Die Wildkatzen sind zurück! Aber wie leben sie und wieso sind sie überhaupt ausgestorben? All diese Dinge erfahrt man bei der Wildkatzen-Nachtwanderung im Nationalpark Thayatal:

 

Ein süßlicher Geruch geht von dem kleinen Gefäß aus, das der Nationalpark-Ranger  Bernhard Schedlmayer in die Runde gibt. Holzig, ein wenig wie Hustensaft. Intensiv, aber nicht unbedingt unangenehm: der Duft von Baldrian. Während das Heilkraut für den Menschen eine beruhigende Wirkung hat, bewirkt es bei einem anderen Tier eher das Gegenteil: Kater verwechseln den Pflanzenduft mit einem Sexualhormon, das dem Geruch von rollig Katzen ähneln soll. Es wird beschrieben, dass sie sich wild auf dem Boden wälzen, sobald Baldrian-Geruch in ihre Nasenlöcher strömt.

Im Nationalpark Thayatal hat das Extrakt des Baldrian-Strauchs deswegen eine ganz besondere Aufgabe. Es soll die dämmerungs- und nachtaktiven Wildkatzen anlocken, die dort seit einigen Jahren wieder zu finden sind und auf deren Spur wir uns bei der heutigen Nachtwanderung begeben.

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Auf den Spuren eines Mythos

Mit seinen 13,3 Quadratkilometern ist der niederösterreichische Nationalpark an der Grenze zu Tschechien zwar der kleinste Nationalpark Österreichs, dennoch findet man hier die Hälfte aller in Österreich vorkommenden Pflanzenarten. Und eben auch Wildkatzen. Zwei von ihnen leben in einem 400 Quadratmeter großen Gehege, das sich rund um und sogar unter das Nationalparkhaus erstreckt. Draußen auf den Nationalparkflächen wurden bis jetzt 14 Wildkatzen nachgewiesen. Kann es sein, dass die seit den 50-er Jahren als ausgestorben geglaubte Wildkatze wieder ihren Weg nach Österreich gefunden hatte?

Alles begann mit einem Foto, das 2003 an den Nationalpark gelangte, erzählt Schedlmayer. Ein Naturfotograf hatte gesehen, wie sich eine untypisch aussehende Katze bei Dämmerung auf einen Baum flüchtete. Es folgten weitere Beobachtungen, bis der Nationalpark 2006 ein Projekt startete um der Frage systematischer auf den Grund zu gehen.

Zurück ins Nationalparkhaus: Die Kinder sitzen im Kreis am Boden und hören der Theorie zu, um später im Gelände mehr entdecken und erkennen zu können. Jedoch bleiben wir nicht lange auf der Station, denn der Ranger will so schnell wie möglich raus in die Dunkelheit. Eine der wenigen Regeln der Exkursion: keine Taschenlampen benützen! „Wenn ein Lichtstrahl direkt ins Auge fällt, dauert es weitere 30 Minuten bis man sich wieder an die Dunkelheit gewöhnt hat!“ Wir wollen uns hineinfühlen in die Katzen, wie sie leben, wie sie jagen. An ihre Sicht werden wir nicht rankommen, aber ein wenig können sich unsere Augen bald an den Strahlen des Vollmonds orientieren, die durch die Baumkrone gelangen.

Wildkatzen-Lektion 1:

Wie unterscheidet man sie überhaupt von einer normalen Hauskatze? Die Kinder scheinen schon fleißig Vorarbeit geleistet zu haben. Ein buschiger, schwarz geringelter, stumpfendiger Schwanz. Ein graues bis sandfarbenes Fell mit der charakteristischen Fellzeichnung. Äußerliche Hinweise, die gut, aber nicht ganz eindeutig sind. Um hundertprozentig sicher sein zu können, dass es sich beim gesichteten Tier wirklich um eine Wildkatze handelt, müsse man deswegen mit genetischen Analysen arbeiten, so Schedlmayer. Dabei hilft der mit Baldrian versehene Lockstab. Bei der Lockstock-Methode nehmen die Forscher Haare auf, die beim Reiben an den Stock hängen geblieben sind und bringen sie ins Labor. 25 solcher Stationen sind insgesamt über den ganzen Nationalpark hinweg verteilt. Die erste von ihnen wird das Ziel unserer heutigen Wanderung sein.

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Naturnähe großgeschrieben

Neben dem charakteristischen Flusslauf der Thaya scheinen die Katzen zum Wahrzeichen des Nationalparks geworden zu sein. Vor kurzem wurde hier ein Wildkatzencamp eröffnet, das Platz für zwei Schulklassen hat. Sie sind so näher am Wald, durch den wir uns heute bewegen.

Wildkatzen-Lektion 2:

Mäuse, kleine Vögel, gelegentlich ein kleines Kaninchen - das steht auf dem Speiseplan der Wildkatzen, wie die Kinder in Anlehnung an die präferierte Beute ihrer Hauskatzen sofort richtig erraten. Unsere Anpassung an das Wildkatzen-Verhalten geht weiter. Nun geht es darum, so wie eine Wildkatze bei der Nahrungssuche zu denken. Die Kinder sollen die im voraus versteckten Stoffmäuse und -vögel aufspüren. Was sie noch nicht wissen: für das eine Team, das im dichten Wald „jagen“ muss, wird es eine frustrierende Aufgabe. Im lichteren Wald finden es Wildkatze und Menschenkind leichter, denn die Mäuse haben hier nicht so viele Versteckmöglichkeiten.

Fehlender Unterschlupf ist auch einer der Gründe, wieso die Wildkatze in Österreich überhaupt ausgestorben ist. Waldschwund und Veränderungen in der Landschaft haben dazu geführt, dass die Katze immer weiter verdrängt wurde. Die lichteren Flächen wurden mehr, die Versteckmöglichkeiten für die Katzen immer weniger. Früher wurde sie aber auch oft von Jägern als Konkurrenz gesehen und deswegen umgebracht. Heute scheint der Mensch wieder mehr Nähe zum Wilden und zu ihr zu suchen. Waldstücke wurden wieder verbunden und insbesondere das Thayatal mit seinen naturnahen Hangwäldern und dem breiten Nahrungsspektrum scheint das richtige Umfeld für sie zu bilden.

Angekommen am Rande einer Lichtung sehen wir sogleich, was zum Nachweis der Katzen geführt hat. Ein unscheinbarer Lockstock mit dem Baldrian-Gemisch wird noch zusätzlich mit einer Sprühflasche „beduftet“. Gegenüber die Fotofalle, die sich auch bei unseren Bewegungen auslöst und unsere Fähigkeiten zur Nacht-Sicht wieder dezimiert. Aber nicht nur die Wildkatze scheint den intensiven Geruch zu schätzen. Bevor wir uns geblendet auf den Rückweg machen, bestaunen die Kinder noch Fotos von allen anderen Tieren, die auch auf diese Weise in die Falle getappt sind.

14 Wildkatzen-Nachweise in zwölf Jahren - kein Wunder, dass man sie deswegen nicht so einfach zu Gesicht bekommt. Zurück bei der Station gibt es aber trotzdem die Möglichkeit echte Wildkatzen bei der Fütterung zu beobachten. 22 tote Küken werden versteckt, also 11 pro Katze. Die Schleusen öffnen sich und es dauert nicht lange, bis die zwei in Gefangenschaft lebenden Tiere hinaus strömen und sich sogleich auf die Suche begeben. Und auch wir wissen, was zu tun ist: buschiger, markant gezeichneter Schwanz, graues bis sandfarbenes Fell, charakteristische Fellzeichnung - am Ende sind wir uns auch ohne DNA-Analyse sicher, die wilde Katze richtig erkannt zu haben. (Autorin: Katharina Kropshofer)

 

Die Wildkatzen kann man untertags bei der täglichen Fütterung beobachten, in der Nacht  entdeckt man sie bei Exkursionen entdecken, zum Beispiel am Samstag, den 11. August, um 20.00 Uhr und speziell für Kinder am 25.August. Wer glaubt eine Wildkatze gesichtet zu haben, kann das hier melden.

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