„Biodiversität ist für uns kein Fremdwort – sie ist Grundlage unserer Arbeit“, sagt Anna Reichardt, Jungwinzerin und Umweltgemeinderätin, während sie über ihre Weingärten blickt. „Ein gesunder Boden, Bestäuber, Vögel, Reptilien – alles hängt mit den Rebstöcken zusammen. Wenn wir Vielfalt fördern, fördern wir auch die Qualität unserer Weine.“ Und die Vielfalt der Pflanzen und Tiere entfaltet sich gerade neu.
Steinmauern für Eidechsen, Teiche für Frösche
Das Projekt, das der Weinbauverein Donnerskirchen gemeinsam mit Naturschutzorganisationen, der Jägerschaft und dem Naturpark Neusiedler See – Leithagebirge gestartet hat, ist breit angelegt. Entstehen sollen Trockensteinmauern und Lesesteinhaufen, kleine Oasen für Smaragdeidechse, Schlingnatter und Wildbienen.
Mindestens fünf neue Laichgewässer werden Amphibien wie Wechselkröte und Laubfrosch eine Zukunft bieten. Entlang der stark befahrenen B50 wird zudem ein Amphibienschutzzaun erweitert. „Die Teiche waren eine Idee der Jägerschaft“, erklärt Reichardt. „Wildtiere leiden unter der Hitze, sie suchen nach Wasser – und landen dann im Weingarten, wo sie Beeren fressen. Mit neuen Wasserstellen schaffen wir Abhilfe.“
Blühflächen zwischen den Reben
Auch die Weingärten selbst werden Teil des Projekts. Vier Hektar Rebflächen sollen mit regionalem Saatgut begrünt werden. Die artenreichen Blühwiesen schützen vor Erosion, reichern den Boden mit Nährstoffen an und liefern Lebensraum für Bestäuber.
„Schon jetzt summt und flattert es mehr“, erzählt Reichardt. „Wir haben heuer den Bienenfresser gesichtet, Wildbienen sind zurückgekehrt, und die Naturmauern werden sofort von Insekten und Amphibien angenommen. Die Tiere nehmen unser Angebot an.“
Alte Bäume, neues Bewusstsein
Ein weiteres Ziel: die Pflanzung von mindestens 30 Obstbäumen. Sie sind nicht nur traditionelle Landschaftselemente, sondern auch wertvolle Lebensräume für Vögel wie Wiedehopf, Wendehals oder Neuntöter.
Doch nicht nur junge Bäume stehen im Fokus. Alte und tote Bäume gelten vielerorts als störend oder gar gefährlich – dabei sind sie ökologisch unschätzbar. Ein Ganztageskurs für Verwaltung und Bevölkerung vermittelt daher Wissen über Pflege, Haftung und den ökologischen Wert von Altbäumen. „Viele wissen gar nicht, wie wichtig Totholz ist“, sagt Reichardt. „Wenn man das einmal versteht, sieht man alte Bäume mit ganz anderen Augen.“
Gemeinsam statt allein
Besonders bemerkenswert ist die breite Allianz hinter dem Projekt. Neben den Weinbaubetrieben sind auch Jägerschaft und Naturschutzorgane eingebunden.
„Alle ziehen an einem Strang“, so Reichardt. „Jeder bringt Ideen ein, jeder Grundbesitzer entscheidet, welche Maßnahme auf seiner Fläche passt. Da gibt es keine Widerstände. Und durch den Austausch entstehen gleich wieder neue Ideen – auch in anderen Orten schaut man schon neugierig herüber.“
Damit die Maßnahmen nicht nach der Projektlaufzeit versanden, übernehmen lokale Akteure Verantwortung. Die Jäger kümmern sich um die Teiche, Freiwillige aus dem Naturpark helfen beim Bau der Steinmauern, die Betriebe pflegen ihre Begrünungen. „Das Anliegen ist ohnehin da – wir verankern es nur stärker im Alltag“, sagt Reichardt.
Herausforderungen einer Kulturlandschaft
Die Notwendigkeit des Projekts ist groß. Mechanisierung und Rationalisierung haben viele „Störelemente“ wie Steinhaufen oder Einzelbäume aus den Weingärten verschwinden lassen. Trockenheit und Starkregen gefährden Bodenqualität und Erträge. Und Amphibien finden immer weniger geeignete Laichplätze.
„Wenn wir so weitermachen wie bisher, verlieren wir Vielfalt – und am Ende auch die Grundlage für guten Weinbau“, sagt Reichardt. „Darum ist es uns wichtig, wieder ursprüngliche Methoden aufleben zu lassen, Tradition und Moderne zu verbinden.“
Kleine Schritte, große Wirkung
Auf einer Gesamtfläche von rund 400 Hektar Weinbaulandschaft sollen durch die geplanten Maßnahmen fünf Hektar ökologisch verbessert werden. Was auf den ersten Blick klein wirkt, entfaltet in der Fläche große Wirkung: als Trittsteinbiotope, die bestehende Lebensräume miteinander vernetzen.
Schon jetzt zeigt sich: Die Maßnahmen kommen an – nicht nur bei Tieren und Pflanzen, sondern auch in der Dorfgemeinschaft. „Ein Projekt wie dieses schafft Bewusstsein und stärkt das Miteinander“, sagt Reichardt. „Wir sehen, dass wir gemeinsam mehr erreichen – für die Natur, für den Wein und für die Zukunft Donnerskirchens.“
Das Projekt im Weinbaugebiet Leithaberg ist beispielhaft für eine Entwicklung, die weit über Donnerskirchen hinausweist: Weinbau im Einklang mit der Natur. Es ist ein Modell, das Qualität mit Verantwortung verbindet – und zeigt, dass auch kleine Landschaftselemente große Wirkung entfalten können. Oder, wie es Reichardt formuliert: „Unsere Vision im Weinbau ist es, wieder ursprüngliche Methoden aufleben zu lassen – und sie mit modernen Formen des Weinmachens zu verbinden. Nur so bleibt unsere Landschaft lebendig – für uns und für kommende Generationen.“
Über #wein.landschaft
Mit dem Themenschwerpunkt #wein.landschaft stellte die BILLA Stiftung Blühendes Österreich 250.000 Euro für Projekte bereit, die Biodiversität in Österreichs Weinbauregionen fördern. Unterstützt wurden regionale Initiativen und Kooperationen, die Lebensräume wie Trockensteinmauern, Hecken oder extensive Weingärten erhalten und entwickeln. Ziel war es, Artenvielfalt zu stärken, Naturschutz mit Weinbau zu verbinden und traditionelle Kulturlandschaften nachhaltig zu sichern.