Kleine Hände entfernen Unterholz. Eicheln rollen in Sammelbeutel. Und hoch oben in den Kronen beobachtet ein Vogel mit leuchtend blauen Flügelfedern das Treiben – bereit, seinen Teil beizutragen. Im Naturpark Leiser Berge schreiben Kinder und Eichelhäher gemeinsam die Zukunft eines Waldes, der sonst im Schatten ersticken würde.

Denn die Zeit läuft Eichenwäldern davon. Ohne große Pflanzenfresser wuchert das Unterholz und junge Eichen haben keine Chance. Dabei sind gesunde Eichenwälder Hotspots der Biodiversität: Mit ihnen gedeihen Brauner Eichenzipfelfalter, Gelbringfalter, Eichenschwärmer, aber auch Hirschkäfer, Halsbandschnäpper und seltene Orchideen – eine ganze Welt aus Licht und Leben. Was einst Wisente und Auerochsen erledigten, übernehmen jetzt Drittklässler in Kooperation mit dem Eichelhäher.

Der Kreislauf braucht nur einen Stupser

„Die Kinder sind die Lösung", sagt Franziska Denner vom Naturpark Leiser Berge. „Sie entfernen das Unterholz. Dann bieten wir dem Eichelhäher Eicheln an – und er verteilt sie im ganzen Wald. Den Kreislauf gibt es ja schon. Ab und an müssen wir ihn nur anstupsen."

Keine Aufforstungsmaschinen, keine Zäune, keine künstliche Kontrolle. Stattdessen: Kinder, die aktiv werden und ein Vogel, der tut, was er seit Jahrtausenden tut. Und seit 2025 Pferde und Rinder als verlässliche Beweider, die bald die Rolle übernehmen, die einst Wildpferde, Auerochsen und Wisente spielten.

Auf 5.000 Quadratmetern am Buschberg – der höchsten Erhebung des Weinviertels – wird dieser Kreislauf neu belebt. Und das an einem besonderen Ort: dem Ernstbrunner Wald, Teil des größten zusammenhängenden Eichenwalds Österreichs.


Licht ist Leben

Die Naturparkbiologin führt die Kinder durch den Wald. Hier dicht und dunkel, kaum Bewuchs am Boden. Dort, wo Licht durchflutet – ein Teppich aus Blüten. Im lichten Bereich summt, krabbelt, flattert es.

„Für die Naturverjüngung der Eichen brauchen die Jungbäume viel Licht", erklärt Denner. „in den gängigen Wäldern gibt es aber zu wenig Licht für Eichen und einer artenreichen Vielfalt.”
Also greifen die Kinder ein. Fünf Klassen aus drei Naturparkschulen. Sie zwicken, schneiden, schleppen. Am Weg in den Wald und zurück wird erklärt, geforscht, gestaunt. Wissen, das verinnerlicht wird, weil es mit den eigenen Händen erarbeitet wurde.
 

Der gefiederte Komplize

Dann kommt Phase zwei: die Eicheln. Der Eichelhäher versteckt sie als Wintervorrat, vergisst viele davon. Aus denen wachsen neue Eichen. Seit die Wälder existieren, funktioniert diese gefiederte Partnerschaft.
Allerdings: 2025 machte die Natur einen Strich durch die Rechnung. „Wir haben heuer ein sehr schlechtes Eicheljahr erwischt. Kaum Eicheln." Die Kinder mussten jeden Zentimeter Waldboden absuchen und mühsam Eicheln sammeln. Wenig Ausbeute, große Lektion: Manchmal muss man der Natur etwas nachhelfen.

Doch die Kinder legen nach. Sie suchen unermüdlich Eicheln und platzieren sie auf einen Häher-Tisch, wo der Eichelhäher sie findet. Er verteilt sie im aufgelichteten Bereich. Perfekte Arbeitsteilung.


Zurück in die Zukunft


„Wir denken, der dichte Wald aus dem 19. Jahrhundert sei natürlich", sagt Denner. „Aber früher lebten Megaherbivoren, riesige Pflanzenfresser,  im Wald. Was wir heute unter Wald kennen, ist arm an Vielfalt und dunkel." Wisente, Auerochsen, Wildpferde – sie hielten Europas Wälder offen, licht, lebendig.

Der Naturpark Leiser Berge setzt an diesem naturnahen Konzept an: Plötzlich sind die Pferde und Rinder auf den „Wilden Weiden" des Naturparks keine Sonderlinge im Wald, sondern Stellvertreter einer vergessenen Ordnung. Die Kinder lernen, warum die Tiere im Wald stehen. Sie verstehen den Kreislauf. Wenn sie später als Erwachsene durch diese Wälder gehen, werden sie sich erinnern: Wir haben das mitgestaltet.

 

Wälder, die wieder atmen


Mit jedem Unterholz, das weicht, strömt Licht auf den Waldboden. Mit jeder Eichel, die der Häher vergräbt, wächst eine mögliche Zukunft. Mit jedem Kind, das versteht, entsteht Verantwortung.

Die Vision ist greifbar nah: Ein Eichenwald, der atmet. Offen, hell, voll summenden, singenden, blühenden Lebens. Ein Wald, in dem Kinder nicht Besucher sind, sondern Mitschöpfer. Ein Wald, der zeigt, wie Naturschutz aussieht, wenn man der Natur vertraut – und ihr nur ab und zu einen kleinen Stupser gibt.
Der Kreislauf läuft. Er braucht nur manchmal engagierte Menschen. Und einen Vogel mit blauen Federn, der weiß, was zu tun ist.

Auch andere Regionen werden hellhörig. Ein Schutzpark-Manager aus dem Bereich beweideter Wälder hat vom Eichelhäher-Tisch, einen Tisch voll gefüllt mit Eicheln,  gehört und will die Methode übernehmen – das Bündnis mit dem gefiederten Waldverjüngerer. Aus einem lokalen Experiment wird eine Bewegung.
 
Dieses Projekt wird durch den Biodiversitätsfonds des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft gefördert, die NextGenerationEU und von Blühendes Österreich - BILLA gemeinnützige Privatstiftung kofinanziert.


 

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