Orchideen: Die große Kunst des kleinen Naturschutzes

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In einem Naturschutzgebiet in der Wachau finden sich Halbtrockenwiesen mit vielen, seltenen Orchideenarten. Die Maßnahmen, um sie zu schützen mögen zwar trivial klingen. Aber sie sind kleine Bausteine für einen Natuschutz, der regional sehr bedeutsam ist.

Naturschutz. Ein großes Wort, das oft mit großen Taten assoziiert wird: die Erhaltung des Regenwalds, der Schutz von aussterbenden Arten oder die Errichtung von Zonen, zu denen Menschen keinen Zutritt haben. Aber was wären die großen Taten ohne eine Versammlung von vielen, vereinzelten Leuten? Wie könnten sie überhaupt erst so groß werden ohne den kleinen Initiativen, die auf ein Thema zum ersten Mal aufmerksam machen?

Blick von der Orchideenterrasse auf Melk und die Wachau. (c) Katharina Kropshofer

Von Theorie und Praxis

Naturschutz braucht Regionalkompetenz. Das sind die Worte, mit denen man auf der Homepage des Vereins Lanius begrüßt wird. Lanius, das ist der lateinische Name der Echten Würger, eine Gattung heimischer Sperlingsvögel zu denen beispielsweise der bedrohte Neuntöter (Lanius collurio) gehört. Vor zwanzig Jahren traf sich so eine Gruppe motivierter Mostviertler mit dem Ziel, Naturschutzthemen aktiv umzusetzen. Insgesamt betreut Lanius 40 Hektar Land im Zentralraum Niederösterreich. Anfangs drehten sich die Themen rund um die Ornithologie, heute reichen ihre Einsätze von der Beratung wissenschaftlicher Studien, zu Pflegeeinsätzen und gezieltem Ankauf und Pacht ausgewählter Flächen. So wie heute, in der Wachau, oder genauer gesagt, im Naturschutzgebiet Pielachmündung/Steinwand in der Nähe von Melk. Blühendes Österreich unterstützt Lanius im Rahmen seines Naturschutzprogramms FLORA.

Es sind die üblichen Verdächtigen, die zum Einsatz gekommen sind, erzählt Roman Portisch, stellvertretender Obmann von Lanius. Sie alle haben ein Naheverhältnis zur Fläche, waren vielleicht schon als Kinder oft dort, oder sind generell in ihrer Gemeinde engagiert und kommen so zu den Aktivitäten des Vereins. Im „normalen Leben“, wie sie es lächelnd nennen, sind die Freiwilligen, Lehrer und Lehrerinnen, Landesangestellte oder Ingenieure und Ingenieurinnen. Viele von ihnen haben auch beruflich was mit Naturschutz zu tun. Trotzdem sind zehn von ihnen an einem Samstagmorgen ausgerückt, um die Theorie ihrer Arbeit in die Praxis umzusetzen.

Unser gemeinsames Ziel ist eine geschützte Orchideenterrasse, unweit von dem Ort, an dem die Pielach in die Donau mündet. Dort, und in den umliegenden Wiesen und Waldstücken, sollen Pflegemaßnahmen vorgenommen werden, die von der Entfernung invasiver Pflanzen bis hin zur Weidezaun-Errichtung reichen. Hannes Seehofer, der Einsatzleiter, geht mit schnellem Schritt voran. „Das ist Lanius, das ist Lanius, das konnten wir leider nicht erwerben, aber das ist Lanius“, sagt er und nur schwer kann man seinem Finger folgen, der auf dem Weg zu unserer Fläche die Gründe des Vereins in der Luft markiert. Hört man ihm zu, hat hier jede Weggabelung, jeder Baum und jede Mulde eine Geschichte. Eine alte Eiche liegt wie ein riesiger Kadaver auf dem Wegrand. Sie wurde absichtlich dort liegen gelassen, sagt Hannes Seehofer, und die Natur holt sie wieder zu sich zurück: nun, innerhalb kürzester Zeit, sprießen schon wieder neue Pflanzen aus den Astlöchern, und Käfer, Ameisen und Spinnen krabbeln bereits über den zerfallenden Stamm.

Die Freiwilligen tragen ihre Werkzeuge zur Fläche (c) Katharina Kropshofer

Ein Schritt, ein Atemzug, ein Rechenstrich

Motorsensen, Astscheren und Rechen – sie sollen heute zu unseren besten Freunden werden. Die Gruppen für die verschiedenen Aufgaben bilden sich quasi wie von selbst. Ein paar verschlägt es in den Wald, um Götterbäume auszureißen, die hier nicht natürlich vorkommen und den heimischen Arten Raum und Licht zum Wachsen wegnehmen. Ein paar andere schnappen sich wohlwissend die Motorsensen und den dazugehörigen Hör- und Sichtschutz. Den Rechen, der mir bleibt, sehe ich anfangs skeptisch. Das soll mein Instrument für den Naturschutz sein?

Die Flächen, auf denen wir uns heute bewegen, werden nur teilweise beweidet. Die anderen, insbesondere die Mäh-Halbtrockenrasen auf denen viele seltenen Pflanzen wachsen, müssen heute händisch gemäht werden. Besonders wertvoll sind die vielen Orchideen, die sich hier finden. 65 heimische Vertreter hat diese Pflanzenfamilie, die vielen nur als Tropenpflanze bekannt ist. „Heuer hatten wir eine schwache Orchideenblüte, weil es so trocken war“, erzählt Hannes Seehofer. Nur etwa zwei Wochen hätte der Übergang von Winter zu Sommer gedauert, weswegen die Blütezeit massiv verkürzt war. Man tauscht sich aus über die Ernte, die Konflikte, die Veränderungen. Und Seehofer beruhigt zumindest bei einer Sache: „Die Orchideen sind nun schon längst verblüht, also können wir beruhigt mähen.“

Auf dem Weg zu meinem Wiesenstück springen hunderte Heuschrecken an meinen Beinen hoch, wie kleine Hunde, deren Besitzer zu lange weg war und nun zum Füttern zurückkommt. Es dauert nicht lange, dann bin ich schon mit dem Rechen verwachsen und in einem meditativen Trott versunken. Ein Schritt, ein Atemzug, ein Rechenstrich. Die Stunden vergehen wie Minuten und der Blick auf das Resultat fühlt sich gut an.

Kurz muss der Rechen auch mal ruhen (c) Katharina Kropshofer

Naturschutz liegt im Kleinen

„Was gibt es schöneres als zurückzugeben?“. „Die Natur ist einfach schützenswert“. Und „Eigentlich steht am Ende der Arbeit nur Profit: für sich selbst und die Umwelt“. Das sind die Antworten, die ich von den Freiwilligen bekomme, wenn ich am Ende des Einsatzes nach ihrer Motivation frage. Die Selbstverständlichkeit, mit der etwas gemacht wird, das Gefühl der Obhut und Fürsorge, die von den Freiwilligen ausgestrahlt wird – all das sind Sachen, die mich beeindrucken und die auch ansteckend sind.

250 Mitglieder zählt Lanius, etwa zehn Prozent, so Roman Portisch, sind auch wirklich aktiv dabei. Lanius ist also ein kleiner Verein. Aber sie sind hier und sie sind aktiv – und das alles freiwillig. Das geht mir nach diesem Tag nicht mehr aus dem Kopf. Naturschutz liegt oft in den kleinen Sachen: die blühenden Schafgarben und der Wiesensalbei, die beim Mähen für die Schmetterlinge stehengelassen werden, die Fledermausbretter, die an jeder Ecke auf einem Baum hängen, und die Begeisterung, mit der die Teilnehmer in der wohlverdienten Pause mitgebrachte Pflanzen, Blätter und Federn bestimmen.

Klar, aktiver Naturschutz bedeutet mehr Schweiß als der Klick mit der Computermaus, der eine Spende überweist. Aber die getane Arbeit, die gezielte Anstrengung, können auch einem selbst richtig gut tun – und das war schon immer eine gute Motivation. (Autorin: Katharina Kropshofer)


Lanius sucht Freiwillige! Wer auch aktiv werden will, oder einfach nur an Exkursionen, Vorträgen und einer Forschungsgemeinschaft interessiert ist, kann sich hier informieren.


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