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Exkursionsleiter Matthias spricht über die Diversität des Nationalparks Hohe Tauern

Beim Schneeschuhwandern im Nationalpark Hohe Tauern erfährt man einiges über tierische Spezialisten der kalten Jahreszeit: Von Vögeln, die ihre Beute in ihren Bauchfalten auftauen bis zu löffelförmigen Zungen, die fürs Naschen von Fichtensamen genützt werden.

Etwa eine Stunde hat es gedauert bis das Gefühl da, und eine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Schneearten möglich ist: Da ist der weiche, von der Sonne angetaute, der mit jedem Tritt die Schneeschuhe einige Zentimeter in die Tiefe sinken lässt; der schattig gelegene, der sich meist zwischen den Bäumen im Lärchenwald erstreckt und einem zwar bei der ersten Berührung noch Halt bietet aber schon beim zweiten oder dritten Schritt nachgibt und den Fuß wegbrechen lässt; und der pulvrige, der wohl erst seit letzter Nacht die Hügel bedeckt.

Das Schneeschuhwandern im Zedlacher Paradies, einige Kilometer oberhalb von Matrei in Osttirol ist heute definitiv die richtige Fortbewegungsart. Etwa einen Meter hoch liegt der Schnee, dort wo der Wind seine Finger im Spiel hatte oft auch höher. Die Fußverbreiterung durch Plastik und Metall ist deshalb eine Notwendigkeit und wortwörtlich in die Fußstapfen seines „Vorgängers“ zu treten, eine kluge Taktik.

In meinem Fall ist das Exkursionsleiter Matthias, der uns – eine gemischte Gruppe internationaler Gäste, die zum Teil sogar aus Frankreich angereist sind – begrüßt. Die Sonne mit dem Unterarm ausblendend teilt er die Schneeschuhe aus. Eine Erklärung, wie man diese anzieht, ist nicht wirklich notwendig. Intuitiv streifen sich alle die Bänder über die Ferse und schlüpfen mit den Zehen in die kleine, dafür vorgesehene Einbuchtung.

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Zwischen Lärchen und Fichten

Knapp vier Stunden wird uns Matthias kreuz und quer durch den winterlichen Lärchenwald führen, der auch mit ein paar Fichten gespickt ist. Weiter oben verwandelt sich dieser zum Großteil in einen Zirbenwald. Das Besondere daran? „Wir haben einige Lärchen hier, die bis zu 600 Jahre alt sind“, so Matthias, eine davon mit einem Umfang von elf Metern. Die Lichtdurchlässigkeit der Lärchen spielt eine große Rolle: Es ist ein heller Wald, durch den man sich sehr leicht bewegen kann. Verirren kann man sich aber trotzdem, so unser erfahrener Leiter, denn alles schaue gleich aus. „Aber ihr könnt einfach immer abwärts gehen, dann kommt ihr schon wieder herunter“, sagt er lächelnd.

Das Zedlacher Paradies gehört zum Nationalpark Hohe Tauern, eines der größten zusammenhängenden Schutzgebiete Mitteleuropas auf 1856 Quadratkilometer. Hier im Osttiroler Teil bewegen wir uns an der Grenze zwischen der Außenzone, die in Form von Almen bewirtschaftet wird, und der Kernzone, in die nicht eingegriffen wird. Die gnadenlose Schneedecke bedeutet besondere Herausforderungen für Tiere und Pflanzen, die uns Matthias auf dem selbst-gebahnten Weg näherbringt. Sein Erzählfluss reißt eigentlich nie ab, als Anreiz für weitere Anekdoten reicht ein Ton, den er vernimmt, eine Spur, oder ein Relikt, das er im Schnee findet.

 

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Feuerroter Spezialist

So wie den Fichtensamen, den er gleich zur Verkostung anbietet: „Das Fähnchen hintendran sollte man nicht mitessen, aber der Samen ist durchaus genießbar“. Es stimmt: Leicht holzig und knusprig schmeckt er. Meine Leibspeise wird es nicht, sehr wohl jedoch die des Fichtenkreuzschnabels, ein Spezialist der kalten Jahreszeit. Mit seinem überkreuzten Schnabel, der ihm auch seinen Namen gibt, spaltet er die Zapfen so auf, dass er mit seiner löffelformigen Zunge die Samen herausholen kann.

Der Vogel – feuerrot gefärbt wie meine Schneeschuhe - ist einer der einzigen Vögel, die im Winter brüten und das bei bis zu minus 20 Grad. Matthias erzählt von einer Studie, bei der ihre Kälteresistenz gemessen wurde. Entfernte sich die Vogelmutter vom Nest, waren die Jungvögel schon nach kurzer Zeit mit einer Eisschicht überzogen. Sobald die Mutter zurückkehrte, schoss die Temperatur sogleich wieder auf über 40 Grad, wie es bei diesen und auch vielen anderen Vögeln üblich ist.

 

Entfernte sich die Vogelmutter vom Nest, waren die Jungvögel schon nach kurzer Zeit mit einer Eisschicht überzogen.

Und das ist nicht die einzige Anpassung der Vögel: Sie nützen sogenannte „Mastjahre“, also futterreiche Winter, und pflanzen sich schon im Alter von ein bis zwei Monaten wieder fort. Früher entstand deshalb der Aberglaube, dass man den Teufel fernhalten könne, insofern man den Vogel in einem Käfig neben die Tür hängt, erzählt Matthias. „Kein Wunder, wenn man sich überlegt, dass es damals in diesen abgelegenen Gegenden kein Fernsehen und auch kaum Bücher gab. Da hat man sich halt Geschichten erzählt.“

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15.000 Tierarten

Bis zu 3.500 Pflanzenarten und 15.000 Tierarten kann man im Nationalpark Hohe Tauern zumindest im Sommer finden. Das sei vergleichbar mit Zahlen des Regenwalds. Reh, Hirsch, Dachs, Fuchs sind keine Seltenheit. Richtet man den Blick nach oben, können manchmal auch Schwarzadler und Bartgeier gesichtet werden – auch wenn wir in dieser Hinsicht heute kein Glück haben. Auf dem Weg fällt das Gespräch aber noch auf einen weiteren Spezialisten: Den Schneehasen. Mit breiten Füßen, ähnlich unserer Schneeschuhe, und gespreizten Zehen bewegt er sich mühelos über die Schneemassen und hinterlässt charakteristische Spuren: Zwei Abdrücke parallel hintereinander, zwei vorne eng nebeneinander. Auch sie werden selten gesichtet, ihre Aktivzeit beschränkt sich auf Dämmerung und Abendzeit. Und selbst dann sind sie aufgrund ihrer weißen Fellfarbe bestens getarnt. „Bis auf die schwarten Ohrenspitzen, die ihnen als Frostschutz dienen“, sagt Matthias, während er über den Spuren am Boden kauert.

Da er bei winterlichem Nahrungsmangel auch manchmal die Rinde von Bäumen abschält, ist der Schneehase bei den ForstwirtInnen nicht allzu beliebt. In größter Not kann es auch sein, dass er seinen eigenen Kot noch ein zweites Mal frisst. Darin enthalten sind Enzyme, die er braucht um Pflanzenfasern zu verdauen. Beim zweiten „Genuss“ kann er so auch noch die restlichen Nährstoffe aufnehmen.

Auf diese Art geht unsere Exkursion weiter: Links hüpfen Tannenmeisen (die kleinsten Meisen) gar nicht scheu von Ast zu Ast, rechts zeichnet sich im Schnee der Schlafplatz eines Rehs ab, in der Distanz hören wir einen Dreizehenspecht, der sich auf Weichholz spezialisiert hat und den deswegen ein charakteristisches Klopfen auszeichnet. Ein Knorpel zwischen Schnabel und Kopf dämpft diese Schläge, außerdem hat er den Winkel seiner Haltung so perfektioniert, dass die Kraft des Aufschlags über die Schwanzfedern in den Holzstamm abgeleitet wird.

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Die Königin des Waldes

Und plötzlich stehen wir vor ihm, dem König des Waldes: Die 500 Jahre alte Lärche, von der uns zu Beginn des Spaziergangs erzählt wurde, erhebt sich mitten im Wald. Es ist eigentlich kaum vorstellbar, was dieser Riese in seiner übermenschlichen Lebenszeit bereits erlebt haben muss. Seine Rinde erzählt ein paar vereinzelte Geschichten: Da ist das Loch, in dem im Frühling Haubenmeisen brüten, die Höhle am Fuße des Baumes, in dem undefinierbare Exkremente tierische Gäste vermuten lassen, und die verkokelten Narben, die auf mehrere Blitzeinschläge schließen lassen. Den Platz rund um die Lärche haben Matthias und andere Ranger auch schon genützt, um Kauze und Eulen bei nächtlichen Exkursionen zu erspähen. Etwa den Sperlingskauz: Er hat sich als einziger Eulenvogel in der Gegend auf Singvögel spezialisiert und jagt deshalb untertags. Bei erfolgreicher Beute verwahrt er sie in einem hohlen Baumstamm. Dabei frieren sie meist ein, weswegen er seine Bauchfalte benützt, um sie aufzutauen – definitiv meine Lieblingsanpassung der kalten Jahreszeit.

Die vier Stunden sind wie im Flug vergangen. Vielleicht hatten sich einige der Besucher am Anfang der Exkursion die Sichtung von Bartgeier oder Steinadler erwartet. Doch am Schluss kann man mit Sicherheit sagen, dass die Diversität der Tiere und Pflanzen und vor allem die Vielfalt der Überlebenstechniken des Zedlacher Paradieses, keinen Zweifel an der Faszination aufkommen lassen. (Autorin: Katharina Kropshofer)

 

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