zug und steigt aufs Rad um. „Das ist eine Lehre für künftige Projekte“, reflektiert Duit. „Wir müssen näher an unserer Basis bleiben – erst recht, wenn extreme Wetterbedingungen herrschen.“ Doch zum Glück bewässert der Besitzer die Vielfaltsoase so oft er nur kann.
Sechs Schulen angefragt, fünf sagten zu
Schon im Herbst und Frühling davor organisierte das Team den Demeter-Landwirt H. Feichtinger fürs Grubbern, Eggen und die Vorbereitung des Saatbeets und besorgte Sand und Steine über die Firma Gnant und Astmaterial für Benjeshecken vom Maschinenring. Dazu fragte Duit sechs reformpädagogische Schulen aus der Region an. Fünf sagten zu:
- Neue Wege (Greifenstein)
- Freiraum (Kritzendorf)
- Kreamont (St. Andrä-Wördern)
- MuWi-Schule (Muckendorf-Wipfing)
- Ich bin Ich (Heiligeneich)
Eine Vielfaltsoase in nur 2 Tagen
Im März 2026 gab es den Spatenstich: Auf dem fast 300 Meter langen, nur 7 Meter breiten Ackerstreifen durfte jede Schule sich aussuchen, welches Habitat sie umsetzen möchte – Käferburg, Sandarium, Steinhaufen, Benjeshecke, Pflanzungen. An zwei Projekttagen waren 120 Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrerinnen vor Ort, das Material schon angeliefert, die Stimmung super.
Für die Käferburg gruben die Kinder 80 Zentimeter tiefe Löcher für Totholz-Baumstämme von Biobauer Feichtinger.
Am nächsten Tag pflanzten Freiwillige der Initiativen „FUER Königstetten“ und „Naturheilraum“ rund 100 vorgezogene Sträucher. Zudem errichteten sie aus Baumschnitt des Maschinenrings an beiden Enden des Ackers Benjeshecken, um den Bereich vor freilaufenden Hunden zu schützen. Ein benachbarter Landwirt unterstützte die Aktion und stellte Wasserkanister zum Gießen bereit.
Anfang April brachte das Team schließlich das eigens für den Standort ausgewählte Saatgut von Rewisa aus – eine Mischung aus rund 35 bis 40 Wildpflanzenarten.
Der Rückschlag: Dünger statt Regen
Wie die Fläche heute, im August 2026 aussieht? „Ehrlich gesagt: traurig. Seit Ende März hat es dort praktisch nicht geregnet – einmal ein Gewitter, aber kein echter Regen. Der Boden ist tief ausgetrocknet, aufgegangen ist eigentlich nur, was schon im Boden war: vor allem Melde,” bedauert Duit.
Dazu kam etwas Unerwartetes: Die Landwirte neben der Fläche haben vor der Maisaussaat breitwürfig Mineraldünger ausgebracht – auch über unseren gesamten Ackerstreifen. „Das sah aus wie mit Hagelkörnern bedeckt. Für unsere Mischung, extra für magere Standorte ausgesucht, ist das denkbar ungünstig."
Was trotzdem wächst
Ganz verloren ist die Hoffnung nicht. Denn drei Gründe geben Zuversicht: Erste Kornraden sind trotz allem schon aufgegangen, die standortgemäßen Heckensträucher leben fast alle noch und das wertvolle Saatgut lebt noch.
„Ich habe mit dem Saatgutspezialisten Harald Schau von Rewisa gesprochen: Die Mischung ist genau darauf ausgelegt, auf einen Impulsregen zu warten, bevor sie keimt. Die 35, 40 Arten haben unterschiedliche Keimzeiten, vieles kommt wohl erst nächstes Jahr,” prognostiziert Duit.
Um die Heckensträucher kümmert sich regelmäßig Familie Egretzberger, Duit selbst fährt mit Gertraud Grabherr etwa einmal im Monat hin. Nur das geplante Feldbuch der Schule „Ich bin Ich” ruht in den Ferien, und wird im September wieder aktiviert.
Ein Schild für eine bildhafte Vorschau
Der Ackerstreifen liegt an zwei stark frequentierten Spazierwegen direkt am Ortszentrum von Atzenbrugg. Viele Bürgerinnen und Bürger sind vorbeigekommen, haben sich interessiert und gefreut – insgesamt sehr positives Feedback. Die Infotafeln hat die Künstlerin Gertrud Birgfellner mit Aquarellen gestaltet, die Texte stammen von der Biologin Gertraud Grabherr.
Von der Umwelt zur wachsenden Mitwelt
Trotz Dürre und Dünger blickt Duit nach vorn. Ein Ende der Rekordhitze und Trockenheit ist in Sicht. Im Herbst folgen die „Mitmachtage", ein Symposium mit dem Biologen Martin Grassberger, auch mit dem Ziel, weitere „Mitweltoasen" zu entwickeln.
Ein Gedanke, der über der trockenen Oase schwebt: Eine Wiese aus Melde und vertrockneten Maisrändern ist keine gescheiterte Wiese, sondern eine wartende. Vierzig Pflanzenarten liegen im Boden und warten auf den einen Regen, der alles verändert. „Ich bin zuversichtlich, dass diese Fläche irgendwann aufblüht – und eine Oase wird, die weitere Oasen verbindet", sagt Duit. Bis dahin bleibt nur: weitergießen, weiterwarten, der Natur vertrauen.
Über Blühende Gemeinden
Mit „Blühende Gemeinden" unterstützt die BILLA Stiftung Blühendes Österreich gemeinsam mit Partnern Gemeinden dabei, neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen. Insgesamt stehen dafür 250.000 Euro an Fördermitteln zur Verfügung. Ausgezeichnet werden Projekte, die Artenvielfalt fördern, Menschen einbinden und Naturschutz langfristig in der Gemeinde verankern.